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Tonart | Beitrag vom 23.10.2018

Shai Maestro Trio: “The Dream Thief“Das Schöne in der Einfachheit

Von Matthias Wegner

Der Pianist Shai Maestro während des Enter Music Festivals in Polen am 17.6.2014. (picture-alliance / dpa / Jakub Kaczmarczyk)
Der Pianist Shai Maestro bei einem Auftritt in Polen. (picture-alliance / dpa / Jakub Kaczmarczyk)

Tiefgründig, mystisch und mit großer poetischer Kraft – das ist der Sound des Shai Maestro Trios, zu hören auf ihrem neuen Album "The Dream Thief". Hilfe haben sie von Musikproduzent Manfred Eicher bekommen. Der riet zu mehr Schlichtheit in der Musik.

An Piano-Trios mangelt es nicht gerade im aktuellen Jazz. Wie kann man diesem ohne Frage besonderen, aber auch schon arg strapazierten Format überhaupt noch etwas Neues hinzufügen? Wie kann man in diesem riesigen Dschungel noch seinen eigenen Weg finden? Shai Maestro hat eine einfache, aber manchmal nicht ganz einfach umzusetzende Lösung:

"Wenn man auf sich selbst vertraut, dann erfindet man ja schon etwas Neues. Das gilt unabhängig von der Musik. Allein wie wir sprechen und Wörter miteinander verbinden. Oder denk an den Platz, den wir zwischen den Sätzen lassen. Die Intonation, der Ausdruck. Diese Mischung, die du oder ich haben, ist einzigartig – und etwas Neues. Darauf muss man vertrauen.

Ich zum Beispiel bin von vielerlei Musik beeinflusst worden. Von klassischer Musik über kubanische. Ich liebe Flamenco, elektronische Musik, Dubstep, aber auch Art Tatum, Thelonious Monk und Arthur Rubinstein. All diese Einflüsse tragen dazu bei, dass ich zusammen mit meiner eigenen Persönlichkeit etwas Neues daraus schaffe. Ich denke nicht mehr darüber nach, etwas Neues erfinden zu müssen. Mir geht es nur noch darum, mich glaubwürdig auszudrücken."

Mit Atemübungen zum Selbstvertrauen

Shai Maestro sagt, ihm habe kürzlich das Erlernen einer neuen Atemtechnik die Augen geöffnet und dabei geholfen, seinen eigenen Weg zu gehen und sich selbst zu vertrauen. Verstärkt wurde diese Erkenntnis durch die Begegnung mit seinem neuen Produzenten: Manfred Eicher. Dieser setzt seit Jahrzehnten auf einen aufgeräumten Sound und auf die Essenz des persönlichen Ausdrucks. 

Maestro: "In der heutigen Musikindustrie geht es vor allem darum, die Menschen zu überfrachten. Es geht darum, so schnell wie möglich deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Im Zeitalter der sozialen Medien ist die Aufmerksamkeitsspanne verloren gegangen.

Manfred Eicher wiederum kommt von der ganz anderen Seite. Er sagt: Wenn mich jemand mit zu vielen Dingen überhäuft und zu viele Noten spielt, habe ich den Impuls, mich davor schützen zu müssen. Er meinte, spiel weniger und lass dem Hörer die Chance, sich dir zu nähern. Die Noten, mit denen du dieses Stück begonnen hast, sind so tiefgründig und haben so eine schöne israelisch-arabische Prägung. Und damit schaffst Du genau das Mystische, das wir wollen, damit der Hörer ein aktiver Hörer bleibt. Das war sehr lehrreich für mich."

Shai Maestro erzeugt in seiner Musik eine große poetische Kraft und eine große Schönheit und steht damit ganz in der Tradition von Musikern wie Keith Jarrett oder Charlie Haden. Eingearbeitet in sein neues Album sind auch drei Solo-Stücke, die der Pianist eigentlich nur als Fingerübung im Studio gespielt habe, ohne zu wissen, dass sie überhaupt aufgenommen werden. Die ihm ganz unbekümmert von der Hand gingen und vielleicht genau deswegen so unaufgeregt anziehend sind.

Statement gegen Waffengesetze

Beim letzten Stück des neuen Albums verwendet Shai Maestro eine Rede von Barack Obama, die dieser 2012 im Weißen Haus nach einem schrecklichen Amoklauf an einer Schule in Newtown, gehalten hatte, bei dem unter anderem die sechsjährige Tochter des mit Shai Maestro befreundeten Saxofonisten Jimmy Greene getötet wurde

"What else needs to happen" – ein Statement Shai Maestros gegen die Waffengesetze in den USA. Darüber hinaus ist sich der Pianist bewusst, dass es nicht einfach ist mit seiner ansonsten instrumentalen Musik politische Botschaften zu verbreiten, obwohl er selbst ein sehr politischer Mensch sei.

Das Zentrum seines neuen Albums "The Dream Thief" bilden ansonsten ganz eindeutig die Trio-Stücke. Dabei vertraut Maestro auf seinen langjährigen Bassisten Jorge Roeder, der eigentlich aus der Avantgarde-Ecke kommt, ebenfalls die Komplexität eher in der Einfachheit sucht und findet - und auf den erst 24-jährigen Schlagzeuger Ofri Nehemya, der nicht nur die rhythmische, sondern auch die melodiöse Feinheit dieser Aufnahme auf beeindruckende Art und Weise unterstreicht. Daumen hoch für dieses besondere Album.

Shai Maestro Trio: "The Dream Thief"
ECM Records

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