Sexuelle Belästigung

    Mehr Sicherheit durch GPS-Tracking?

    07:36 Minuten
    Freundinnen stehen in der Nacht an einer Bushaltestelle auf dem Nachhauseweg. (Symbolbild)
    Immer noch können sich Frauen und Mädchen auf der Straße weniger frei und sicher bewegen als Jungen und Männer - auch in Deutschland (Symbolbild). © imago / Maskot
    Von Anna Loll · 28.06.2021
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    85 Prozent der Frauen und Mädchen in Deutschland haben sexuelle Belästigung auf der Straße erlebt. GPS-Tracking kann sie schützen. Unternehmen arbeiten deshalb an technischen Lösungen, oft mit unkonventionellen Ideen. Auch die Polizei ist einbezogen.
    "Wir alle haben unseren Live-Standort geteilt, wir alle haben unsere Schuhe gewechselt. Wir alle haben unseren Schlüssel zwischen unseren Fingern gehalten, wir alle haben Anrufe gemacht, echte und falsche. Wir alle haben unsere Haare in der Jacke versteckt. Wir alle sind dunkle Straßen hinuntergerannt. Wir alle haben unseren Fluchtweg geplant."
    Im März veröffentlicht Lucy Mountain einen Post auf Instagram. Überschrieben ist er mit "Text me when you get home" – schreib mir, wenn du zu Hause bist. "Ich und meine Freunde, wir schicken uns das immer."

    Die Angst der Frauen auf dem Nachhauseweg

    In ihrem Beitrag schreibt die 29-jährige Britin über die Angst von Frauen auf der Straße, im Uber, auf dem Nachhauseweg – vor sexueller Belästigung, Gewalt, Vergewaltigung oder noch Schlimmerem.
    "Wir alle haben diesen Spaziergang nach Einbruch der Dunkelheit schon einmal gemacht. Dass wir uns über dieses Zeug Gedanken machen müssen, ist so unfassbar traurig und beängstigend", erklärt Lucy Mountain auf NBC News. Ihr Post ist die Reaktion auf eine Tragödie: Am Abend des 3. März, gegen 21.30 Uhr, verschwand eine junge Frau im Süden von London, Sarah Everard. Die 33-Jährige war nach einem Besuch bei einer Freundin auf dem Weg nach Hause. Wenige Tage später ist klar: Everard ist ermordet worden, von einem Fremden.
    Berlin-Schöneberg. Besuch im Studio von Susana Gomez. Sie ist Designerin und Gründerin von "NJAJ" – "Not Just a Jewel".
    "Die sind alle vom Material komplett Edelstahl, ich selbst habe noch eins am Arm, das ist aus ‚Brass‘, Englisch für Messing. Die Cover haben wir handgemalt mit Epoxid, so Gießharzfarbe. Das ist alles noch sehr experimentell."
    NJAJ ist ein Start-up, bestehend aus fünf Frauen. Sie wollen Armreifen produzieren. Schöne Armreifen. Mit einem GPS-Tracking und einem lauten Alarm.

    Raus aus der Schockstarre

    Mit ihrem Start-up will Susana Gomez Menschen vor Straßengewalt schützen. Stylisch und cool, aber auch effektiv: NJAJ-Trägerinnen können bei Gefahr Notfallkontakte über ihren Standort informieren, "dass sie dann selber in der Lage sind, sich zu helfen. Also, dass sie nicht darauf vertrauen müssen, dass irgendwer weiß, wo sie sind. Sondern dass sie selber dann etwas tun und aus dieser Schockstarre irgendwie rauskommen können."
    Die Frauen vom Berliner Startup NJAJ sind nicht die ersten, die von Nutzerinnen und Nutzern kontrolliert eingesetztes Tracking für mehr Sicherheit auf der Straße verwenden. Ein Vorreiter für diese Idee in Deutschland ist WayGuard, eine App fürs Smartphone, mit inzwischen mehr als 400.000 Nutzerinnen und Nutzern. Sie ist umsonst, vom Versicherungskonzern AXA.
    "Angefangen haben wir das Ganze, als wir vor sechs Jahren rund um das Thema Mobilität geforscht haben: wie bewegen sich Menschen und wo gehen Menschen hin?", erklärt Nils-Hendrik Kuha, der von Anfang an dabei war.
    Auf einer glatten Fläche liegen mehrere bunt angemalte, breite Messingarmbänder.
    GPS-Tracker und Alarmfunktion: Diese Armbänder des Berliner Start-ups NJAJ sollen Frauen vor sexueller Belästigung und Übergriffen auf der Straße schützen.© Deutschlandradio / Anna Loll
    AXA führte viele Interviews durch. Eines davon war mit Martina: "Martina war 42 Jahre alt und hatte uns dann irgendwann im Verlaufe des Gespräches erzählt, wie so ihr allabendliches Heimgehen stattfindet."
    Martinas Strategie: Auf dem Heimweg nach ihren Verabredungen ruft sie ihren Mann an. Zum Beispiel sonntagsabends liegt der allerdings oft in der Badewanne.
    "Ihr war sehr wohl bewusst, dass im Falle eines Falles ihr Mann in der Badewanne nicht helfen kann, wenn ihr etwas zustoßen sollte. Aber zu wissen, da ist jemand, der weiß, wo ich bin, reicht ihr, um ihr dieses unwohlige Gefühl zu nehmen.."
    AXA entschied sich, diese Strategie zu digitalisieren, Martinas Mann mit der WayGuard-App "nachzubauen". Hier können Nutzerinnen und Nutzer sich per GPS tracken lassen oder mit geschulten Mitarbeitenden telefonieren, rund um die Uhr "Smalltalk betreiben", sagt Nils-Hendrik Kuha. "Da sitzen Menschen, die freuen sich, wenn andere Menschen anrufen, um zu sprechen. Und falls dann doch tatsächlich mal etwas passieren sollte, dann können diese Menschen sofort die Polizei informieren."

    Überfallartige Übergriffe sind selten, Belästigung nicht

    Die Polizei in Köln hat an WayGuard sogar selber mitgearbeitet. Für sie erleichtert so eine App mit GPS-Tracking den Einsatz bei Übergriffen, ist aber auch Prävention.
    Sexuelle Übergriffe seien in der Regel sogenannte "Beziehungstaten", erklärt Elena Beerhenke, Kriminalhauptkommissarin beim Polizeipräsidium in Köln:
    "Täter und Opfer kannten sich in irgendeiner Art und Weise bereits vorher oder haben sich zumindest flüchtig kennengelernt, also hatten etwa in einer Kneipe kurzen Kontakt und durch irgendeine Dynamik entwickelt es sich möglicherweise so, dass das in einer Vergewaltigung, also einem gewalttätigen Übergriff endet."
    Plötzliche überfallartige Übergriffe sind dagegen eher selten, meint die Kriminalhauptkommissarin. Anders ist es bei sexuellen Belästigungen auf der Straße. Da gibt es diesen "Beziehungs-Vorlauf" oft nicht. In beiden Fällen aber sind Frauen meist die Opfer. Um das möglichst nicht zu werden, müsse "frau" sich vorher Gedanken machen, wie sie sich wehren könnte, sagt Elena Beerhenke:
    "Wenn dieser Stress da ist und die Panik und die Angst, dann hat man keine gute Idee in dem Moment. Da kann man nur darauf zurückgreifen, also handlungsfähig bleiben, wenn man das vorher häufiger schon mal und auch wiederholt durchdacht hat."

    Unsicherheitsgefühl schränkt die Bewegungsfreiheit ein

    Eine App wie WayGuard oder ein Armreifen wie der von NJAJ kann da helfen. Aber absolute Sicherheit gibt es nicht. Besonders nicht für junge Frauen. Nirgendwo. Das zeigen diverse Studien.
    "Diese Situation, die Frauen und junge Mädchen erleben auf der Straße, ist in Kampala nicht anders als in Hamburg", erklärt Kathrin Hartkopf, Sprecherin der Geschäftsführung der NGO Plan International Deutschland. Laut Umfragen von Plan International erlebt jede vierte junge Frau tätliche Übergriffe auf der Straße, also 25 Prozent. 85 Prozent sind es, wenn auch sexuelle Belästigung mit abgefragt wird – in Deutschland.
    "Dieses Unsicherheitsgefühl schränkt die Freiheit dieser Frauen und dieser jungen Mädchen enorm ein. Frauen und junge Mädchen müssen sich auf der Straße genauso frei bewegen dürfen wie Jungs oder Männer. Und das können sie nicht."
    Das Problem dabei ist ein grundsätzliches, gesellschaftliches, sagt Kathrin Hartkopf: "Mangelnde Gleichberechtigung. Dahinter liegt eine überholte Vorstellung, dass Mädchen und junge Frauen einfach viel weniger wert sind. Immer noch."

    Hätte eine App Sarah Everard gerettet?

    Ob Sarah Everard eine App geholfen hätte, wissen wir nicht. Sie hatte vor ihrer Ermordung auf dem Heimweg noch mit ihrem Freund telefoniert.
    WayGuard hat bis heute immerhin über 2000 Notrufe aufgenommen, davon rund 330 an Polizei oder Rettungskräfte vermittelt. NJAJ will im Oktober in die Produktion gehen. Gegen Ende des Jahres soll der Verkauf ihres Tracking-Schmucks starten.
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