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Studio 9 | Beitrag vom 13.01.2020

Siemens und der Kohlebergbau in AustralienVerantwortung für Aktionäre vs. Verantwortung für den Planeten

Von Mischa Ehrhardt und Lena Bodewein

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Eine Demonstrantin hält ein Schild mit der Aufschrift "Hätte, könnte, machen, jetzt!" in die Höhe, wobei die ersten beiden Worte durchgestrichen sind. (Imago / Jannis Große)
Demonstration von Schülern gegen Siemens in Hamburg: Hätte Siemens sich anders entscheiden können oder sogar müssen? (Imago / Jannis Große)

Siemens wird sich an dem Projekt eines riesigen Kohlebergwerks in Australien beteiligen – trotz der Einwände von Klimaschützern. Dafür steht der deutsche Konzern in der Kritik. Ein Pro und Contra von Mischa Ehrhardt und Lena Bodewein zur Siemens-Entscheidung.

Pro – oder warum Siemens gar nicht anders konnte, als den bereits geschlossenen Vertrag einzuhalten. Von Mischa Ehrhardt

Natürlich ist die Entrüstung verständlich. Nur hartgesottene und lernresistente Klimaleugner können noch die Auffassung vertreten, wir könnten so weitermachen wie bisher und Kohle verbrennen, als gäbe es kein Morgen. So mag man auch in diesem Fall die Siemens-Entscheidung für den Bau der Signalanlage kritisieren. Doch ist es nun einmal die Aufgabe einer Konzernführung, im Sinne des Unternehmens zu handeln.

Es mag abgedroschen klingen: Doch das Management eines Aktienunternehmens ist zuerst seinen Anteilseignern, den Aktionären verpflichtet. Hauptanliegen solcher Unternehmen ist es nun einmal, Gewinne zu erwirtschaften. Dazu gehört, zuverlässig gegenüber Geschäftspartnern zu sein. Pacta sunt servanda – Verträge sind einzuhalten – ist einer der Grundsätze des öffentlichen und privaten Rechts.

Aufträge für den Schutz von Arbeitsplätzen

Der Vertrag für die umstrittene Signalanlage wurde bereits vor einem Monat unterzeichnet. Als Chef eines Konzerns mit seinen fast 400.000 Beschäftigten weltweit sichert Joe Kaeser durch Zuverlässigkeit Aufträge in der Zukunft und damit auch Arbeitsplätze. Im Übrigen setzt die australische Regierung doch die Spielregeln und Rahmenbedingungen fest, innerhalb derer Unternehmen agieren können – oder eben nicht agieren dürfen.

Jo Kaeser weist in seiner Stellungnahme ausdrücklich darauf hin, dass er vorher bei der australischen Regierung nachgefragt hat. Das australische Volk habe bei Wahlen im vergangenen Mai für das Adani-Projekt seine Stimme abgegeben, hieß es vom zuständigen Minister in Canberra. Der Minister bat Siemens deshalb ausdrücklich, der lauten Anti-Kohle-Minderheit nicht nachzugeben. Das Problem sitzt also eher in Canberra als in München.

Startschuss zum Umdenken

Auf einem anderen Blatt Papier steht, wie man mit solch umstrittenen Geschäften in Zukunft umgehen sollte. So gesehen ist die Entrüstung heute vielleicht der Startschuss für ein Umdenken und Umlenken in den Chefetagen der Konzerne von morgen. Das wäre zu begrüßen. So hätte das fragwürdige Projekt am Ende sogar noch zum Klimaschutz beigetragen.


Contra - oder warum es manchmal auch eine Frage der Moral ist, nicht alle Geschäfte einzugehen. Von Lena Bodewein

Was soll das denn für ein Signal sein? Wir bei Siemens halten uns an Verträge? Dafür lassen wir die Umwelt vor die Hunde gehen? Die Argumente des Siemens-Chefs scheinen billig, die Entschuldigungen kleingeistig, während die Signalwirkung dieser Entscheidung immens ist. Joe Kaeser schreibt, dass es Wettbewerber um die Ausführung der Zugsignalanlage gibt – wenn Siemens sie nicht baut, dann macht es jemand anderes. Mag sein, aber nur der Ruf von Siemens ist ruiniert.

Umstände in Betracht ziehen

Es gebe kaum einen Weg, aus dem Vertrag auszusteigen, so Kaeser. Aber seltsam, dass es anderen Firmen gelungen ist, sich aus ihren Verpflichtungen gegenüber Adani zu verabschieden. Natürlich sind Verträge einzuhalten, sonst gilt ein Vertragspartner bald als unzuverlässig. Aber es gibt Umstände, die einen das überdenken lassen sollten.

Die Waldbrände in Australien sind ein solcher Umstand. Hier geht es nicht um treuhänderische Pflichten, wie Kaeser sie benennt, hier geht es um Moral und einen brennenden Kontinent. Und wer ein Unternehmen führt, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, seinen Teil zur Rettung des Planeten beizutragen, der sollte sich auf die moralische Verpflichtung besinnen. Sonst wirkt das Ganze mit der Rettung des Planeten nur wie ein Deckmäntelchen.

Signal verpasst

Siemens folgt der Kohle von Adani, aber, das betont Kaeser, dafür wollen sie ein Nachhaltigkeitskomitee einsetzen, das auch die Jugend miteinbezieht. Tolle Sache – siehe Stichwort Deckmäntelchen – aber noch toller wäre ein Start dieses Komitees mit einem Ausstieg bei Adani gewesen. Das wäre ein deutliches Signal in Richtung Zukunft und Moral gewesen.

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