Seit 10:05 Uhr Plus Eins

Sonntag, 17.11.2019
 
Seit 10:05 Uhr Plus Eins

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 27.11.2018

Shuttle-Service in HamburgWird das eigene Auto bald überflüssig?

Von Axel Schröder

Podcast abonnieren
Ein Elektro-Shuttle der Bahn-Tochter "ioki" unterwegs in Hamburg (picture alliance / Daniel Reinhardt)
Bislang steht der Shuttle-Service nur in Osdorf und Lurup zur Verfügung. (picture alliance / Daniel Reinhardt)

Trotz Fahrverboten: In Hamburg fahren immer noch zu viele Autos und LKWs durch die Stadt. Um den öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu machen, bietet die Hansestadt nun einen persönlichen Transfer zur U- und S-Bahn-Station.

Schon oben auf dem S-Bahnsteig Eidelstedt weisen mir dicke Pfeile auf den grauen Bodenfließen den Weg zu "ioki". Der Name ist die Abkürzung für den sperrigen Projekttitel: "Input Output Künstliche Intelligenz". Direkt vor dem kleinen S-Bahnhof parkt eines der 18 "ioki"-Autos. Ein typisches Londoner Taxi, allerdings weiß lackiert, den Firmenschriftzug auf der Fahrertür. Christina Sluga vom Verkehrsverbund Holstein-Hamburg und ihre Kollegin warten schon und erklären, wie das Ganze funktioniert: 

"Man muss sich die App runterladen, Zahlungsdaten hinterlegen, wenn man keine HVV-Karte hat. Sonst kann man auch, wenn man eine Tageskarte oder eine Monatskarte hat, einfach mit der fahren. Dann gebe ich meinen Startpunkt an, von wo ich starten will und mein Ziel. Und dann rechnet mir quasi die App aus, wo sie mich genau abholt und bringt mich dann zum Ziel."

Wir steigen ein. Die "ioki"-Wagen sind geräumig, auf zwei Sitzreihen sitzen sich die Fahrgäste gegenüber, eine Plexiglasscheibe trennt uns vom Fahrer. Leise, ganz ohne Motorbrummen rollt der Wagen vom Parkplatz, fädelt sich ein in den morgendlichen Stoßverkehr. Und stößt dabei meistens keine Abgase aus, erklärt Slugas Kollegin Julia Schmid auf der breiten Sitzbank.

Die erste und letzte Meile mit "ioki" überbrücken

"Wir fahren voll elektrisch. Die Fahrzeuge haben einen sogenannten Reichweitenverlängerer. Man kann es sich vorstellen wie ein Stromaggregat, das dann das Benzin zu Strom umwandelt. Wir fahren also immer voll elektrisch und versuchen natürlich, auch mit einer Ladung so weit wie möglich zu kommen. Mit einer Stromladung kommen wir unter wirklich realen Bedingungen, also, wenn es kalt ist oder wenn es besonders warm ist, 100 Kilometer weit."

Die Menschen im Projektgebiet, in Osdorf und Lurup, können sich morgens nicht weit von ihrer Haustür entfernt, an einem der alle 200 Meter eingerichteten "ioki-Haltepunkte" abholen lassen. Dann werden entlang einer computererrechneten Route weitere Fahrgäste eingesammelt, die das gleiche Ziel haben. Warum ausgerechnet Osdorf und Lurup für die Pilotphase des Projekts ausgewählt wurden, erklärt Julia Schmid:

"Wir haben ja nicht einfach mit dem Finger auf die Stadtkarte gezeigt und haben gesagt: ‚Hier ist ein schönes Bediengebiet für uns!‘, sondern dem gingen viele verkehrsplanerische Analysen voraus. Denn für uns ist es eben ganz wichtig, dass wir da ansetzen, wo es den Bedarf gibt: Osdorf und Lurup ist leider nicht besonders gut angebunden. Hier gibt es keine S-Bahn, hier gibt es keine U-Bahn. Und so kann man den Menschen eben helfen, die erste und letzte Meile durch ein 'ioki' zu überwinden."

Das Unternehmen ist eine Tochterfirma der Deutschen Bahn. Betrieben wird die "ioki"-Flotte aber vom Verkehrsverbund Holstein-Hamburg. Getestet wird, welche Möglichkeiten es gibt, mit moderner Computertechnik nicht nur einen, sondern mehrere Fahrgäste mit nur einer Tour zu befördern. Dieses sogenannte "Ride-Pooling" oder "Ride-Sharing" könnte das eigene Auto eines Tages überflüssig machen und den Menschen trotzdem auf bequeme Weise Mobilität ermöglichen.

Das eigene Auto wird überflüssig

Auf dem Display des Fahrers ploppt die erste Bestellung auf. Fünf Minuten später, an einem "ioki"-Haltepunkt, steigt Puja Sadeghifard ein. Ein junger Mann auf dem Weg zu seiner Arbeit, in eine Kita. Der Vorschulpädagoge zeigt dem Fahrer sein S-Bahn-Monatsticket, lehnt sich zurück:

"Es ist sehr praktisch! Ich arbeite hier. Hier ist auch kein 'Car2Go'-Gebiet. Da kann man sich das vor und nach der Arbeit bestellen. Ich plane dann immer sonntags die Woche vor, bis wann ich dann arbeite, dann kann man das so vorreservieren, dass ich dann vor der Arbeit abgeholt werde und wieder zurückgebracht werde."

Und ein bisschen fühlt es sich an, als ob der Chauffeur immer pünktlich auf ihn wartet:

"Meine Kollegen lachen schon manchmal: 'Oh, Dein Auto ist wieder da?'"

Normalerweise fährt Puja Sadeghifard die Strecke zur Kita zusammen mit seiner Kollegin Gudrun. Aber Gudrun hat Urlaub, erzählt er. Und sie backt hervorragenden Käsekuchen, dem man einfach nicht widerstehen kann. Nicht nur bequem, sondern auch kommunikativ kann die Fahrt mit wildfremden Menschen sein.

Der Wagen hält vor der Kita, Puja Sadeghifard verabschiedet sich. Im Schnitt, erzählt Julia Schmid, würden bisher anderthalb Personen zusammen das Angebot nutzen. Für den Anfang, seit Anfang Juli läuft das Projekt, sei das nicht schlecht, sagt sie. 60.000 Menschen wurden schon befördert, 20.000 haben die App heruntergeladen. Dass die Wägen ab und zu einen kleinen Umweg fahren, um neue Fahrgäste einzusammeln, dass die Ankunftszeit am Ziel deshalb nicht exakt vorhersehbar ist, müssen die Kunden in Kauf nehmen.

Weitere Anbieter stehen in den Startlöchern

"Die Priorität ist wirklich, die Leute und die Fahrten zu bündeln, damit wir eben möglichst wenige Fahrten machen müssen. Denn wir wollen ja weniger Autos auf der Straße haben. Und deswegen lassen wir auch eine Umwegzeit zu, das kommunizieren wir auch in der App. Es kann immer passieren, dass man einen kleinen Umweg in Kauf nimmt und dafür fährt man aber auch nicht allein, sondern hat noch nette Mitfahrer dabei."

Wenn man denn Glück hat mit den Zugestiegenen. Die Idee des Ride-Sharings verfolgt in Hamburg auch die Firma "Clevershuttle". Deren Fahrtgebiet und Flotte sind größer und die wasserstoffbetriebenen "Clevershuttle"-Autos steuern nicht in erster Linie S- und U-Bahn-Stationen an, sondern beliebige Wunschziele der Kunden. Auch hinter dieser Firma steht als Mehrheitsgesellschafter die Deutsche Bahn.

Dazu kommt schon im kommenden Jahr der Ride-Sharing-Anbieter "Moia", eine Tochterfirma von VW. 200 elektrisch betriebene und gediegen ausgestattete Kleinbusse sollen dann die Menschen im ganzen Stadtgebiet von A nach B bringen. Für einen Preis, so das Versprechen, der niedriger ist als im Taxi. Die erste Taxifahrer-Demo hat es deswegen in Hamburg schon gegeben. Mit "ioki", dem Shuttle-Service von der Haustür zur Bahn, begrenzt auf Osdorf und Lurup, hätte die Taxibranche dagegen weniger Probleme, erklärt Christina Sluga auf der Rückbank im Londoner Cab:

"Auch im Vorwege gab es schon viele Gespräche mit den Taxi-Unternehmern. Wir haben sie quasi von Anfang an ins Boot geholt. Von daher sehen die uns, glaube ich, wirklich nicht als Konkurrenz, weil wir ja wirklich die Kurzstrecke fahren. Das sind nicht unbedingt Fahrten, die fürs Taxi interessant sind."

Wie und ob es mit "ioki" weitergeht, steht aber bislang nicht fest. Noch laufen dazu Gespräche, erzählt Christina Sluga. Bis Ende des Jahres soll der Betrieb in jedem Fall weiterlaufen, bis dahin sind die persönlichen Chauffeure noch in Lurup und Osdorf unterwegs.

Länderreport

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur