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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 23.09.2007

Selbstporträt eines Regierenden Bürgermeisters

Klaus Wowereit, Hajo Schumacher: "…und das ist auch gut so"

Vorgestellt von Dorothea Jung

Klaus Wowereit (AP)
Klaus Wowereit (AP)

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat seine Autobiografie vorgelegt - und betont, das Buch nicht als Bewerbung für die Kanzlerkandidatur zu verstehen. In "…und das ist auch gut so" findet sich wenig Programmatisches. Wowereit erzählt lieber von seiner Kindheit und gibt zahlreiche Anekdoten preis.

"Liebe Genossinnen und Genossen, ich sag 's euch auch, und wer 's noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen!"

Ja, auch das erfahren wir aus dem Buch des Regierenden Bürgermeisters: Wie es damals, 2001 auf dem Landesparteitag, zum Outing gekommen ist. Zu diesem Satz, der so locker klingt wie ein Werbeslogan und der Klaus Wowereits Markenzeichen werden sollte. Die pointierte Formulierung sei ihm ganz spontan eingefallen, versichert er. Kein Kalkül der Selbstvermarktung? "Es war ein Wagnis", beteuert Klaus Wowereit am Abend der offiziellen Buchvorstellung in Berlin.

"Mir wär es immer am liebsten gewesen, dass das kein Thema gewesen wäre. Nun war es ja nun so: Alle Journalisten wussten das. Die ersten, die mich damit konfrontiert hatten, war ausgerechnet ein schwuler Reporter von der TAZ und 'ne lesbische Reporterin von der TAZ, die im Doppelinterview mir am Schluss die Frage stellten: 'Herr Wowereit, kann denn ein Schwuler Bürgermeister werden?' Da war ich erst mal sprachlos, muss ich sagen."

Und sprachlos, gar ohnmächtig zu sein, das ist etwas, was Klaus Wowereits gar nicht gerne mag. Er ist ein Kerl, der in die Offensive geht. Oder besser: Er beschreibt sich so - ganz gleich, ob er Kindheitserlebnisse schildert oder seinen sozialdemokratischen Werdegang. Zum Leitstern dieses angriffslustigen Wesenszuges hat er seine Mutter erkoren. Wir lesen:

"Von ihr habe ich gelernt, nie den Mut zu verlieren und in schweren Situationen zu kämpfen. Sie hat immer gesagt: 'Wenn es dir schlecht geht, ist nicht automatisch jemand anderes schuld'."

"Sie war erst Putzfrau, dann beim Gartenbauamt, das reichte aber auch alles von vorne bis hinten nicht; was hat man gemacht? Da wurden dann die Stiefmütterchen, die da angepflanzt waren, zusammen gebündelt und dann wurden die dann irgendwo beim Krankenhaus verkauft, als zusätzlicher Punkt; aber trotzdem nicht den Mut zu verlieren oder den Stolz nicht zu verlieren - zu sagen: Okay, reiß dich am Riemen, du musst da durch."

Wo allerdings die Grenze zwischen Selbstbehauptung und Rücksichtslosigkeit liegt, damit setzt sich Klaus Wowereit nicht so gerne auseinander. Lieber redet er sich den Haifischteich der Berliner Sozialdemokratie schön. So nennt er beispielsweise die Machtkämpfe innerhalb der Partei ein "Stahlbad", das ihn abgehärtet hat. Und den Zwang, mit Kungeleien Mehrheiten zu organisieren, bezeichnet er allen Ernstes als "innerparteiliche Demokratie".

"Diese innerparteiliche Demokratie ist bisweilen gnadenlos, nicht immer mit den Gesetzen der Vernunft zu fassen; aber sie ist am Ende doch gerecht. Die Mehrheit entscheidet. Basta. So erklären sich auch manche Entscheidungen von Politikern, die die Öffentlichkeit nicht nachvollziehen kann. Bisweilen ist es klüger 10.000 Wähler zu verärgern, als 50 Parteifreunde. Denn die entscheiden im Zweifel eher über mein Schicksal als die Wähler."

Das sei keineswegs das Credo eines Karrieristen, schwört der Regierende Bürgermeister. Vielmehr sei das sei auf seinem Weg durch die Gremien der Partei schlicht die Realität gewesen.

"Wenn Du den Anspruch hast, etwas durchzusetzen, dann musst du entweder dieses System total beseitigen oder aushebeln, oder du musst Teil dieses Systems auch werden, in der Weise, dass du dann beides auch beherrschst. Und deshalb ist diese Kungelei - ich ha die damals wunderbar beherrscht -- sonst wärst du sofort auf der Strecke geblieben; die hätten ja nicht freiwillig ihre Jobs da geräumt, die dachten ja alle, sie sind gut."

Er habe das Buch geschrieben, um sein politisches Handeln verständlich zu machen, lesen wir. Doch der 53jährige hat mit Hilfe des Journalisten Hajo Schumacher keineswegs ein Werk über politische Strategien oder gar Staatskunst verfasst. Sondern über Klaus Wowereit, den Macher.

"Nur die Welt zu revolutionieren, ohne etwas Praktisches zu machen, war nie mein Ding; und deshalb haben wir konkret in der Jugendarbeit etwas gemacht; wir haben uns auseinandergesetzt mit ner Wohnungsbaugesellschaft, wir sind da hin gegangen zum Vorstandsvorsitzenden, haben gesagt: Ihr tickt ja wohl nicht richtig; die Kinder haben keine Möglichkeit, in euren Neubaugebieten zu spielen!"

Klaus Wowereit: ...und das ist auch gut so. (Karl Blessing Verlag)Klaus Wowereit: ...und das ist auch gut so. (Karl Blessing Verlag)Politische Weisheiten verteilt er im Buch hingegen weniger freigiebig als Anekdoten und Klatsch. Da werden Gehässigkeiten über Parteifreunde und politische Weggefährten preisgegeben; uns wird verraten, dass der kleine Klaus für die Beatles schwärmte und nicht für die Stones, dass er im Partykeller zu Haus mit Mädchen geknutscht hat oder dass er heute traurig ist, weil Sabine Christiansen nicht mehr in Berlin wohnt. Ganz lässig switscht er vom politischen Ereignis in Berlin zum Pläuschchen über seine Mutter oder über seinen Lebensgefährten. Das ist leichtfüßig erzählt und streckenweise durchaus kurzweilig. Jedoch gelingt es Klaus Wowereit, der immerhin auch Kultursenator von Berlin ist, Anflüge von Kunstsinn oder philosophischer Raffinesse gut zu verbergen. Sein Buch ist so wenig literarisch wie staatsmännisch. Es gibt freilich Journalisten, die vermuten, dass sich Klaus Wowereit mit diesem Buch als Kanzlerkandidat empfehlen will. Der weist das allerdings weit von sich.

"Da war überhaupt keine Überlegung einer Strategie dahinter, was das für irgendeine Karriere bedeuten sollte; es ist ja erst mal ein Risiko, so etwas zu machen; und man kann sich ja selber für irgendwas qualifiziert halten; deshalb müssen 's aber die andern noch nicht tun."

Klaus Wowereit setzt sich mit der Autobiografie der Gefahr aus, dass seine Gedanken nicht als gefällig erlebt werden, sondern als trivial. Dass man ihn nicht als Meister der Kommunikation wahrnimmt, sondern als Plaudertasche. Und dass sein charmantes Auftreten sich als Maske entpuppt, hinter der sich ein karrieregeiler Parvenü verbirgt. "Ich will nicht nett sein, um irgend was zu erreichen", schreibt er, "sondern ich bin einfach nett". Welche Lesart Geltung hat, ist noch nicht entschieden.

Klaus Wowereit, Hajo Schumacher: …und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik
Karl Blessing Verlag, München 2007

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