Seit 07:40 Uhr Interview

Samstag, 21.07.2018
 
Seit 07:40 Uhr Interview

Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.08.2017

Shirin Neshats "Aida" bei den Salzburger FestspielenGroße Oper als Kunst-Experiment

Von Franziska Stürz

Podcast abonnieren
Aida 2017: Anna Netrebko (Aida), Luca Salsi (Amonasro) (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)
Aida 2017: Anna Netrebko (Aida), Luca Salsi (Amonasro) (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)

Bei den Salzburger Festspielen inszeniert die Foto- und Filmkünstlerin Shirin Neshat erstmals Verdis Aida. Doch trotz glänzender Besetzung bleibt das Experiment hinter den Erwartungen zurück.

Anna Netrebko als Aida und Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern - das hätte schon gereicht, um den Hype um die spektakulärste diesjährige Festspielpremiere zu schüren. Doch Intendant Markus Hinterhäuser setzte noch eins drauf, indem er die hoch geschätzte iranische Videokünstlerin Shirin Neshat für die Regie verpflichtete.

Anna Netrebko (Aida) (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)Anna Netrebko (Aida) (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)

Zum ersten Mal inszenierte die preisgekrönte Filmregisseurin von "Women without Men" eine Oper. Im Vorfeld erklärte sie, die Aida-Thematik habe sehr viel mit ihrem eigenen Schicksal als Vertriebene zu tun, sie können sich gut in den Stoff einfühlen. So stiegen die Erwartungen und die Kartenpreise für die Salzburger Aida ins Exorbitante. Was dann auf der Bühne im Großen Festspielhaus zu sehen war, erinnerte mehr an Oberammergauer Passionsfestspiele und enttäuschte durch mangelnde Personenführung und Rampensingen von vorgestern. Viel zu selten kamen Neshats Videos mit Flüchtlingsbildern der besiegten Äthiopier auf dem dreh- und teilbaren weißen Kubus von Bühnenbildner Christian Schmidt zum Einsatz, stattdessen marschierte der Chor der Ägypter in strengen Prozessionen und wallenden geistlichen Gewändern auf und blieb schön symmetrisch zum Triumphmarsch aufgereiht stehen. 

Herausragende Sänger, schwache szenische Leistung

Das zahlungskräftige Publikum mit Rang und Namen saß und schaute, die Sänger standen und sangen. Das taten sie ausgezeichnet zusammen mit Riccardo Mutis ausgefeiltem Verdiklang aus dem Orchestergraben. Anna Netrebko bestätigt einmal mehr ihren Rang der Diva assoluta unserer Zeit. Rund und strahlend ihr Klang, makellos ihre Gestaltung von profunder Tiefe bis hin zu schwebenden Spitzentönen. Francesco Meli als Radames ist ihr mit kerniger Mittellage beinahe ebenbürtig, Luca Salsi gibt den Amonasro souverän und Ekaterina Semenchuk wirkt als Amneris etwas blasser als die Titelheldin.

Bror Magnus Tødenes (Ein Bote), Dmitry Belosselskiy (Ramfis), Francesco Meli (Radamès), Ekaterina Semenchuk (Amneris), Roberto Tagliavini (Der König), Anna Netrebko (Aida), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)Bror Magnus Tødenes (Ein Bote), Dmitry Belosselskiy (Ramfis), Francesco Meli (Radamès), Ekaterina Semenchuk (Amneris), Roberto Tagliavini (Der König), Anna Netrebko (Aida), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus)

Insgesamt erfüllt die musikalische Seite die hohen Erwartungen und wird durch die schwache szenische Leistung wenigstens nicht gestört. Schade, dass Shirin Neshat ihre sonst so starke Aussagekraft auf der Opernbühne nicht visualisieren konnte. Den Mut zum Experiment kann man anerkennen, aber dieser erste Versuch ist nicht geglückt. 

 

Mehr zum Thema

Salzburger Festspiele - Postsowjetische Gewaltorgie
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 03.08.2017)

Zwischenbilanz der Festspiele - Großes Opernglück in Salzburg
(Deutschlandfunk, Musikjournal, 31.07.2017)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDebatte über Debattenkultur
(imago / Depo Photos)

Auf den Kulturseiten wird diskutiert, wie der Diskurs auszusehen hat. Dabei gibt es ungewöhnliche Allianzen zwischen FAZ und ZEIT. Andere Zeitungen beschäftigen sich mit Otto Waalkes' 70. Geburtstag oder erkunden, ob die "smart city" nun Traum oder Albtraum ist. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 6Über Gräben
Die Schrift am Luckenwalder Stadttheater liegt im Schatten. (picture alliance / dpa / Sascha Steinach)

Wie halten sie's mit den Produktionsbedingungen? Im Juni-Podcast geht es um das Verhältnis von festen Häusern und Freier Szene. Außerdem Thema: eine strittige Inszenierung in Berlin und wie Theater sich gegen rechte Übergriffe wappnen können.Mehr

Folge 5Auf der Bühne und dahinter
Der Intendant des Schauspiels Köln, Stefan Bachmann, stellt am 21.05.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) den Spielplan für die kommende Saison vor.  (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)

Künstler oder Servicepersonal? Dulden oder Aufbegehren? Im Mai-Theaterpodcast geht es um die Rolle des Schauspielers im 21. Jahrhundert. Außerdem Thema: Die Proteste von Mitarbeitern der Bühnen in Cottbus und Köln.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur