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Buchkritik | Beitrag vom 21.11.2019

Shelagh Delaney: "A Taste of Honey"Eine Ikone des Feminismus

Von Manuela Reichart

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Buchcover zu "A Taste of Honey" von Shelagh Delaney. (Aviva)
Eine der aufmüpfigsten Autorinnen ihrer Zeit: Shelagh Delaney. (Aviva)

Shelagh Delaney nahm es in den 50ern und 60ern mit den zornigen jungen Männern der englischen Dramatik wie John Osborne oder Harold Pinter auf. Von der Kritik wurde sie erst hochgejubelt, dann hämisch verrissen. Nun erscheint eine Werkausgabe.

Shelagh Delaney war zweifelsohne eine der interessantesten – und aufmüpfigsten – jungen Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Als Tochter einer Arbeiterfamilie wuchs sie in einem Nachbarort von Manches­ter, in Salford auf. Unterschichten-Mädchen, benachteiligte Jungen stehen auch im Zentrum ihrer Erzählun­gen, die der Herausgeber dieser ersten deutschsprachi­gen Werkausgabe den Dramen voranstellt.

Hoffnungslosigkeit und verlorene Träume, eine Existenz ohne Illusionen, bestimmen das Leben der literarischen Heldinnen und Helden dieser ungewöhnlichen Autorin, die heute als eine Ikone des Feminis­mus ebenso wie der englischen Dramen- und der Popgeschichte gilt. 2011 ist sie im Alter von 72 Jahren gestorben.

Trunksüchtige Mutter

"Bitterer Honig" hieß das Theaterstück, mit dem Shelagh Delaney berühmt wurde. 1958 wurde es uraufgeführt, danach überall nachgespielt, zwei Jahre später verfilmt. Die junge Frau, die die Schule abgebro­chen, ihre erste Bühnenaufführung erst mit 17 Jahren gesehen hatte, wurde zum literarischen Star. Sie war hübsch und klug, behauptete sich in der Riege der zor­nigen jungen Männer wie John Osborne oder Harold Pinter, die in den 1950er und 1960er Jahren den dramatischen Ton in Großbritannien angaben.

In Delaneys gefeiertem Stück steht ein junges Unterschichts-Mädchen im Zentrum: Sie ist ungewollt schwanger von einem schwarzen Matrosen, ihre trunksüchtige Mutter kümmert sich nicht um sie, ein homosexu­eller Freund will ihr beistehen, zieht zu ihr, bis die verlotterte Mut­ter wie­der vor der Tür der heruntergekommenen Wohnung steht. Diese genau instrumentierte poetische Sozialstudie hatte die junge Au­torin in nur wenigen Wochen geschrieben. Die Verfil­mung des Stücks durch Tony Richardson (Delaney schrieb das Drehbuch und wurde dafür ausgezeichnet) begründete nicht zuletzt das neue engli­sche Kino jener Jahre.

Ihr Foto auf einem The Smith-Album

Zwei Jahre später fand die Uraufführung ihres zweiten Stücks "Der verliebte Löwe" statt, und nun ließ die Kritik kein gutes Haar an dem Drama, das erneut in einem prekären Milieu spielt, wieder von der Unmöglichkeit der Liebe, von einer Frau handelt, die die Regeln verletzt und ihrer Tochter, die die gleichen Fehler machen wird wie ihre Mutter. Die Rezensenten, die "Bitterer Ho­nig" bejubelt hatten, schrieben nun hämische Verrisse. Wenn man das Stück heute liest (in der Neuübersetzung von Tobias Schwartz, der für den Band seltsamerweise den englischen Originaltitel beibehalten hat), versteht man nicht, wa­rum es damals durchfiel, warum man Delaney plötzlich jedes Talent absprach.

Dass ihr trotz dieses Misserfolgs stets eine besondere Aura nachgesagt wurde, dass sie als Autorin überlebte, hat nicht zuletzt mit der besonderen Wertschätzung des britischen Popmusi­kers Morrissey (dem Sänger der Indie-Band The Smiths) zu tun, der Zitate aus ihren Werken immer wie­der in seine Songtexte einflocht, der sich auf sie bezog, der ihr Foto für die Hülle eines Smiths-Albums be­nutzte.

Shelagh Delaney: "A Taste of Honey"
Hrsg. v. Tobias Schwartz und André Schwarck  
Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Schwartz
Aviva Verlag, Berlin 2019
400 Seiten, 22 Euro

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