Montag, 17.02.2020
 

Tonart | Beitrag vom 23.01.2020

Siemens-Preisträgerin Tabea Zimmermann"Der Weg zur Bratsche war früh vorgezeichnet"

Moderation: Carsten Beyer

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Die Bratschistin Tabea Zimmermann (dpa / picture alliance / Hermann Wöstmann)
Die Bratschistin Tabea Zimmermann (dpa / picture alliance / Hermann Wöstmann)

Mit dem hochdotierten Ernst-von-Siemens-Preis wird die Bratscherin Tabea Zimmermann geehrt. Im Interview spricht sie über ihre Lieblingskomponisten, erzählt von ihrer Begeisterung für das Unterrichten - und von ihren "strengen Ohren".

Carsten Beyer: Immer im Oktober steigt die Spannung: Wer bekommt die Nobelpreise? Und immer Ende Januar, da wird dann bekanntgegeben, wer den Ernst von Siemens Musikpreis bekommt, der umgangssprachlich als Nobelpreis der Musik bezeichnet wird.

In diesem Jahr bekommt ihn eine Künstlerin, die "alle Energie darauf lenkt, zum Kern des musikalischen Wesens vorzudringen und diese Erfahrung mit dem Publikum zu teilen". Die Rede ist von der Bratschistin Tabea Zimmermann. War das für Sie eine völlige Überraschung, dieser Preis? Oder haben Sie vielleicht doch insgeheim schon mal gehofft, ihn irgendwann mal zu bekommen?

Tabea Zimmermann: Ich muss sagen, ich war total überrascht. Ich habe eine solche Hoffnung nicht gehegt. Ich habe mich dafür auch nicht wirklich als Kandidatin gesehen. Aber ich freue mich ungemein.

Carsten Beyer: Die Bratsche ist ja insgesamt ein Instrument, das es nicht leicht hat. Das zeigt sich schon an der Zahl der mehr oder weniger gelungenen Bratschisten-Witze. Sie selbst sind zur Bratsche gekommen, hab ich gelesen, weil es in ihrer Familie Geige und Cello schon gab. Das war schon vergeben. Hat es das für Sie leichter oder schwerer gemacht, Ihren eigenen Weg zu gehen, Ihre eigenen Wegmarken zu setzen?

Tabea Zimmermann: Der Weg war natürlich relativ früh vorgezeichnet dadurch, dass dann übrigens der ältere Bruder noch das Klavier 'besetzt' hatte.

Keine Bratschen-Literatur für Kinder

Carsten Beyer: Sie waren sechs Kinder zu Hause.

Tabea Zimmermann: Ja, ich war lange Zeit als vierte die Jüngste. Und dann kamen später noch zwei Brüder nach. Der Weg zur Bratsche war relativ früh vorgezeichnet, würde ich sagen. Aber ich hatte auch einen so fantastischen Lehrer, der mir von Anfang an meinen eigenen Platz, meine eigene Sprache gegeben hat. Und damit konnte ich mich sehr früh identifizieren.

Ich habe im Unterschied zu anderen auch darauf bestanden, originale Bratschen-Literatur zu spielen, ich wollte einfach meine eigene Ecke haben. Aber das war, glaube ich, eine schwere Übung für den Lehrer! Finden Sie mal originale Bratschen-Literatur, die für kleine Kinder geeignet ist.

Carsten Beyer: Auf diesem Weg, den Sie beschritten haben als Musikerin, da hat ja auch die zeitgenössische Musik immer eine große Rolle gespielt. 50 Uraufführungen stehen da zu Buche, Konzerte, Kammermusikwerke. Was ist Ihnen speziell wichtig? Warum immer wieder die Neue Musik?

Tabea Zimmermann: Mir ist ganz wichtig, niemals stehenzubleiben, weiterzugehen, Neues auszuprobieren. Und ich habe viele Anregungen gerne angenommen und klangliche Möglichkeiten ausprobiert, die Bratsche in verschiedenen Klangverbindungen mit anderen Instrumenten auch neu zu definieren.

Ich finde das wahnsinnig reizvoll, das Repertoire zu erweitern. Die Bratsche wird wahrscheinlich nie den Platz der Violine einnehmen, und das ist vielleicht auch ganz gut so. Aber ich könnte mir mein Musikersein ohne die Beschäftigung mit der zeitgenössischen Musik gar nicht vorstellen.

Carsten Beyer: Gibt es da eigentlich irgendeinen Lieblingskomponisten, ein Werk, wo Sie jetzt sagen würden, wenn man die Preisträgerin Tabea Zimmermann mal wirklich kennenlernen will, das sollte man sich anhören?

Tabea Zimmermann: Schwierig, einzelne Werke hervorzuheben. Ich würde gerne eine Gruppe von vier Werken benennen. Da ist zum einen der Enno Poppe mit seinem Bratschenkonzert "Filz", eine ganz eigene Sprache des Umgangs mit dem Instrument. Dann fällt mir George Lenz ein, den ich in seiner Feinheit, die Bratsche einzusetzen und Orchesterklänge zu schreiben, sehr, sehr besonders finde. Dann Michael Jarrel, der ein unglaublich virtuoses und vielseitiges Bratschenkonzert geschrieben hat. Und im letzten Jahr gab es noch York Höller, der ein eher klassisch angelegtes, großes Bratschenkonzert mit einem wunderbaren langsamen Satz geschrieben hat. Diese vier letzten, das würde ich sagen, das waren so die Lieblinge der letzten Zeit.

"Ich liebe das Unterrichten"

Carsten Beyer: Das sind Sachen, die man dann auch mal anhören kann, ja anhören sollte. Nun geben Sie Ihre Erfahrungen ja auch weiter als Lehrerin. Sie sind schon ganz jung Professorin geworden - in Saarbrücken war das und seit 2002 sind Sie jetzt Professorin an der Hanns Eisler Musikhochschule in Berlin. Auf was legen Sie besonderen Wert, wenn Sie nun jungen Musikern Ihre Erfahrungen weitergeben?

Tabea Zimmermann: Ich liebe das Unterrichten. Ich bin schon über 30 Jahre dran. Was ich ganz besonders wichtig finde, ist die Begleitung der Menschen über einige Jahre. Also ich finde, das Schöne in der Musikausbildung ist immer noch dieses Eins-zu-eins. Wir haben zwar oft auch Beobachter und Zuhörer mit dabei, aber es geht doch bei jedem jungen Menschen um eine ganz eigene individuelle Stärkung der Begabungen und das Ausgleichen der vielleicht noch vorhandenen Schwächen. Aber ich möchte ein umfassendes Bild über die Musik mitgeben können und den Menschen sehen, der da vor mir steht. Ich glaube, da gibt es vielleicht Aspekte im Unterricht, die ich besonders hervorhebe.

Carsten Beyer: Wir sprechen nachher in dieser Sendung noch über einen Film, der heute in die Kinos kommt: "Das Vorspiel" mit Nina Hoss. Da geht es um eine Musiklehrerin, die ihre Schüler mit großer Strenge geradezu nach vorn gepeitscht, nicht zuletzt deshalb, weil sie es selbst in ihrer Karriere nicht ganz nach oben geschafft hat. Diese Gefahr besteht bei ihnen zumindest nicht. Aber sind Sie auch eine eher strenge Lehrerin? Oder wie gehen Sie da vor?

Tabea Zimmermann: Ich denke, es gibt gewisse Elemente, wo die Ohren relativ fein eingestellt sind, also bei Klangqualität und Intonation würde ich schon sagen, dass ich eher strenge Ohren habe. Aber das ist kein strenger Umgang mit dem Menschen, der vor mir steht. Ich finde immer wichtig, dass man das Persönliche gewissermaßen ausklammert, und sich gemeinsam auf das Werk bezieht, was man vor sich hat und sagt: Was braucht dieses Stück, was möchte ich hören? Und dann kann man auch mit viel Energie daran arbeiten, dass man diesem Ziel immer näher kommt.

Mit Instrument nicht zu bremsen

Carsten Beyer: Nun sind Sie eine vielgefragte Solistin: Sie spielen wirklich international. Ich habe mir mal Ihren Tourkalender angeguckt, da wird einem schwindlig. Sie sind Hochschullehrerin, und Sie haben auch noch drei Kinder. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

Tabea Zimmermann: Das war nicht immer einfach, aber ich arbeite gerne viel. Und sobald ich ein Instrument in der Hand habe, bin ich irgendwie nicht zu bremsen. Also da ist gleichermaßen auch Ansporn, auch jetzt durch den Preis. Da ist noch mal mehr Antrieb dran zu denken: Jetzt möchte ich es wirklich so gut wie möglich weitermachen!

Carsten Beyer: Kommen wir zum Schluss noch einmal auf den Preis zurück. Der wird am 11. Mai verliehen, im Prinzregententheater in München. Und der ist immerhin mit einer Viertelmillion Euro dotiert. Ist das für Sie vor allem ein Zeichen der Wertschätzung und der Anerkennung? Oder ermöglicht das auch ganz konkrete Projekte, die Ihnen vorschweben, die Sie jetzt realisieren können?

Tabea Zimmermann: Ich muss sagen, dass die Summe mich noch immer schockiert, aber ich betrachte das nicht als 'mein Geld'. Also ich werde das erst einmal auf ein Sonderkonto tun und mir dann in aller Ruhe überlegen, welche Projekte ich damit finanzieren möchte. Es wird sicher nicht zur Ausgestaltung meines Wohnzimmers eingesetzt werden.

Tonart

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