„Er bewegt sich durch die Stadt, niemand möchte etwas von ihm. Es ist nicht wie Fahrrad fahren, aber die Bewegung beruhigt ihn. Er schaut aus dem Fenster, [...] träumt sich eine Zukunft, wo niemand mehr über ihn bestimmen darf, träumt von Malaysia, von Hanoi, von Moskau, von Steppenwind und Mongolei, von Reisen mit einem Motorrad. [...] Sein Vater möchte, dass er Arzt wird, die Lehrer wollen, dass er zuhört und mitarbeitet, doch am liebsten sitzt er in der Straßenbahn, zwischen den Welten und schaut aus dem Fenster.“
Selim Özdogan: „Ihr kriegt uns hier nicht raus“
© Kanon Verlag
Zwischen zwei Welten: eine kurdische Familie in Köln

Selim Özdogan
Ihr kriegt uns hier nicht rausKanon-Verlag, Berlin 2026272 Seiten
25,00 Euro
Selim Özdogan erzählt die Geschichte einer kurdisch-alevitischen Familie im Köln der frühen 80er-Jahre. Im Zentrum steht der Sohn Baran. Ein atmosphärisches Buch über Fremdheit und Nähe, über Gewalt und emphatische Kindheitswahrnehmungen.
Wer in Köln-Mülheim wohnt, hat vermutlich Besseres zu tun, als sich ausgerechnet über das Straßenbahnfahren Gedanken zu machen. Auf dem Bolzplatz kicken oder auf dem Spielplatz herumhängen, darum gehe es, sagen die anderen Kinder. Doch für Baran ist die Straßenbahn der Fluchtpunkt jedes Morgens. Nach der Fahrt wartet die Schule auf ihn, das Gymnasium in Lindenthal, auf das er seit einigen Wochen geht – und in dem sich alles falsch anfühlt. In der Bahn ist das anders:
Nah an den Dingen: Die Kölner Familie Konak
Als Baran seine Bahn-Leidenschaft entdeckt, ist die Geschichte dieses Romans fast schon zu Ende. Er ist jetzt elf – und sein Erfinder Selim Özdogan hat Barans Leben über mehr als acht Jahre hinweg verfolgt, von den späten 1970ern bis zur Mitte der 80er Jahre. Aber nicht nur sein Leben, sondern das der ganzen kurdisch-alevitischen Familie, samt Großmutter und Kindermädchen.
Özdogan hat der Familie den Namen Konak gegeben. Darin klingt das rassistische Schimpfwort „Kanake“ an, das sich einige Familienmitglieder in ihrem Kölner Leben „zwischen den Welten“ immer wieder anhören müssen, aber ebenso Feridun Zaimoglus berühmter Erstling „Kanak Sprak“. Doch anders als sein Schriftstellerkollege hat Özdogan keine wütende Kunstsprache erfunden, er erzählt vielmehr überraschend ernsthaft und ungebrochen und bleibt stets „nah an den Dingen“, wie es einmal heißt.
Was weder mit erzählerischer Naivität zu verwechseln ist, noch zu Langeweile führt. Im Gegenteil, Özdogan weiß, was er tut. Sein Erzähler schlüpft in das Denken und Wahrnehmen der Figuren, hat aber zugleich Kenntnis darüber, wie ihre Geschichten viele Jahre später enden werden. Und er verwendet eine Sprache, die raffiniert von kurdischen und türkischen Einsprengseln durchsetzt ist.
Gewalt, Sprache und die Perspektive des Sohnes Baran
Mit einem guten Sinn für Atmosphären, in denen sich Kohle- und Essensgerüche mit Empfindungssträhnen aus Schmerz, Trauer oder Hoffnung verbinden können, faltet er das Leben der Familie Konak auf. Die Geschichte der Mutter, die mit 14 verheiratet wird und erst als Erwachsene von ihrem kleinen Sohn Baran das Lesen und Schreiben lernt. Oder jene des Vaters, der in jungen Jahren als sogenannter Gastarbeiter nach Köln kommt, ein Choleriker, dessen Charme blitzschnell in Zorn umkippen kann, der sich nicht nur immer wieder prügelt, sondern auch seine Frau und seine Kinder schlägt. Und dabei mit Vorliebe extrem herabwürdigende Sätze verwendet. Etwa wenn er gegen Barans älteren Bruder vorgeht, der anfangs bei der Großmutter in der Türkei aufwächst und vom Vater immer viel schlechter als Baran behandelt wird:
„Wenn ich noch einmal sehe, wie du Baran schlägst, scheiß ich dir ins Maul und wische mich mit deinem Ohr ab.“
Die Großmutter wiederum ist eine der faszinierendsten Figuren des Romans, eine äußerst selbstbewusste Frau, die sich nicht darum schert, was die anderen Leute im Dorf über sie sagen; als der Vater sie nach Köln holt, wird sie dort schnell von vielen bewundert und spricht weiterhin nur Kurdisch. Und natürlich Baran selbst, der ein sensibler, kluger Einzelgänger ist, der sich seine Freiheit vom Gewaltsystem des Vaters nach und nach erkämpft – und dessen Kinderperspektive den Ton des Buches über weite Strecken prägt.
Zeitgeschichte der 80er: Hausbesetzung und Musik
Ein Konflikt entsteht, als die Familie in ein besetztes Haus einzieht. Der geschäftstüchtige Vater sieht die jungen Menschen, die Matratzen in das Haus tragen, hört, dass er keine Miete zahlen muss – und feiert schon:
„Komm, schenk mir ein Glas ein, lass mich einen darauf trinken [...]. Kinder, Kinder, hier sind 5 Mark, geht zum Büdchen, kauft Weingummi, Chips [...], was ihr wollt. Ab hier schieben wir das Geld vor uns her.“
Die Gruppe der Hausbesetzer mit ihren basisdemokratischen Plenumssitzungen nutzt Özdogan, um Freundschaften mit Mitgliedern der Familie zu inszenieren – oder Kollisionen mit dem Realverstand des Vaters. Ihre Gespräche ermöglichen es ihm aber auch, jede Menge Zeitgeschichte in den Roman einzuspeisen, vom Nato-Doppelbeschluss über rechtsextreme Attacken bis zum Protest gegen die Frankfurter Startbahn West. Dazu gibt es eine ganze Erzählschiene, die der Musik gewidmet ist, die Baran im Radio hört, Neue Deutsche Welle zum Beispiel, Boy George oder David Bowie. Und Musik ist weit mehr für ihn als nur das Anhören von Songs:
„Die Geschichten sind nicht wichtig, sie sind nur die Bilder, die sich eingebrannt haben, weil das Gefühl da war. Sie sind nur das Fahrzeug, mit dem man zurück in das Gefühl kann. Wichtig ist nur, dass der Körper die Musik gehört hat.“
Parallelen zu Güçyeter: Ein starkes Zeitporträt
Manchmal, etwa in seiner Betonung der Außenseiterposition der Hauptfigur, erinnert das Buch stark an Dinçer Güçyeters preisgekrönten Familienroman „Unser Deutschlandmärchen“. Manchmal kratzen die raffenden oder zeitlich weit vorausgreifenden Kommentare des Erzählers auch deutlich an, was Özdogan zuvor so schön atmosphärisch aufgebaut hat.
Im Ganzen aber hat er einen überzeugend vielstimmigen, mal traurigen, mal euphorischen Roman über Fremdheit und Nähe, über Gewalt und die Erinnerungsspeicher der Kindheit geschrieben, der nebenbei auch ein kleines Zeitportrait ist.














