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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.02.2018

Senioren in bayerischen GefängnissenLieber drinnen statt draußen?

Von Tobias Krone

Zwei Insassen der Justizvollzugsanstalt Singen (Baden-Württemberg) laufen am 27.07.2017 im Innenhof des Gefängnisses an vergitterten Fenstern vorbei. Beide sind Senioren. Es ist bundesweit das einzige Gefängnis für Senioren.  (picture alliance / Patrick Seeger/dpa)
In Singen (Baden-Württemberg) gibt es bundesweit das einzige Gefängnis für Senioren. (picture alliance / Patrick Seeger/dpa)

Alter schützt vor Strafe nicht: In den Gefängnissen wächst die Anzahl der Senioren. Für die Resozialisierung ergeben sich daraus neue Herausforderungen. Doch manche wollen gar nicht wieder zurück in die Freiheit.

Es ist modern und hell auf der Krankenstation der Justizvollzugsanstalt Bayreuth. Die Räume erinnern eher an ein Krankenhaus als an einen Knast – wären nicht die doppelten Gittertüren am Eingang. Häftling G., dessen richtiger Name nicht im Radio auftauchen soll, hat eine Glatze und vier Bypässe, er ist 83. Warum er hier ist, darf nicht an die Öffentlichkeit. Nur so viel:

"Es ist der größte Fehler, den ich in meinem Leben gemacht habe."

G. war einsichtig und hatte sich selbst gestellt. Das ersparte ihm ein Drittel der Haft. Zwei Jahre hat er noch vor sich – jeden Tag das Gleiche.

"Man geht zum Hofgang am Nachmittag, dann kann man ein bisschen ausruhen, ein bisschen fernsehen. Und so ist halt der Alltag hier."

Alt und kriminell

Altern im Knast – noch ist es ein Randphänomen in deutschen Gefängnissen. Doch die Zeichen stehen auf Zuwachs. Die Menschen werden immer älter – und die kriminelle Energie mancher lässt nicht nach. Anstaltsleiter Matthias Konopka:

"Auch Menschen über 65 können Straftaten begehen, das sehen wir hier jeden Tag. Bei den über 65-Jährigen gibt es zwei Deliktsschwerpunkte, einmal sind es Sexualdelikte, und zwar speziell sexueller Missbrauch von Kindern, der oft auch von älteren Menschen begangen wird. Und Gewaltstraftaten wie Totschlag oder Mord."

Für die Gefängnisse erwachsen daraus komplexe Probleme. Im Rentenalter müssen Gefangene nicht mehr arbeiten. Es ist schwerer für sie, eine Tagesstruktur zu finden. Zudem schwinden die Körperkräfte, was zu handfesten Problemen im wörtlichen Sinne führen kann, weiß Anwalt Bruno Fuhs aus Passau, der zehn ältere Schwerstverbrecher betreut, alle jenseits der 65.

"Die Gefangenen sind in der Regel deutlich jünger. Wenn Sie sich jetzt vorstellen, Sie sitzen auf einer Abteilung mit 20-Jährigen, mit 30-Jährigen – jung, muskulös, tätowiert und vor allen Dingen dissozial und kräftig, und Sie sind 70 –, haben Sie keine guten Karten, sich da bei Meinungsverschiedenheiten in sozial adäquater Weise mit denen auseinanderzusetzen."

Reichen die Resozialisierungsmaßnahmen aus?

Gewalt im Gefängnis gegenüber älteren Häftlingen? Anstaltsleiter Konopka verneint. Er erlebe in seiner JVA, dass die Jüngeren eher Respekt vor ihnen hätten. Ziel ist, dass auch sie im hohen Alter wieder in die Freiheit zurückkehren. Doch dafür muss man sie fit machen. Vom Handytelefonieren bis zum Fahrkartenautomaten – vieles müssen sie mit Hilfe von Sozialpädagogen zunächst erlernen. Diese Resozialisierungsmaßnahmen seien unzureichend in Bayern, klagen Kritiker – wie Anwalt Bruno Fuhs. Und erzählt die Geschichte von einem Mandanten, der nach seiner Haft einen Seniorenzirkel besuchte. Auf Anraten seines Sozialarbeiters.

"Und alte Damen sind natürlich neugierig, wollen wissen, wo er war. Das kann er natürlich nicht erzählen. Und dann ist er nicht mehr hingegangen, dann war er bitter-alleine. Und irgendwann in der Weihnachtszeit hat er unter Aufsicht von zwei Detektiven im Woolworth was gestohlen. Und auf meine Nachfrage hin, warum er denn da stiehlt, sagt er: Im Gefängnis hat er halt alles gehabt."

Auch Anstaltsleiter Konopka kennt dieses Phänomen.

"Das habe ich auch schon erlebt. Aber in absoluten Einzelfällen."

Sterben hinter Gittern

Bei einigen Häftlingen stellt sich die Frage der Entlassung nicht. Sie bleiben auch als Greise eingesperrt, weil sie immer noch gefährlich sind. Für Krankheitsfälle ist die JVA Bayreuth inzwischen ausgestattet. Besonders häufig sind Diabetes, Herz-Kreislaufstörungen – und auch die Demenzgefahr hinter Gittern ist hoch.

"Die Ansprache fehlt, das ist ganz klar – außer mit den Mitgefangenen. Und man muss mit ihnen arbeiten, dass das nicht zu schnell voranschreitet."

Sagt Pfleger Claus Amschler. Gegenwärtig leben acht alte Häftlinge auf der Krankenstation in Bayreuth. Weil die Kapazität in Zukunft nicht mehr reicht, plant Bayern im nahen Marktredwitz eine JVA mit Geriatrieabteilung. Gerichte entscheiden, ob und wann pflegebedürftige Häftlinge zu entlassen sind. Sie kommen dann in ein normales Pflegeheim. Was auch wieder zu Konflikten führen kann. Die SPD-Landtagsabgeordnete Ruth Müller, die Mitglied im Gefängnisbeirat der JVA Straubing ist:

"Wenn man sich vorstellt, man hat vielleicht jemanden, der Sexualstraftäter war oder der wegen Mord verurteilt worden ist und jetzt in ein Pflegeheim in irgendeinem ländlichen Gebiet entlassen wird, darf man sich auch keine Illusionen machen, dass sich das nicht herumspricht bei den anderen Wohnheimbewohnern oder deren Angehörigen. Und da kann man sich durchaus vorstellen, wie groß die Skepsis ist, so jemanden als Mitbewohner bei seiner Mutter oder Großmutter zu haben."

Pflegeheime für Ex-Häftlinge

Die Gefangenen haben keine Lobby, so Müller. Und manchmal nicht einmal mehr Verwandte, die sich für ihr Wohl einsetzen. Manch Gefangener will auch gar nicht mehr raus, weil er im Knast zumindest rundum versorgt ist. Ruth Müller fordert deshalb eigene Pflegeheime für ehemalige Häftlinge.

"Ältere Menschen, die nach einer langen Haftstrafe entlassen werden, brauchen dann vielleicht auch ein Pflegeheim, das ihrem gewohnten Lebensalltag nahe kommt. Natürlich mit den Vorteilen, die Freiheit bietet, aber auch einem gewissen beschützenden Rahmen und auch mit dem Wissen, das man aufgrund seiner Vergangenheit nicht stigmatisiert wird."

Ein Pflegeheim für ehemalige Knastbrüder – auch der Bayreuther Anstaltsleiter würde das befürworten. Anwalt Fuhs kommentiert diese Idee gewohnt schroff.

"Dann wäre ein solcher Mensch nach seiner Entlassung zwar nicht mehr in einer Strafanstalt, würde sich dann aber in einem Pflegeheim befinden, wo er wieder in einem Milieu von Kriminellen und Asozialen ist. Ist das ein erstrebenswerter Ruhestand?"

Die Sehnsucht nach Freiheit bleibt

Wo Häftling G. hinwill – nach seinem Strafvollzug: zurück zu seiner Frau. In den langen Tagen hier im Knast plagt ihn oft die Sehnsucht nach Freiheit.

"Jeder möchte das gern haben. Aber ich meine, für seine Schuld muss man natürlich auch einstehen, da wollen wir mal gar nichts sagen ... aber die Freiheit ist natürlich schon was anderes."

In Freiheit sterben nicht alle Häftlinge. Denn nur wenige da draußen kämpfen für sie, damit sie ein würdiges Lebensende haben.

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