Shida Bazyar über "Drei Kameradinnen"

    Ein Frauenbündnis gegen Diskriminierung

    20:02 Minuten
    Porträt der Autorin Shida Bazyar.
    Shida Bazyar debütierte 2016 mit dem Buch "Nachts ist es leise in Teheran". Nun hat sie ihren zweiten Roman "Drei Kameradinnen" veröffentlicht. © KiWi / Tabea Treichel
    Moderation: Christine Watty · 27.05.2021
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    In ihrem zweiten Roman erzählt Shida Bazyar von "Freundinnenschaft" und der "migrantisierten Perspektive" in Deutschland. Es geht um Rassismus und Sexismus: "Ich will Machtstrukturen an Feinheiten erkennen und sezieren, wer wie agiert", sagt Bazyar.
    "Wir sind es so oft gewohnt, dass Geschichten immer aus einer weißen Linse heraus erzählt werden", kritisiert Shida Bazyar. Gegen diesen "weißen Blick" bringt sie mehrere radikal andere Stimmen in Stellung. Ihr Roman "Drei Kameradinnen" wird mit direkter Ansprache ans Publikum von einer jungen Frau erzählt, die deutsche Zustände aus einer – so sagt es Bazyar – "migrantisierten Perspektive" beschreibt. Und zwar in drei Stunden einer Nacht.
    Drei Frauen sind es, um deren Leben der zweite Roman von Shida Bazyar kreist. Um ihre "Freundinnenschaft", um den Rassismus und Sexismus, dem sie sich ausgesetzt fühlen. Ihre Reaktionen sind unterschiedlich, von wütend über beobachtend bis beschwichtigend – das sei auch davon abhängig, ob sie als Musliminnen oder eher als Weiße gelesen würden, sagt die Autorin. Die eine benennt Diskriminierung sehr klar, die andere hat keine Lust auf Auseinandersetzungen und appelliert: "Es ist schon schlimm genug, Minderheit zu sein, aber sei keine heulende Minderheit!"

    Kein Blick der weißen Mehrheitsgesellschaft

    Aber sie verstehen einander durch die gemeinsame Herkunft aus einem sozial kritischen Milieu ohne viele Worte, sagt die Autorin: "Das Nicht-sich-erklären-müssen funktioniert, das ist keine politische Sache, sondern eine rein menschliche." Es gebe zwischen den drei Frauen ein Grundvertrauen, dass die andere Person nicht mit dem Außenblick der weißen Mehrheitsgesellschaft reagieren wird: "Das ist ein weitgehend geschützter Raum, wir passen aufeinander auf, wir wissen um die Schwierigkeiten, die die Welt uns mitgegeben hat."
    Buchcover: Shida Bazyar "Drei Kameradinnen"
    Shida Bazyars Roman "Drei Kameradinnen" kreist um die "Freundinnenschaft" dreier Frauen, um Rassismus und Sexismus. © Deutschlandradio / Kiepenheuer & Witsch
    Die vielen unterschiedlichen Erfahrungen mit Rassismus würden zu oft über einen Kamm geschoren, moniert Bazyar, deren erster Roman "Nachts ist es leise in Teheran" heißt. Nötig sei aber ein differenziertes Sprechen über diese Ansichten. In ihrem Schreiben wolle sie Machtstrukturen an winzigen Feinheiten erkennen. Und dann "in kleinen Schritten sezieren, wer agiert wie" – um besser zu analysieren, wie es komme, dass jemand sich als eine "rassifizierte Person" fühlt.

    Bücher in andere Realität übersetzen

    In ihrer Lesebiografie, so Shida Bazyar, habe sie Geschichten in ihre Lebensrealität quasi übersetzen müssen, da die eigene Perspektive in den Büchern nicht vorgekommen sei: "Mein Gefühl ist, dass es da sehr lange eine Leerstelle gab." Viele lesende Menschen in Deutschland fänden sich mit ihren Erfahrungen in Büchern nicht wieder.
    Vielleicht sei das ein Grund dafür, dass das Sprechen über Rassismus in Deutschland lange gebraucht habe, aus einer aktivistischen Nische herauszukommen. Doch der Zeitgeist habe jetzt Mut und Bücher hervorgebracht, die diese Lücke schließen: "Es gibt viel auszuhandeln und viel zu sagen."

    An Remarques Roman angelehnt

    Der Titel des Buches "Drei Kameradinnen" ist übrigens von Erich Maria Remarque entlehnt – sein 1936 erschienener Roman hieß "Drei Kameraden". Zwischen den beiden Büchern sieht Bazyar gewisse Parallelen: "Es geht um den Moment eines Rechtsrucks, und um Menschen, die Kämpfe durchgestanden haben."
    Sie habe Remarques Buch gelesen und beschlossen, über Frauen und ihre Freundschaft zu schreiben, berichtet Shida Bazyar. "Drei Kameradinnen" sei eigentlich nur das Arbeitsdokument gewesen, der Name der Textdatei: "Dieser Arbeitstitel hat am Ende immer noch gepasst und so wurde er der Titel des Romans."
    (cre)

    Shida Bazyar: "Drei Kameradinnen". Roman
    Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
    350 Seiten, 22 Euro

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