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Fazit | Beitrag vom 11.08.2019

Selfmademan Joop van Caldenborgh "Man muss nicht vermögend sein, um Sammler zu werden"

Von Kerstin Schweighöfer

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Joop van Caldenborgh und Kerstin Schweighöfer stehen vor dem Stahlplattenlabyrinth von US-Künstler Richard Serra im Privatmuseum Voorlinden. (Kerstin Schweighöfer)
Joop van Caldenborgh und Kerstin Schweighöfer stehen vor dem Stahlplattenlabyrinth von US-Künstler Richard Serra im Privatmuseum Voorlinden. (Kerstin Schweighöfer)

Joop van Caldenborgh ist Multimillionär, Selfmademan und wichtigster Sammler zeitgenössischer Kunst der Niederlande. Seit er 17 ist, sammelt er Gemälde, Zeichnungen, Videos, Skulpturen. Sein Credo: "Kauf für dich selbst und nicht für den Markt!"

Jedes Mal, wenn sich Joop van Caldenborgh in das Labyrinth aus rostigen, gewölbten Stahlplatten von US-Künstler Richard Serra begibt, gerät er aufs Neue in Begeisterung. Diese Skulptur muss man erfahren, erleben. 18 Meter lang ist sie, sieben Meter breit, vier Meter hoch und 216 Tonnen schwer.

"Open ended" heißt dieses für Serra typische Werk, denn es hat zwei Ausgänge. Joop van Caldenborgh, Gründer des Rotterdamer Chemiekonzerns Caldic und größter Privatsammler der Niederlande, hat es direkt bei Serra in Auftrag gegeben – während eines Atelierbesuchs.

Von Kritikern hochgelobtes Privatmuseum Voorlinden

Nun gehört das Stahlplattenlabyrinth zu den Publikumslieblingen und Topstücken von Voorlinden, einem von den Kritikern hochgelobten Privatmuseum, das sich van Caldenborgh 2016 auf einem Landgut im Haager Nobelvorort Wassenaar hat bauen lassen.

Wie viele Kunstwerke er insgesamt besitzt? Der Sammler – elegant, hochgewachsen, in Anzug und Krawatte – weiß es nicht genau. Das ist für den 79-Jährigen mit den stahlblauen Augen auch überhaupt nicht wichtig. Mehr als 6000 müssten es sein.

Rund 1500 befinden sich in den mehr 40 Niederlassungen seines Chemiekonzerns, hängen zu Hause bei ihm selbst, bei Freunden, Mitarbeitern und den Kindern. 60 stehen in seinem Skulpturenpark. Und der Rest ist im Museum.

Schwäche für minimalistische Kunst

Die Frage, ob er ein Lieblingsstück hat, ist er gewöhnt, aber sie empört ihn jedes Mal: "Sie fragen mich doch auch nicht, welches meiner sechs Kinder und 13 Enkelkinder ich mehr liebe als das andere?" Er habe allerhöchstens eine Schwäche für eine bestimmte Kunstrichtung, den Minimalismus. Wahrscheinlich, weil es am besten zu seinem mathematischen Geist passe.

Der niederländische König Willem-Alexander posiert mit Joop van Caldenborgh für die Presse. (Albert Ph. van der Werf/RoyalPress/dpa)Sogar der niederländische König Willem-Alexander kam zur Eröffnung von Caldenborghs Privatmuseum Voorlinden. (Albert Ph. van der Werf/RoyalPress/dpa)
Arbeiten von Ellsworth Kelly zum Beispiel, Robert Ryman, dem Niederländer Jan Schoonhoven. Oder von Imi Knoebel, meint er und steuert auf eine metergroße Arbeit aus geometrischen Farbflächen zu. Vor zwei Jahren hat er sie erworben, bei einem Händler in der Schweiz.

Für wieviel, wird nicht verraten, über Geld spricht er nicht. Das dürfte bei einem geschätzten Vermögen von 750 Millionen Euro sowieso kaum eine Rolle spielen. Halt, stellt van Caldenborgh klar:  "Man muss nicht vermögend sein, um Sammler zu werden! Auch ich hatte nichts, als ich anfing! Keinen Cent!"

Erstes Kunstwerk kaufte er mit seinem Taschengeld

Sein erstes Kunstwerk war ein Siebdruck des niederländischen Computerkünstlers Peter Struycken. Für 25 Gulden, umgerechnet zwölf Euro, hat er ihn gekauft, von seinem Taschengeld. 17 war er damals. Schon als Kind streifte er mehrmals pro Woche durchs Museum, ganz alleine. Er dachte daran, selbst Künstler zu werden, aber sein Talent reichte nicht, fand er.

Stattdessen studierte er Wirtschaft und Chemie, war ein paar Jahre als Luftwaffenpilot im Einsatz und gründete dann mit 29 seinen Chemiekonzern, nach dem er auch seine Sammlung benannt hat: die Caldic Collection, denn nebenbei sammelte er weiter Kunst.

Wichtigste Eigenschaft eines Sammlers: gutes Sehen. Das sei eine Gabe, müsse aber trainiert werden. Deshalb hat er nach wie vor 25 Kunstzeitschriften abonniert, besucht alle wichtigen Messen, klappert Dutzende Galerien ab. Dann schläft er eine Nacht drüber und was am nächsten Morgen hängengeblieben ist, das wird gekauft.

Als Geschäftsmann ist er knallhartes Verhandeln gewöhnt. Aber manchmal zahlt er auch drauf. Oder kennt beim Ersteigern kein Aufhören, weil er etwas unbedingt haben will. Das komme öfter vor.

"Folge immer deinem Herzen"

"Sammler sind seltsame Wesen. Eine gewisse Habgier ist ihnen eigen", sagt er. Die größten Fehler, die man als Sammler machen könne: Kunst als Investition anschaffen. Oder um damit vor anderen zu prunken.

"Folge immer deinem Herzen. Lass dich nicht beirren, höre nicht auf andere, laufe keinen Trends hinterher und mach keine Kompromisse. Kauf für dich selbst und nicht für den Markt, der was weiß ich tut!"

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