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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 01.03.2015

SeniorenLeistungssport kennt keine Altersgrenzen

Von Gerd Michalek

Training eines Seniorensportlers im Kraftraum eines Mehrgenerationenhauses (picture alliance / dpa)
Nichts für schwache Muckis: Training eines Seniorensportlers im Kraftraum eines Mehrgenerationenhauses. (picture alliance / dpa)

Mit der Rente ist für Sportler noch lange nicht Schluss: Auch mit knapp 80 Jahren kann man sich noch in der Leichtathletik messen. Um an den Hallenmeisterschaften für Senioren in Erfurt teilzunehmen, muss man Leistung bringen.

"Wenn Schnee liegt, dann liegt eben Schnee. Da müssen alle mit klar kommen. Ich habe es schon erlebt das Schneetreiben, dass man die Handschuhe auszieht, und die Hände direkt klamm waren und man den Speer anfassen muss."

Winfried Marx ist wetterfest und seit rund 50 Jahren leidenschaftlicher Speerwerfer. Solange er gesund bleibt, wird der 66-jährige Bonner den 600 Gramm schweren Senioren-Speer nicht aus der Hand legen:

"Hauptmotivation ist, dass man vorne mitmischen kann, und oft ist es bei mir so, dass ich im Winter meine Bestleistung vom Jahr bringe. Eigentlich ungewöhnlich. Vielleicht, weil man im Winter Kraft trainiert und sich auf einmal freut, einen Speer in die Hand zu nehmen."

Deutscher Winterwurf-Vizemeister mit 65 Jahren

Als junger Mann warf Marx 59 Meter weit, das war regionale Spitze. 2014 wurde er mit 43 Metern bei den 65-jährigen immerhindeutscher Winterwurf-Vizemeister. Ein gewisser Aufstieg. Hoch aufs Treppchen möchte in Erfurt auch Anne-Chatrine Rühlow – wie in jungen Jahren:

"1955 in Frankfurt gewann ich bei den Deutschen Meisterschaften das Kugelstoßen, da gewann ich gegen Marianne Werner, die Favoritin und im Diskuswerfen war es genauso. Im letzten Wurf – da wurde ich zweifache deutsche Meisterin."

Seit den 50er-Jahren hat die Westfälin viele nationale Titel gewonnen, zunächst in der Frauenhauptklasse, dann bei den Senioren. Die Olympiateilnehmerin von 1956 ist 78 Jahre alt und immer noch schlank wie eine Hochspringerin. Sie und Winfried Marx sind so etwas wie Lebenszeit-Sportler. Sie haben das Glück, kaum verletzt zu sein. Beiden macht Trainieren Spaß.

Rühlow: "Schon seit Jahren mache ich das so, dass ich im Badezimmer Gymnastik mache, ich laufe auf der Stelle, mache Rumpfübungen, mache Bauchmuskelübungen, und und... Das sind jeden Morgen 20 Minuten, die ich morgens im Bad veranstalte."

Marx: "Ich habe das Glück, dass ich gesund geblieben bin und dass ich so fit bin mit meinen 66 Jahren, dass ich täglich trainieren kann und meinen Körper quälen kann. Und dafür bin ich dankbar."

Bei Läufern und Springern mag es Leute geben, die erst spät zum Wettkampfsport finden. Warum die in Technik-Disziplinen wie Speer- und Diskuswerfen selten sind, erklärt Anne-Chatrin Rühlow:

"Die Späteinsteiger sind die, die erstens nicht die Kondition mitbringen, und dann das technische Verständnis. Und das zu üben, glaube ich, das ist sehr schwer. Ich glaube, sie können das auch nicht von mir abgucken, weil ich zu schnell bin."

Nicht an früheren Topleistungen messen

Rühlows Bestleistung steht seit 1971 bei gut 56 Metern. Derzeit schleudert sie das leichtere Seniorengerät noch rund 30 Meter weit - Spitzenklasse für Europas Senioren. Als Senior, im zweiten Sportleben, darf man sich keinesfalls an früheren Topleistungen orientieren, sagt der 75-jährige Weitspringer Wolfgang Tuchen:

"Die Leistungen gehen nach unten, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber damit muss man leben. Man darf das nicht mit der Brechstange machen."

Der Weitspringer misst sich nur mit seinen Altersgenossen: Gestartet wird jeweils in fünf Jahrgangsgruppen. So muss Winfried Marx mit 65- bis 69-jährigen Werfern konkurrieren, Rühlow mit 75- bis 79-jährigen. Wettkämpfe im hohen Alter befriedigen nicht nur den Ehrgeiz. Nebenbei bringen die Reisen noch andere Effekte, sagt der 79-jährige Läufer Horst Bödeker:

"Was dazu kommt, dass wir in den letzten zwei Jahren den Osten kennengelernt haben, weil viele Meisterschaften im Osten stattfinden. Die haben hervorragende Sportstätten. Wir waren in Potsdam, in Dresden, in Halle an der Saale, da man lernt Land und Leute kennen. Man kann das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden."

Insofern tun Anne-Chatrine Rühlow und Winfried Marx ganz sicher etwas gegen soziale Isolierung. Umso schöner, wenn das noch mit Erfolg verbunden ist.

Rühlow: "Wenn man mal Weltmeisterin wird – oder wie jetzt Europameisterin, das ist schon was Besonderes. Wenn bei der Siegerehrung dann die Nationalhymne gespielt wird, das muss ich jetzt mal anbringen, das finde ich so schön. Aber es ist jetzt nicht so überragend, dass jeder zweite beim Einkaufen 'herzlichen Glückwunsch' sagt."

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