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Kompressor | Beitrag vom 01.09.2015

"Sie sind verdammt" von Joseph LoseyUnaufhörliche Verfolgungsjagd

Von Laf Überland

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DVD (imago / AFLO)
Den SciFi-Streifen "Sie sind verdammt" von 1963 gibt es nun auf DVD (imago / AFLO)

Schicke Sportwagen und halbstarke Teddy Boys in Lederjacken, die Touristen überfallen: Darum geht es in Joseph Loseys Schwarz-Weiß-Klassiker "Sie sind verdammt" von 1963. Nun wurde der Film erstmals in Deutschland veröffentlicht - auf DVD.

Künstlerin: "Er gefällt mir. Er gefällt mir, weil ihm die Welt nicht gefällt. Das ist ein guter Anfang."

Ein argloser, amerikanischer Tourist besucht einen lauschigen, abgelegenen und sonnenbestrahlten Badeort an der englischen Küste, wird, in der ersten Szene gleich, von einer hübschen Zwanzigjährigen geangelt und umgehend von der Motorradgang deren Bruders äußerst brutal, aber präzise zusammengeschlagen ...

Rocker: "Zufrieden mit deiner Arbeit, Joanie?"

Und der Regisseur kommt schnell zur Sache.

Geheimdienstmann: "Das Zeitalter der sinnlosen Gewalttätigkeit hat auch uns eingeholt. Tut mir leid."

Aber das - ist eine Finte. Natürlich brennt Joan, die Schwester Ober-Rockers, mit dem Amerikaner durch, worauf die Bande zu einer bedrohlichen Verfolgungsjagd ansetzt - mit minutenlangen Motorradfahrten und einem Rock'n'Roll-Stück als Hymne. Aber undeutbare Blicke, verwirrende Dialoge, spürbare nebulöse Spannungen verweisen auf ein anderes, noch bedrohlicheres Übel.

Das gewaltige Rauschen des Meeres an den klaustrophobisch weiten Klippen - in Breitbild, schwarzweiß, mit langsamen Schwenks, verdrehten Sichtachsen und distanzierten Draufsichten - zoomt den Zuschauer hinein in nihilistisches, gewalt-ausströmendes Kammerspiel mit angeschlossener Schulklasse ...

Geheimdienstmann: "Ich liebe euch, Kinder, und ich will euch nur beschützen."
Kinder: "Gar nicht wahr! Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!"

... und einem wunderbaren Oliver Reed, der die neurotische Verlorenheit des Halbstarken und Bruders mit der körperlichen Wut des Getriebenen ausspuckt geradezu.

Beeindruckend visuelle Kraft

Und es dauert bis exakt zur Mitte des Films, bis der eigentlich Handlungsstrang umkippt. Denn bei der unaufhörlichen Verfolgungsjagd mit kryptischen Zwischenszenen fallen dann nämlich alle förmlich – in ein geheimes Experiment der Regierung.

Soldat: "Irgendwas scheint am Südgitter loszusein, Sir. Q6 Wache A, Q6 Wache B, ans Südgitter!"

In unterirdischen Bunkern und Höhlen leben neun elfjährige Kinder – abgeschlossen von anderen Menschen, mit denen sie nur über audiovisuelle HighTech kommunizieren: Diese jetzt bereits verstrahlten Kinder sollen das Leben nach der nuklearen Apokalypse auf die Erde zurückbringen, aber sie bergen noch ein anderes Geheimnis, und der Grusel dieses Kunst-Films entfaltet sich ganz geichmäßig in kleinen Fetzen.

Kinder: "Dürfen wir sie vorher mal anfassen? Du hast gesagt, sie wäre warm. Haben Sie was dagegen? Wissen Sie, die haben noch nie einen warmen Menschen anfassen können."

Der Regisseur Joseph Losey kennt sich in allen möglichen Genres aus, aber an einem Science-Fiction-Film hatte er eigentlich kein besonderes Interesse. Also goss er den Stoff der Romanvorlage, die er für die Hammer-Studios verfilmen sollte, in einen spannenden Genre-Hybriden von beeindruckender visueller und inszenatorischer Kraft.

Was zunächst etwas gestelzt wirkt, entfaltet sich zu einem komplexen, mehrschichtigen Gebilde, und Losey machte "The Damned - Sie sind verdammt" zu einem subversiven Thriller mit philosophisch interessanter Versuchsanordnung, kritischer Haltung und Gruselelementen. Natürlich passte das den auftraggebenden Hammer-Studios natürlich gar nicht - erst recht, wo auch das Ende keine zuschauerbefriedigende Lösung für die düsteren Probleme der Zivilisation bietet...

Kinder: "Hilfe! Hilfe! So helft uns doch!"

Fazit

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