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Zeitfragen | Beitrag vom 03.02.2020

SensorjournalismusWenn Kühe zu Reportern werden

Von Moritz Metz

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Kühe auf einer Weide schauen neugierig (imago / imagebroker / theissen)
Die Vermessung der Kühe: Für ein Sensorjournalismus-Projekt wurden Chips in ihren Mägen installiert. (imago / imagebroker / theissen)

Mittels winziger Sensoren können Reporter den Alltag vermessen: Wie viel Abstand Autofahrer zu Radfahrern halten, was Kühe fressen, welche Temperatur im Bienenstock herrscht. Die Leser bekommen Bienen- oder Kuh-Neuigkeiten direkt aufs Smartphone.

Jakob Vicari stöbert in einem Plastikbeutel voller Elektronikteile. Keine 20 Euro kostet das Set mit 40 winzigen Sensor-Modulen.

"Ganz verschiedene Bauteile, kleine Platinen, da sieht man ja schon, wie klein das geworden ist auf so einer Platine und wie gut handhabbar das ist! Das hat so schöne Anschlüsse, da braucht man eigentlich nur ein Kabel dranzustecken."

Helligkeit, Luftdruck, Temperatur, Rotation, Neigung, Beschleunigung. Jeder der Sensoren erfasst Aspekte seiner Umwelt – und weckt Jakob Vicaris Kreativität:

"Wenn ich hier so einen Sensor in der Hand habe, kommt mir sofort eine Idee, für eine journalistische Geschichte, die man damit erzählen kann. Jetzt mit so einem Helligkeitssensor über Lichtverschmutzung in der Stadt. Oder funktionieren alle Straßenlaternen? Oder: Wo fallen sie aus? Oder: Wann geht die Stadt schlafen? Könnte man ja sofort damit machen! Das es eigentlich nur so eine kleine Platine, ein ganz gewöhnliches Bauteil. Aber wenn man in Geschichten darüber nachdenkt und die vernetzt betrachtet und sich vorstellt, dass es davon Hunderte gibt, ist das natürlich eine spannende Geschichte. Ich weiß darüber nichts, wo es besonders dunkel in meiner Heimatstadt ist."

Günstig und nicht größer als eine Briefmarke

Die verheißungsvollen Sensoren verdanken Tüftler, Sensorjournalisten und Künstler der fortgeschrittenen Miniaturisierung in der Elektronik und der billigen China-Produktion. Ebenso die für die Datenweitergabe zuständigen Mini-Computer, die unter Kennern liebevoll als ESP bezeichneten ESP8266-Chips.

"Auf dem ESP läuft immer genau ein Programm und das kann halt eine Aufgabe machen. Entweder Sensordaten einsammeln und ins Netz schicken oder ins Redaktionssystem schicken."

Ein Chip gehalten durch eine Zange (Moritz Metz)Winzig klein: ein Klatsch-Sensor aus einer Funksteckdose. (Moritz Metz) 
Der ESP-Mini-Computer ist nicht größer als eine Sonderbriefmarke. Er bietet allerhand Anschlüsse, klinkt sich mit bordeigenem WLAN ins Internet und kostet keine zwei Euro. Programmieren lässt sich ein ESP mit der kostenlosen Arduino-Software vom PC aus. Einsteigerfreundliche Anleitungen und Beispielcode gibt es zuhauf im Netz.

"Es ist einfach derart billig und erreichbar geworden, dass das jeder kann. Jeder kann in 20 Minuten lernen, wie man ein vernetztes Gerät im Internet der Dinge baut. Das heißt, auch Journalisten können das lernen."

Sensoren anstecken, Code draufladen, fertig. Vorteil der Sensoren: Sie brauchen niemals Feierabend.

Messungen im Magen von Kühen 

"So ein kleiner ESP für zwei Euro, der erzählt einem halt 24 Stunden, sieben Tage die Woche etwas. Während ein Reporter nach einer Stunde erzählen müde ist und erst mal eine Kaffeepause braucht." Erst recht an ungastlichen oder gefährlichen Orten. Schon mehrfach haben Jakob Vicari die Geheimnisse der Tierwelt beschäftigt. Beim WDR-Projekt Superkühe wurden einen Monat lang die Sensordaten von drei Milchkühen präsentiert – eine vom Biohof, die andere aus dem Familienbetrieb und die dritte vom Großhof:
 
"Emma, Conni und die Nummer 71. Permanent misst der Superkühe-Sensor die Kuhtemperatur. Und er prüft, ob bei der Kuh-Verdauung alles rund läuft. Andere Sensoren dokumentieren: Wie viel Milch geben die Superkühe, wie viel Bewegung haben sie – und wie viel Kraftfutter fressen sie."

Kuh im Stall, technisches Equipment, Journalist Jakob Vicari (Deutschlandradio/ Christoph Sterz)Die Superkühe bekommen technische Unterstützung von Jakob Vicari, um ihre Geschichte zu erzählen. (Deutschlandradio/ Christoph Sterz) 
Mit dem Folge-Projekt Biene Live gewann Vicaris Team den deutschen Reporterpreis 2019 in der Kategorie Multimedia. Drei im WDR-Sendegebiet verteilte Bienenstöcke hatte das Team mit wassergekühlten Kameras versehen – und jeder Menge Sensoren.

"Rund um die Uhr wird die Temperatur im Stock gemessen, genauso wie die Außentemperatur. Auch Wind und Regen werden erfasst, durch eine Wetterstation. Und an der Ausflugsöffnung werden alle Sammelbienen per Sensor gezählt. Wie viel fliegen raus, wie viele fliegen zurück. Und dann gibt es noch eine Honigwaage, die ganz automatisch ermittelt, wie viel Honig jeden Tag zusammenkommt."

Nachrichten per Newsletter und Messenger-Chatbot

Teils basierte die Bienenstock- und Kuhstall-Berichterstattung auf vorab geschriebenen Texten, die mit aktuellen Live-Daten angereichert und aufgrund der aktuellen Ereignissen automatisch an die Leser ausgeliefert wurden: per Newsletter und Messenger-Chatbot.

"Wenn eine Kuh ein Kalb kriegt, da ist relativ vorhersehbar, was passiert. Und wenn der Journalist vorher schon erklärt, was passieren wird, können dieser Erzähl-Häppchen eigentlich durch Sensoren ausgelöst werden, freigespielt werden durch die Realität. Das heißt: Ich erzähle vorher eine Geschichte, legt die an, und wenn das Ereignis dann in der Realität eintritt, wird es ausgespielt, live an den Leser. Und das ist eben gar nicht mehr vorhersehbar. Wenn man ein lebendes System mit einem technischen System koppelt über Sensoren, dann weiß man eben nie, was als Nächstes passiert. Und das ist ganz faszinierend, aber auch ganz schön respekteinflößend."

Abstand zwischen Rad- und Autofahrer messen

Andere Sensorjournalisten erfassen Muster des menschlichen Verhaltens, zum Beispiel im Straßenverkehr. Hendrik Lehmann ist Leiter des Tagesspiegel Innovation Lab.

"Das Ganze ist ein Kasten, ein vorgefertigtes Plastikgehäuse mit drei Ultraschallsensoren."

Mit dem Projekt Radmesser, das Hendrik Lehmann hier bei Jugend hackt vorstellt, erfassten 100 Berliner Radfahrende, wie eng sie im Alltag von Autofahrenden überholt werden. Beziehungsweise: Die an den Fahrrädern angebrachten Sensoren erfassten das.
 
"Es gibt zwei Ultraschallsensoren auf der linken Seite, so können wir sozusagen automatisch sehen, ob man überholt wurde oder ob man selber überholt hat. Und es gibt einen dritten auf der andere Seite, weil wir damit sehen wollen: Wie viel Abstand halten denn die Fahrradfahrer nach rechts, wenn sie an stehenden Autos vorbeifahren."

Tatsächlich zeigten die Messergebnisse der 100 Tagesspiegel-Leser, dass gerade diejenigen Radfahrenden, die weit rechts fahren, besonders eng von Autofahrenden überholt werden. Und der Abstand war ohnehin bei 56 Prozent aller erhobenen Überholvorgänge geringer als die gesetzlich erlaubten 1,50 Meter.

Interpretieren und Einordnen ist notwenig

Ob für Superkühe, Bienenstöcke oder Fahrradabstände: So wie ein Mikrofon Journalisten als Sensor dient, um O-Töne aufzuzeichnen, sind Sensoren derzeit dabei, ein weiteres Werkzeug zu werden im journalistischen Handwerkszeug. Auch wenn die Messergebnisse der Journalisten mit ihren selbstgebastelten China-Sensoren möglicherweise weniger präzise sind als bei wissenschaftlichen Forschungsprojekten, liefern sie oft genug Evidenz, um eine Titelseite zu bestücken und öffentliche Debatten auszulösen – anhand von Fakten.

Und so erfordert Sensorjournalismus neben viel Fachwissen eine geschickte Kuratierung von potenziellen Geschichten, Fragestellungen und Messweisen. Und ein schlaues Interpretieren, Einordnen und Aufbereiten der gesammelten Daten. Kreativität und Neugier natürlich auch, findet Jakob Vicari.

"Das ist es ja eigentlich, warum wir alle Journalistin geworden sind, weil wir so neugierig sind, neugierig auf die Welt und neugierig, die Welt neu zu beschreiben. Und ich finde, das ermöglichen diese Sensoren auf so großartige Weise – eine neue Perspektive auf Dinge zu geben, die uns altbekannt sind."

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