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Buchkritik | Beitrag vom 24.11.2020

Shigeru Mizuki: „Kriegsjahre“Vom Wunder, überlebt zu haben

Von Frank Meyer

Buchcover zu Shigeru Mizuki: "Kriegsjahre" (Reprodukt/Deutschlandradio)
Geprägt von erzählerischer Rücksichtslosigkeit: „Kriegsjahre“ von Shigeru Mizuki. (Reprodukt/Deutschlandradio)

Shigeru Mizuki wurde mit den Graphic Novels über seine Kriegserfahrungen zum wichtigsten Comickünstler Japans. Jetzt liegt der zweite Teil seiner monumentalen Autobiografie vor: ein beeindruckend wilder Mix aus verstörenden Momenten und grobem Humor.

Shigeru Mizuki blickt in seinem Comicbuch "Kriegsjahre" zurück auf seine Zeit als Soldat der japanischen Armee und auf die Nachkriegszeit. Am Ende des Krieges liegt er im Lazarett. Er hat einen Arm verloren, Maden leben in der Wunde und Malariafieber schüttelt ihn.

In dieser Situation zeichnet Mizuki sich als kahlen Eierkopf mit wild übers Gesicht verstreuten Haarresten und anstelle von Augen sieht man ein gekritzeltes Kreuz und eine wacklige Spirale. Aus seinem Schmerz macht der Japaner eine grobe und dennoch anrührende Karikatur.

Erster Ruhm mit japanischen Geisterlegenden

Berühmt wurde Mizuki Ende der 50er-Jahre allerdings zunächst mit Mangas über japanische Geisterlegenden und hat so die moderne Comic-Kultur in seinem Land geprägt wie wenige andere. Später folgten Geschichten aus dem realen Leben.

In den 1970er-Jahren veröffentlichte er das erste Mal ein Comicbuch über seine Kriegserfahrungen: "Auf in den Heldentod!" hieß es. Als 80-Jähriger ist er noch einmal darauf zurückgekommen, in den 2000er-Jahren zeichnete er seine hunderte Seiten umfassende Autobiografie. Der erste Teil ist bei uns unter dem Titel "Kindheit und Jugend" vor einigen Monaten erschienen, "Kriegsjahre" ist jetzt der zweite Teil dieses Großprojekts.

Vom Heldentod

Shigeru Mizuki porträtiert sich als naiven, übermütigen und sagenhaft verfressenen Rekruten. Zu Beginn des Comics zieht seine Truppe in den Dschungel einer Pazifikinsel, um nach einem halben Jahr mal wieder Fleisch zwischen die Zähne zu kriegen. Sie finden große Schnecken und fallen gierig darüber her. Als ihr Ausflug entdeckt wird, hagelt es Prügel. Die tagtägliche Gewalt gegen die Rekruten von Seiten der Offiziere und dienstälteren Soldaten ist eine Konstante in dieser Geschichte.

Und je aussichtsloser die Lage für die japanische Armee wird, desto präsenter wird die Propaganda vom "Heldentod". Mizuki gehört zu einer Einheit, die mit 30 Mann im Kampf gegen 3000 alliierte Soldaten genau diesen "Heldentod" sterben soll. Doch die verantwortlichen Offiziere treten stattdessen den Rückzug an – wofür sie später als Verräter erschossen werden.

"Ich werde auch morgen noch leben"

Diesen Krieg überlebt zu haben, wird zum großen Wunder in Shigeru Mizukis Leben. In einem der stärksten Momente seines Buches wandert er durch die Straßen seiner Heimatstadt und bestaunt den Gedanken: "Ich werde auch morgen und übermorgen noch leben … vielleicht sogar noch viel länger."

"Kriegsjahre" hat überraschende und sogar verstörende Momente. Mizukis grober Humor im Blick auf sich selbst und Menschen um ihn herum gehört dazu, seine Karikaturen von allem und jedem, wie auch seine erzählerische Rücksichtslosigkeit.

Die Kriegserinnerungen gehen oft extrem ins Detail, so dass man beim Lesen dieser fast 500 Seiten selbst die Endlosigkeit dieser wenigen Jahre erfährt. Es ist ein Buch der großen Kontraste, auch im Zeichenstil: Gegen seine skizzenhaften Schwarz-Weiß-Bilder im Cartoon-Stil setzt der Japaner fotorealistische Darstellungen von Szenen, Landschaften und gezeichnete Dokumente. Ein wilder Mix ist so entstanden: eine beeindruckende Lebenserzählung!

Shigeru Mizuki: "Kriegsjahre"
Aus dem Japanischen von Nora Bierich
Reprodukt, Berlin 2020
488 Seiten, 24 Euro

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