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Rang I | Beitrag vom 17.04.2021

"Selbstvergessen" am Jungen DT BerlinJugendliche erforschen die Demenz ihrer Großeltern

Gernot Grünewald im Gespräch mit André Mumot

Mehrere Personen, die alt geschminkt wurden und Perücken mit grauen Haaren tragen, spielen im Schweinwerferlicht mit bunten Ballons: Noa Rosa Nrecaj, Dimitrije Parkitny, Nike Strunk in "Selbstvergessen" des Jungen DT Berlin. (Arno Declair)
Zu den Proben gehört eine auch schmerzliche Auseinandersetzung mit der eigenen Familienwelt - die dann in theatrale Formen übersetzt wird. (Arno Declair)

„Was bedeutet es, sich selbst zu vergessen?“ Diese Frage steht im Zentrum des Livestream-Stücks "Selbstvergessen" am Jungen DT Berlin. Mit ihr nähern sich Jugendliche dem Thema Demenz. Es soll viel Raum für Improvisation sein, sagt der Regisseur.

Premieren werden dieser Tage zur Seltenheit. Am Jungen DT Berlin aber findet nun eine Erstaufführung statt, die von Anfang an als Livestream konzipiert war, nie für eine Aufführung auf der Bühne vor Publikum. Das Thema ist kein leichtes: Das jugendliche Ensemble setzt sich in der Stückentwicklung "Selbstvergessen" mit der Demenzerkrankung der eigenen Großeltern auseinander.

Sechs Jugendliche im Alter von 11 bis 19 Jahren sind dafür eigens ausgewählt worden. Zu den Proben gehört eine auch schmerzliche Auseinandersetzung mit der eigenen Familienwelt, die aber nicht zwangsläufig so auch auf der Bühne wiederholt werden muss.

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"Was wir versucht haben, ist, jeweils theatrale Formen dafür zu finden, also nicht den privaten Schmerz auszustellen, sondern eigentlich mit dem privaten Schmerz einen Umgang zu finden, eine Reflexionsebene einzuziehen, um eine Auseinandersetzung zu schaffen: Was ist das eigentlich für eine Krankheit?", erklärt Regisseur Gernot Grünewald.

Vor allem sei es ihm darum gegangen, das Thema auch auf sich und die Mitspielenden selbst zurückzubeziehen. "Was bedeutet es letztendlich, sich selbst zu vergessen? Was heißt das auch für einen 15-Jährigen, das überhaupt als Dimension zu denken: Wie wäre es, wenn ich mich selbst so vergessen würde, wie sich gerade meine Oma oder mein Opa vergessen hat?"

Livestream-Aufführungen mit Improvisation

Interessant sei dabei nicht zuletzt der Kontrast zwischen den weit auseinanderliegenden Generationen. "Wir haben zwei Zeitachsen aufgemacht", sagt Grünewald. "Die Darstellerinnen und Darsteller, die auf der Bühne sind, haben natürlich wenig Erinnerung und viele Träume und Utopien, was die Zukunft ihres Lebens betrifft. Und auf der anderen Seite stehen die eigenen Großeltern, die viele Erinnerungen haben und relativ wenige bis gar keine Träume und Utopien mehr."

Regisseur Gernot Grünewald hat von Anfang an daraufgesetzt, Livestream-Aufführungen zu planen, die großen Raum für Improvisation bieten. Jedes Mal wird sich das Stück ändern, an den jeweiligen Moment anpassen.

Wichtig sei das, weil "der Betrachtende auch virtuell anwesend ist, um diesem Ereignis beizuwohnen und ein gemeinsames Jetzt zu kreieren, was Theater ja einfach ausmacht – dass man das in ein virtuelles Format via Livestream überträgt… und quasi die Reflexion der Jugendlichen auch in diesem Augenblick stattfindet." Nichts sei einfach nur auswendig gelernt und dann in der Aufführung abgespult.

(amu)

Die Livestream-Premiere ist am 17. April 2021 um 19 Uhr. Alle Informationen auf der Webseite des Jungen DT Berlin.

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