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Länderreport | Beitrag vom 03.02.2020

Sieben Jahre Sanierung an Berliner GrundschuleProtest gegen "BER von Kreuzberg"

Von Claudia van Laak

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Im Vordergrund steht ein Container, im Hintergrund das Gebäude der Kurt-Schumacher-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, das saniert werden soll.  (Deutschlandradio / Claudia van Laak)
Sieben Jahre steht das Gebäude der Kurt-Schumacher-Grundschule in Berlin-Kreuzberg schon leer - für manche hat die Sanierung Ähnlichkeiten zur Dauerbaustelle des neuen Berliner Flughafens BER. (Deutschlandradio / Claudia van Laak)

Die Kurt-Schumacher-Grundschule in Berlin-Kreuzberg soll saniert werden – seit sieben Jahren wird im Hort nebenan unterrichtet. Platzmangel ist Dauerzustand. Eine Elternsprecherin bemüht nun den Verweis auf den extrem verspäteten Berliner Flughafen BER.

"Hier wohnt der Fuchs", sagt Henrike Hüske und zeigt auf ein zugewachsenes und verwildertes Areal. An dieser Stelle befand sich früher der Schulhof der Kreuzberger Kurt-Schumacher-Grundschule

Jetzt hat sich hier die Stadtnatur ausgebreitet. "Hier sind die Tischtennis-Platten, wenn man das Laub ein bisschen wegschiebt, sieht man die Bemalungen, wo die Kinder Hüpfspiele machen konnten, Fahrradbügel. Die Natur holt sich das zurück."

Baustelle ohne Gerüst und Baufahrzeug

Die Elternsprecherin steht vor einem dreistöckigen, grau-braunen Flachbau. An der Seitenwand befindet sich ein Bauschild. "Derzeit ist eine Fertigstellung dieses Abschnitts zum Schuljahr 2018/2019 geplant" – ist da zu lesen. Dieses Schuljahr ist bekanntlich schon vorbei.

Seit sieben Jahren steht das Gebäude leer. Im Dezember organisierte Henrike Hüske deshalb einen Protest-Umzug mit Schülern, Lehrern und Eltern. "Die meisten Kinder wussten nicht, dass das ihre Schule ist und sie haben es auch nicht als Baustelle wahrgenommen. Weil es nicht aussieht wie eine Baustelle. Es ist kein Baugerüst, kein Baufahrzeug, keine Bauarbeiter, kein Lärm, es ist nicht erkennbar. Sie laufen an dem leeren Gebäude vorbei, erkennen es aber nicht als Schule."

Essen im Klassenzimmer

Im Hortgebäude nebenan – seit sieben Jahren Ausweichquartier der Kreuzberger Kurt-Schumacher-Grundschule – stellt die 2a gerade alle Tische und Stühle um – für das Mittagessen. Eine Mensa gibt es nicht für die 260 Schülerinnen und Schüler der Ganztagsgrundschule.

"Wir essen bei uns im Klassenzimmer, weil es sonst keinen Raum gibt wo wir essen können."

"Es ist nicht so richtig schön, ich hätte gerne einen Essensraum."

"Nicht so schön ist, dass wir nicht so viel Platz haben. Wir müssen immer in einem Raum sein, verbringen da auch die Freizeit."

Platzmangel überall

Weder die Kinder haben genügend Platz noch die Mitarbeiter. Während die Lehrerinnen und Lehrer wenigstens noch einen Aufenthaltsraum in Wohnzimmergröße haben, können sich die Erzieherinnen nirgendwo zurückziehen. Das Unterrichtsmaterial befindet sich unter anderem in zwei Containern, die vor dem Ausweichgebäude stehen.

Lehrerin Johanna Antoni: "Das ist im Alltag ganz problematisch, dass das Material überall verteilt ist, nicht richtig zugänglich. Dass wir uns ganz viel absprechen müssen, dass wir unseren Unterricht eigentlich nicht so organisieren können, wie es sein müsste."

Schulleiter Lutz Geburtig ergänzt: "Dass wir eben keinen Fachraum für Naturwissenschaften haben, keinen Fachraum für Englisch, keinen Fachraum für Musik. Dass wir keine Sporthalle haben. Seit sieben Jahren!"

Jedes Jahr wieder vertröstet ihn der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg: "Warum dauert das so lange? Und es ist mir tatsächlich ein Rätsel. Ich habe mittlerweile in den zurückliegenden sieben Jahren ganz ganz viele Erklärungen und Begründungen gehört. Und frage mich das trotzdem nach sieben Jahren: Warum dauert das so lange?"

Schnellere Baufertigstellung "leider nicht möglich"

Nachgefragt beim Grünen-Baustadtrat des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt. Er sagt einen Termin zu, eine Stunde vorher allerdings wieder ab. Antworten auf die Fragen gibt es nur schriftlich. "Die ursprüngliche Erwartung einer Baufertigstellung 2015/2016 konnte wegen etlicher sehr unglücklicher Entwicklungen auf der Baustelle leider nicht erfüllt werden. Eine kurzfristige Abhilfe im Sinne einer schnelleren Baufertigstellung ist leider nicht möglich."

Auf einem weißen Stofftuch in der Kurt-Schumacher-Grundschule in Berlin-Kreuzberg steht "7 Jahre Baustelle uns reichts."  (Deutschlandradio / Claudia van Laak)Protestplakat im Ausweichquartier der Kurt-Schumacher-Grundschule. Die zuständige Behörde erwartet eine Fortsetzung der Sanierungsarbeiten im Frühsommer. (Deutschlandradio / Claudia van Laak)

Wäre die Kurt-Schumacher-Grundschule schon saniert, wenn Schulleitung, Lehrer und Eltern früher Alarm geschlagen hätten, auf die Straße gegangen wären, die örtlichen Abgeordneten eingeschaltet hätten?

Schulleiter Lutz Geburtig fragt sich manchmal, ob nicht alle viel zu nett sind. Unsere Kinder stammen fast alle aus Migrantenfamilien, erzählt er, und diese Eltern protestieren nicht gegen deutsche Autoritäten. "Es sind Eltern, die ganz lange Vertrauen in unsere Bürokratie hatten, das wird ganz deutlich gesagt, das ist ein ganz großes Plus in Deutschland. Die auch den Ämtern vertrauen – ganz lange. Und langsam verschwindet das Vertrauen auch. Viele Eltern sagen jetzt, dass hätten sie sich anders vorgestellt. Sie sagen, sind wir wirklich hier in Deutschland?"

Twitter-Blockade durch den Baustadtrat

Wann wird aus dem Geisterhaus nun wieder eine Baustelle? Und wann kann die Schule endlich wieder zurückziehen in ihr ursprüngliches Gebäude? Die Auskunft vom Bezirksamt: "Das Bezirksamt erwartet, dass die Baumaßnahmen voraussichtlich im Mai/Juni 2020 wieder aufgenommen und ein Jahr später abgeschlossen werden können."

Elternsprecherin Henrike Hüske hat keine Geduld mehr. Auf dem Twitter-Account "BER Kreuzberg" veröffentlicht sie triste Schulfotos und flehentliche Kinderbriefe an Baustadtrat Schmidt. Die Reaktion des Baustadtrates erfolgte prompt – er blockierte die Elternsprecherin bei Twitter.

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