Selbstversuch mit Risiko
Es geht um eine der längsten Selbstversuchsreihen in der Geschichte der Medizin. Millionen und Abermillionen nehmen unaufgefordert daran teil. Ich übrigens auch. Es geht um den Selbstversuch mit dem eigenen Übergewicht, ein Selbstversuch mit Risiko.
Wir können nicht behaupten, wir seien nicht aufgeklärt über die Gefahren für Gesundheit und Leben. Die Weltgesundheitsorganisation, viele um unser Wohl bemühte Gesellschaften für gesündere Ernährung und jetzt auch wieder die Europäische Kommission, sie alle wollen uns aus unserem Selbstversuch mit dem Übergewicht herausreden. Flankiert wird diese Anstrengung auch von Fernsehärzten, die von Kanal zu Kanal unsere Taillen vermessen, uns auf die Waage stellen und Diäten empfehlen von Null- bis Trennkost. Große Sorgen bereitet vor allem, dass 20 Prozent unserer Kinder und mehr - zum Beispiel in den USA - schon in frühen Jahren als übergewichtig und fettleibig eingestuft werden. Tendenz steigend.
Diese Erkenntnisse sind schockierend, aber nicht überraschend. Die - sagen wir - Fresswelle neuerer Zeitrechnung überkommt unsere Überflussgesellschaften wie ein Kalorien-Tsunami. Diese Fresswelle kommt raffinierter daher als jene nach den Hungerjahren, die dem Krieg folgten. Heute wird nicht nur mit Sättigungsbeilagen befriedigt, heute werden uns unsere Lebensmittel mit allen Psychotricks der Werbebranche ans Herz gelegt oder an die Koronarien. Die Chemie steuert Geschmacksverstärker bei. Die Überproduktion in unseren Breiten muss schließlich vermarktet werden. Auf jeden mahnenden Fernseharzt kommt ein animierender Fernsehkoch mit viel guter Butter.
Eltern, die beide berufstätig sind, sich für ihre Kinder zu wenig Zeit nehmen, beruhigen ihr schlechtes Gewissen, in dem sie den heißen Wünschen ihrer Lieben nach Pizza, Pommes, Hamburger und Schokoriegel schnell nachgeben. Und die Oma, die einspringt, sie hat in ihrer Jugend erleben müssen wie wiederum ihre Mutter in den Hungerjahren nach dem Krieg Familienschmuck in die damaligen Leitwährungen umtauschte, in Speck, Butter und Kartoffeln. Kalorien wurden damals nicht gezählt, sondern gehamstert, um zu überleben. Das sitzt bei Oma noch tief drin.
Solche Verhaltensmuster leben fort, werden für lange Zeit Bestandteil eines kollektiven Unterbewusstseins, einschließlich gespeicherter Geschmackspräferenzen. Schließlich erinnern fette Bratkartoffeln an Mutters Zeiten, heute serviert mit einem Salat an der Seite - als Alibi.
Dem Zuviel an Kalorien steht ein Zuwenig an Bewegung gegenüber. Wir sind eine Gesellschaft der Sitzenden. Wir quetschen uns in Autositze, hocken stundenlang vor Computern und Fernsehern oder auf Bänken im Biergarten. Sportunterricht in der Schule wird allzu oft zur Freistunde umfunktioniert. Dennoch nehmen unsere Kinder am Sportgeschehen teil, allerdings seltener auf der Aschenbahn oder beim Ballspiel auf Wiese, Straße und im Verein, dafür eher virtuell am eigenen PC. Da kann man selber Ballack sein oder Schumi auf der Piste. Das Fahrrad steht unterdessen im Keller, weil es zu wenig Radwege gibt, oft auch nur angeblich zu wenig.
Viele Eltern machen es sich zu leicht, wenn sie für das Verhalten ihrer Kinder Schule und Schulessen, ja auch den Staat verantwortlich machen. Sie, die Eltern sind als Vorbilder gefragt, von der Geburt ihrer Kinder an, in jedem Falle aber rechtzeitig, bevor Gewohnheiten entstehen, die immer auch die falschen sein können.
Es gibt Hoffnung. Die wachsenden Umsätze bei Bioprodukten, Obst und Gemüse sind Indizien für ein Umdenken, ebenso wie der vorbeikeuchende Jogger. Und die Beliebtheit der so genannten Muckibuden, jener Sportstudios zur Förderung von Muskeln und Schweißtreiben, verheißen, dass für den Körper etwas getan wird, über die Kultivierung des Waschbrettbauches hinaus.
Von einer anderen Idee, die zunächst in Großbritannien auf Interesse stieß, halte ich nicht viel. Dem Übergewicht sollte dort mit einer erhöhten Mehrwertsteuer für minderwertige Lebensmittel der Kampf angesagt werden. Wir wissen ja, wie die laufenden Erhöhungen der Tabaksteuer Raucher abschrecken, oder auch nicht. Das Einzige, das ich der Idee einer Fettsteuer abgewinnen könnte, wäre der Einsatz der zusätzlich kassierten Steuern direkt, eins zu eins, als Hilfe für die rund 850 Millionen hungernden Menschen in der Welt.
Peter Frei, Jahrgang 1934, war zunächst Redakteur bei der NRZ. 1962 ging er zum Deutschlandfunk und 1967 nach Baden-Baden zum SWF. Er war zehn Jahre lang Korrespondent in London, danach in Bonn, von 1991 an Chefredakteur des SWF und von 1993 bis 1998 sein Hörfunkdirektor.
Diese Erkenntnisse sind schockierend, aber nicht überraschend. Die - sagen wir - Fresswelle neuerer Zeitrechnung überkommt unsere Überflussgesellschaften wie ein Kalorien-Tsunami. Diese Fresswelle kommt raffinierter daher als jene nach den Hungerjahren, die dem Krieg folgten. Heute wird nicht nur mit Sättigungsbeilagen befriedigt, heute werden uns unsere Lebensmittel mit allen Psychotricks der Werbebranche ans Herz gelegt oder an die Koronarien. Die Chemie steuert Geschmacksverstärker bei. Die Überproduktion in unseren Breiten muss schließlich vermarktet werden. Auf jeden mahnenden Fernseharzt kommt ein animierender Fernsehkoch mit viel guter Butter.
Eltern, die beide berufstätig sind, sich für ihre Kinder zu wenig Zeit nehmen, beruhigen ihr schlechtes Gewissen, in dem sie den heißen Wünschen ihrer Lieben nach Pizza, Pommes, Hamburger und Schokoriegel schnell nachgeben. Und die Oma, die einspringt, sie hat in ihrer Jugend erleben müssen wie wiederum ihre Mutter in den Hungerjahren nach dem Krieg Familienschmuck in die damaligen Leitwährungen umtauschte, in Speck, Butter und Kartoffeln. Kalorien wurden damals nicht gezählt, sondern gehamstert, um zu überleben. Das sitzt bei Oma noch tief drin.
Solche Verhaltensmuster leben fort, werden für lange Zeit Bestandteil eines kollektiven Unterbewusstseins, einschließlich gespeicherter Geschmackspräferenzen. Schließlich erinnern fette Bratkartoffeln an Mutters Zeiten, heute serviert mit einem Salat an der Seite - als Alibi.
Dem Zuviel an Kalorien steht ein Zuwenig an Bewegung gegenüber. Wir sind eine Gesellschaft der Sitzenden. Wir quetschen uns in Autositze, hocken stundenlang vor Computern und Fernsehern oder auf Bänken im Biergarten. Sportunterricht in der Schule wird allzu oft zur Freistunde umfunktioniert. Dennoch nehmen unsere Kinder am Sportgeschehen teil, allerdings seltener auf der Aschenbahn oder beim Ballspiel auf Wiese, Straße und im Verein, dafür eher virtuell am eigenen PC. Da kann man selber Ballack sein oder Schumi auf der Piste. Das Fahrrad steht unterdessen im Keller, weil es zu wenig Radwege gibt, oft auch nur angeblich zu wenig.
Viele Eltern machen es sich zu leicht, wenn sie für das Verhalten ihrer Kinder Schule und Schulessen, ja auch den Staat verantwortlich machen. Sie, die Eltern sind als Vorbilder gefragt, von der Geburt ihrer Kinder an, in jedem Falle aber rechtzeitig, bevor Gewohnheiten entstehen, die immer auch die falschen sein können.
Es gibt Hoffnung. Die wachsenden Umsätze bei Bioprodukten, Obst und Gemüse sind Indizien für ein Umdenken, ebenso wie der vorbeikeuchende Jogger. Und die Beliebtheit der so genannten Muckibuden, jener Sportstudios zur Förderung von Muskeln und Schweißtreiben, verheißen, dass für den Körper etwas getan wird, über die Kultivierung des Waschbrettbauches hinaus.
Von einer anderen Idee, die zunächst in Großbritannien auf Interesse stieß, halte ich nicht viel. Dem Übergewicht sollte dort mit einer erhöhten Mehrwertsteuer für minderwertige Lebensmittel der Kampf angesagt werden. Wir wissen ja, wie die laufenden Erhöhungen der Tabaksteuer Raucher abschrecken, oder auch nicht. Das Einzige, das ich der Idee einer Fettsteuer abgewinnen könnte, wäre der Einsatz der zusätzlich kassierten Steuern direkt, eins zu eins, als Hilfe für die rund 850 Millionen hungernden Menschen in der Welt.
Peter Frei, Jahrgang 1934, war zunächst Redakteur bei der NRZ. 1962 ging er zum Deutschlandfunk und 1967 nach Baden-Baden zum SWF. Er war zehn Jahre lang Korrespondent in London, danach in Bonn, von 1991 an Chefredakteur des SWF und von 1993 bis 1998 sein Hörfunkdirektor.