Shida Bazyar: „Die Lücken“

Kollektives Vergessen im Hunsrück

07:03 Minuten

Shida Bazyar

Shida Bazyar: „Die Lücken“Kiepenheuer und Witsch, Köln 2026

512 Seiten

25,00 Euro

Von Tino Schlench |
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In ihrem modernen Anti-Heimat-Roman „Die Lücken“ erzählt Shida Bazyar von verdrängter Erinnerung im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück. Nicht nur an Gebäuden und auf Pflastersteinen klebt Blut, sondern auch an den Händen seiner Bevölkerung.
Eine kleine, verschlafene Ortschaft, umgeben von frischen Bächen und dunklen Wäldern: Kirche und Marktplatz, ein paar Straßenzüge, vereinzelte Geschäfte und Lokale. Hier kennt jeder jeden, unaufgeregt schreitet das Leben voran. Doch die Idylle ist brüchig, denn nicht nur an Gebäuden und auf Pflastersteinen der Ortschaft klebt Blut, sondern auch an den Händen seiner Bevölkerung.
Zur Zeit des Nationalsozialismus war die heutige Kleinstadt ein Musterdorf. Schon 1926 gründete sich hier eine NSDAP-Ortsgruppe, früh war man „judenfrei“ und stolz darauf. Fast alle jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner wurden getötet; an ihrem Besitz hat man sich bereichert, hält noch immer daran fest. Doch darüber herrscht Schweigen. Das Vergangene wird verdrängt, während die alten NS-Devotionalien versteckt auf staubigen Dachböden ruhen. Die Gedenk-Plakette für die zerstörte Synagoge ist leicht zu übersehen, die Inschrift des Denkmals beim jüdischen Friedhof kaum noch zu entziffern. Erinnerungskultur, die diesen Namen nicht verdient.

„Der Platz wird weiterhin gemäht, aber niemand erzählt dir seine Geschichte, wenn du ihn betrittst. Die Alten wissen und schweigen. Die Jungen zucken zusammen, wenn jemand vom jüdischen Friedhof spricht. Sie hören das Wort nicht so gerne. Verbinden es mit einem Grauen, auf das sie keine Lust haben und verbinden es mit einer Leerstelle, denn von wem reden wir hier, wenn dort niemand liegt? Im Ort redet man nur, wenn man muss.“

Anti-Heimat-Literatur

Der neue, groß angelegte Roman von Shida Bazyar weist erstaunlich viele Bestandteile auf, die man für gewöhnlich mit der österreichischen Anti-Heimat-Literatur verbindet: ein trügerisches Idyll, verdrängte NS-Vergangenheit, Argwohn und Gewalt gegenüber allem, was fremd erscheint, selbst die Verwendung von Dialekt. Nur spielt Bazyars „Die Lücken“ nicht im Alpenraum, sondern ist im Hunsrück angesiedelt, im fiktiven Heimesbach, das dem Geburtsort der Autorin – Hermeskeil – nachempfunden ist. Erst vor wenigen Jahren wurde hier die Geschichte der jüdischen Bevölkerung aufgearbeitet. Wie die Autorin im Nachwort verrät, habe sie sich von dieser Recherche für ihre Arbeit inspirieren lassen.
Beachtenswert ist vor allem die Erzählinstanz, die Bazyar für ihren Roman gewählt hat. Denn die Autorin lässt eine Verstorbene als Erzählerin auftreten. Als Geflüchtete lebte diese Anfang der 1990er Jahre für kurze Zeit in Heimesbach, bevor sie mit ihrer Familie in die USA weiterzog. Warum sie Jahre später, nach ihrem Tod infolge eines Verkehrsunfalls, von einer höheren Macht dazu auserkoren wurde, in den Ort zurückzukehren, um dessen Geschichte zu erzählen, das ist ihr selbst ein Rätsel. „Entweder hatte man mich versehentlich hierhergeschickt oder ich war in der Hölle gelandet“, heißt es an einer Stelle.
Ein Zuhause war ihr Heimesbach nie. Doch gerade diese Außenseiterrolle scheint die Verstorbene für die ihr zugewiesene Aufgabe zu prädestinieren. Denn in gleich mehrfacher Hinsicht setzt sich der Roman mit dem Thema Heimat auseinander – insbesondere mit der Unmöglichkeit, an einem Ort beheimatet zu sein, der die eigene Existenz jederzeit und mit völliger Willkür zur Disposition stellen kann. So wie es einst für die Jüdinnen und Juden in Heimesbach galt und in anderer Form für die Geflüchteten, die hier in jüngerer Vergangenheit um Schutz ansuchten. Und so beginnt die namenlose Tote zu erzählen, spricht dabei zu ihrer Schwester.

„Jetzt erzähle ich dir, was sie mir zugewürfelt haben, die Götter. Ich nehme deine Hand, ich nehme dich mit, wir reisen durch die Jahre in diesem Ort, wir reisen zurück in unser ungewolltes Zuhause. In ein Dorf, das einst einen Bahnhof bekam und pulsierte; das zum Gaumusterdorf ernannt wurde, in dem man mit stolzgeschwellter Brust marschierte; das von den Bomben getroffen wurde, sodass das Schweigen einkehrte.“

Kollektives Vergessen

Tatsächlich gibt sich die Erzählinstanz in nur wenigen Episoden als Geist zu erkennen, der aus der Ferne auf das Geschehen blickt, das sich – beginnend in den 1920ern – über einen Zeitraum von knapp 90 Jahren erstreckt. Der Großteil des Romans wird sehr nah an der Perspektive der Ortsbewohner erzählt und versammelt eine Vielzahl von Stimmen: von jüdischen Kaufleuten und begeisterten Faschisten, Geschichtsvergessenen, engagierten Bürgerinnen und Flüchtlingsfamilien.
Die vielen Einzelkapitel setzen an jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten an und verzichten auf eine klassische Chronologie. Erst nach und nach werden auf diese Weise Zusammenhänge und Verbindungslinien, aber auch Widersprüche und Selbstentlastungen ersichtlich. Virtuos setzt die Autorin die Leben und Erfahrungen der vielen Charaktere miteinander in Beziehung und macht gleichzeitig – wenn auch etwas pädagogisch – auf Leerstellen und Versäumnisse aufmerksam, die bis in die Gegenwart reichen.

„Und ich bin hier oben und denke, dass alle, die gingen, immer geblieben sind und falls sie zurückkamen, dann kamen sie verändert zurück, und wenn man sie ermordet hatte, dann war der Ort der Ort, in dem für immer eine Lücke in der Luft klaffte. Als hätte man der Luft etwas entrissen und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer, wenn man im Ort spazieren gehen möchte, deswegen vielleicht ist jede Stille eine Behauptung, aber niemand ist so ehrlich und sagt es laut.“

Ein großer Wurf

Ob es wirklich eine tote Erzählerin gebraucht hätte, wenn diese doch sehr spezifische Anlage der Erzählinstanz kaum Auswirkungen auf das Erzählen und Verweben der vielen Biografien hat – dem eigentlichen Herzstück des Romans –, sei in Frage gestellt. Kein Zweifel jedoch kann darüber bestehen, mit welcher Souveränität sich Bazyar ihrem Gegenstand widmet. Ihr moderner Anti-Heimat-Roman über verdrängte Erinnerung und Verantwortung besticht durch seine unaufgeregte, geschliffene Sprache, lebendigen Figuren und eine bemerkenswerte Komposition. All das macht „Die Lücken“ zu einem großen Wurf.
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