Bestseller-Verfilmung „The Essex Serpent“

Schnulze mit Seeschlange

06:19 Minuten
Ein Mann und eine Frau mit Hut spazieren am Strand.
Hobby-Paläontologin Cora (Claire Danes) und Dorfpfarrer Will (Tom Hiddleston) in „The Essex Serpent“. © Apple TV+
Von Stefan Mesch · 13.05.2022
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Mit viel Prominenz hat Apple TV+ aus Sarah Perrys Historienroman „Die Schlange von Essex“ eine Serie gemacht. Die kann leider weder Fans von Monstern überzeugen noch Zuschauer, die große Gefühle mögen.
Austern und Fischerboote, Nebel und Marschlandschaften: Colchester liegt 50 Meilen nordöstlich von London und galt im viktorianischen England als reizlos, nasskalt und provinziell.
Die sechsteilige Mini-Serie "Die Schlange von Essex“ zeigt eine reiche Witwe aus London, die 1893 für Monate nach Essex zieht - zuerst nach Colchester, bald weiter ins nahe (und fiktive) Dorf Aldwinter.

Bedroht ein Plesiosaurus Fischer und Kinder?

Dort wurde eine Seeschlange gesichtet. Als Darwin-Leserin und Hobby-Paläontologin sucht Cora Seaborne nach Fossilien und Knochen. Und nach einem lebenden Plesiosaurus, der in der Nordsee überlebte - und heute Fischer und ihre Kinder bedroht?
Schon 2017 erschien Sarah Perrys Historienroman „Die Schlange von Essex". Die blumige Sprache, das blumige Titelbild und Perrys Lust, mit Romance-Klischees zu spielen, sie zu brechen oder voll einzulösen, machten das Buch zum Bestseller.

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Die Verfilmung durch Apple TV+ zeigt Tom Hiddleston ("Loki") als Dorfpfarrer und Familienvater Will und Frank Dillane ("Fear the Walking Dead") in einer überraschend komplexen Rolle als Londoner Chirurg Luke.

Zerknirschte und übergriffige Männer

Beide Männer sind zerknirscht, übergriffig, liebeskrank und, würde all dies im Jahr 2022 spielen, immer kurz davor, online zu posten: "Die arrogante Witwe will nur Freundschaft?! Cora put me in the friendzone. Fieses Huhn!"
Schon bei Autorin Perry war das Absicht: "Victorians were modern people", sagt sie über die Zeit 1837 bis 1901, als Queen Victoria regierte. Wissenschaft, Industrialisierung, Slums und Fortschrittswille sind große Themen in Buch und Serie. Und während sich das Dorf immer irrationaler, abergläubischer und läppisch-alberner gegen die Seeschlange wappnet, werden ganz andere, weltlichere Nebenfiguren und Themen immer wichtiger: die Sozialistin (und Lesbe?) Martha und ihr Kampf für sozialen Wohnungsbau, Coras elfjähriger Sohn, der in der Serie introvertiert und etwas entrückt wirkt, im Roman aber schlimme Autismus-Klischees bedient. Und am spannendsten: Coras persönliche Selbstverwirklichung und die Frage, ob ihr Geld, ihr Enthusiasmus und ihr Lebenshunger mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Wendungen, die oft wie ausgewürfelt wirken

Claire Danes ("Homeland") spielt Cora als eine imposante, fahrige Frau, die in der Ehe Gewalt erfuhr und sich nie mehr irgendetwas unterwerfen will - keinem Gott, keiner Konvention. Eine preiswürdige, nie eindimensionale Darstellung in einem oft überraschenden Figurengeflecht, das sechs Folgen gut trägt.
Zufrieden kann diese Serie trotzdem fast niemanden machen. Wer Monster mag (oder wenigstens zwei, drei stimmige Thesen und Bilder sucht, warum das Irrationale und Übersinnliche im viktorianischen England so zentral war), bekommt von Folge zu Folge weniger zu sehen.
Wer sich auf große Gefühle und Romance freut, findet Wendungen, Lösungen und Missverständnisse, die oft wie ausgewürfelt wirken: sehr überraschend, aber lieblos, beliebig. Wo Mulder und Scully in "Akte X" jahrelang über Wissenschaft und Glauben stritten, hat Pfarrer Will nichts Tieferes zu sagen.

Claire Danes spielt alle an die Wand

In der Serie gibt es Dörfer und Londoner Slums, Chirurgen und Pfarrer, eine Witwe und Sichtungen einer Kreatur im Wasser - jedoch ohne tieferen Bezug, einen Zusammenhang oder eine interessante Dynamik: Martha könnte lesbisch sein, Coras Sohn ist wohl Autist. Claire Danes spielt alle an die Wand.
Sechs Folgen, das ist Zeit genug, aus einer recht misslungenen Buchvorlage und deren vielen unüberlegten, lieblosen Elementen möglichst überraschende, stimmungsvolle Einzelszenen zu bauen. Doch das Gesamtbild? Wie ein Weg, der sich erst lebhaft schlängelt. Dann immer planloser zuckt. Und am Ende nirgendwo hinführt.

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