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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.12.2008

"Sie steht da als ein Monument"

Stephane Hessel über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vor 60 Jahren

Stephane Hessel im Gespräch mit Leonie March

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Flüchtlinge im Kongo (AP)
Flüchtlinge im Kongo (AP)

Der ehemalige französische Sonderbotschafter Stephane Hessel hat die Bedeutung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hervorgehoben. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sei es von großer Wichtigkeit gewesen, zu zeigen, "dass der Mensch nicht nur die Bosheit in sich hat, sondern auch die Güte und die Großherzigkeit", sagte der Mitverfasser der Erklärung.

Leonie March: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. So beginnt der Artikel 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie ist die Grundlage des humanitären Völkerrechts, sie gilt universell. Heute vor 60 Jahren ist sie von der Generalversammlung der gerade erst gegründeten Vereinten Nationen in Paris verabschiedet worden. Als junger Diplomat war damals Stephane Hessel an den Beratungen beteiligt. Der französische Sonderbotschafter ist einer der Verfasser der Erklärung. – Guten Morgen, Herr Hessel.

Stephane Hessel: Guten Morgen.

March: Mit welchen Gefühlen blicken Sie heute am Jubiläum zurück auf diesen bedeutenden Tag?

Hessel: Mit dem Gefühl, dass wir damals etwas leisten konnten, was uns eine neue Grundlage für die Wahrung der Grundlagen des 20. und 21 Jahrhunderts bieteten. Wie Sie hören ist meine Stimme sehr schwach, aber ich wollte doch dem deutschen Publikum sagen, wie wichtig es für uns alle ist, dass Deutschland gerade dieses Jahrhundert so überwunden hat, dass es nicht nur die Schrecken des Nazismus gekannt hat, sondern auch die Schwierigkeit einer Kultur, wo zwei Deutschlands gegeneinander standen. Und das haben die Deutschen jetzt auch überwunden, sodass für uns dieses Datum des 60. Jahrestages ein sehr positives ist. Wir haben jetzt die Möglichkeit, für Europa dazustehen. Ich war vor zwei Wochen in Nürnberg und vor einer Woche in Weimar und es ist so gut, dass jetzt die Deutschen gerade das Gefühl haben, dass diese Errungenschaften der Menschen, die vor 60 Jahren geboren worden sind, heute noch unbedingt gültig sind, wenn sie auch in mehreren Fällen nicht genügend aufgebracht sind.

March: 1948 stand die Welt ja unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. In der Präambel der Erklärung wird an die Akte der Barbarei erinnert. Welche Vision haben Sie damals mit den anderen Verfassern verfolgt?

Hessel: Es ging darum, dass der Mensch nicht nur die Bosheit in sich hat, sondern auch die Güte und die Großherzigkeit, und dass gerade diese Bestandteile der menschlichen Seele ihren Platz jetzt finden. Das ist uns noch heute so wichtig. Wenn wir das vergessen, wenn wir nur daran denken, die Menschen sind dazu gemacht, dass sie nur ökonomische oder finanzielle Fortschritte machen, dann vergeht etwas, was gerade in der deutschen Dichtung bei Hölderlin, bei Rilke so wichtig vorhanden ist und wofür wir die großen kategorischen Imperative von Emanuel Kant immer mit uns tragen sollen.

March: Sie selbst, Herr Hessel, waren ja ein Mitglied der Resistance. Sie wurden gefoltert und in Konzentrationslager deportiert. Später haben Sie geschrieben, dass Sie Ihr neu geschenktes Leben sinnvoll nutzen wollten. War die Erklärung der Menschenrechte dazu der Schlüssel?

Hessel: Bestimmt! Ja, Sie haben ganz Recht. Das war ein Schlüssel, ein Schlüssel und ein Programm. Denn was in der allgemeinen Erklärung steht, ist natürlich noch nicht errungen, aber es ist das Programm, zu dem wir uns verpflichtet haben, und das ist das, was uns jetzt noch immer trägt.

March: Herr Hessel, ich möchte Ihre Stimme nicht unnötig strapazieren, aber eine Frage würde ich Ihnen gerne noch stellen. Noch immer werden täglich Menschenrechte verletzt. Die Welt hat sich seit der Verabschiedung der Erklärung vor 60 Jahren verändert und nicht nur zum besseren. Muss die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 deshalb erweitert werden?

Hessel: Sie selbst kann nicht mehr erweitert werden, denn sie steht da als ein Monument. Aber was wir nicht erreicht haben, muss jetzt in neuen Texten und neuen Institutionen vor allem für die Umwelt, die damals noch nicht betrachtet wurde, gestaltet werden. Das ist jetzt das wichtigste, was wir zu tun haben.

March: Stephane Hessel war das, live und sehr erkältet aus Paris. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

Hessel: Bitte schön.

March: Der französische Sonderbotschafter ist einer der Verfasser der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.


Das Gespräch mit Stephane Hessel können Sie bis zum 10. Mai 2009 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

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