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Wortwechsel | Beitrag vom 10.07.2020

Sexueller KindesmissbrauchWie Täter abschrecken, wie Kinder schützen?

Moderation: Marie Sagenschneider

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Ein Gartenkoloniehaus ist nach der Verhaftung von 11 Personen in einem pädophilen Fall am 7. Juni 2020 in Münster zu sehen.  (Getty Images / Lukas Schulze)
Über die Fälle schweren Missbrauchs in Lügde, Bergisch-Gladbach und Münster werden derzeit immer schrecklichere Einzelheiten bekannt. (Getty Images / Lukas Schulze)

30.000 Spuren sind zu verfolgen – der Missbrauchskomplex von Bergisch-Gladbach sprengt die Grenzen des Vorstellbaren. Sexueller Kindesmissbrauch ist ein Massenverbrechen. Die Bundesregierung will die Strafen verschärfen. Reicht das? Und wer hilft den Opfern?

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder sei keine Ausnahmeerscheinung, sondern eine alltägliche Gefahr, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Fälle schweren Missbrauchs in Lügde, Bergisch-Gladbach und Münster, über die derzeit immer schrecklichere Einzelheiten bekannt werden, bestätigen das.

Und diese Gefahr hat viele Gesichter, lauert an vielen Orten: Pädokriminelle Netzwerke, in denen Anleitungen zum Missbrauch zirkulieren, Täter sich verabreden und Kinder untereinander austauschen. Oder der Campingplatz in Lügde, wo Kinder jahrelang missbraucht wurden. Tauschbörsen für Kinderpornografie im Internet mit Tausenden von Nutzern. Kinder werden aber auch in der eigenen Familie missbraucht, im Sportverein, in der Kirchengemeinde.

Schrecken schärfere Strafen ab?

Die Bundesregierung plant nun schärfere Strafen für sexuellen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie. Ob das Täter wirklich abschreckt, ist umstritten. Johannes-Wilhelm Rörig begrüßt die Pläne der Bundesjustizministerin, sagt aber auch: "Mit höheren Strafen werden wir den Kampf gegen sexuelle Gewalt nicht gewinnen."

Polizei und Staatsanwaltschaften stecken viel Energie in Aufklärung und Verfolgung dieser Verbrechen. Das Ausmaß und die Scheußlichkeit dessen, was sie dabei zu sehen bekommen, bringt selbst erfahrene Ermittler an ihre Grenzen. "Diesen Kampf, den können wir nicht allein führen", sagt Michael Maatz, der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen.

Denn die Täter zu verfolgen ist das Eine, aber vor allem müssen Kinder Schutz davor finden, zu Opfern zu werden. "Die beste Prävention ist, flächendeckend niedrigschwellige Anlaufstellen zu bauen, wo all die, die eine Vermutung haben, Unterstützung kriegen können," fordert Ursula Enders von "Zartbitter e.V.", die sich seit Jahrzehnten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern engagiert.

Wie Kinder besser schützen?

Viele Vorschläge liegen auf dem Tisch, manches wird umgesetzt: Strengere Gesetze, mehr Personal und Befugnisse für die Ermittlungsbehörden. Bessere Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Schulen, Kindergärten und anderen, die mit Kindern zu tun haben.

Mehr Förderung für Hilfsorganisationen, an die betroffene Kinder und ihre Familien sich wenden können – oder Menschen, die sich Sorgen um ein Kind machen, Verdacht hegen. Und alle müssen genauer hinsehen bei einer Art von Verbrechen, das "über viele Jahre vernachlässigt wurde und man dieses Problem nicht so richtig erkennen wollte", wie der erfahrene Kriminalist Michael Maatz weiß.

Was ist zu tun, um Kinder vor Missbrauch zu schützen, denen zu helfen, die Opfer geworden sind und Tätern auf die Spur zu kommen? Darüber diskutieren:

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs
Ursula Enders, Vorstand Zartbitter e.V., Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen
Michael Maatz, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen

(pag)

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