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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.10.2009

Selbstanklage eines Verbohrten

Hans Dieter Schütt: "Glücklich beschädigt", wjs-Verlag, Berlin 2009, 223 Seiten

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Hans Dieter Schütt schrieb an gegen den Aufbruch in der DDR. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Hans Dieter Schütt schrieb an gegen den Aufbruch in der DDR. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

"Glücklich beschädigt" ist Hans Dieter Schütt, Ex-Chefredakteur der FDJ-Zeitung "Junge Welt", aus der DDR herausgekommen. Beschädigt, klar; aber auch glücklich - weil die Wende ihm, dem Verbohrten, dem Dogmatiker, innere Freiheit schenkte, wie in seinem Buch zu erfahren ist.

Als Chefredakteur der FDJ-Zeitung "Junge Welt" spielte Hans-Dieter Schütt eine exponierte Rolle in den letzten Jahren der DDR. Er war ein brillanter Autor, Feingeist – und zugleich Scharfmacher, "Stürmer" (so sagt er heute), kurz: ein Demagoge. Er schrieb an gegen den Aufbruch im Land, Andersdenkenden drohte er unverhohlen mit der "Staatsmacht" und einer Befriedung nach chinesischem Muster. Noch im September 1989 verlangte er – mit Friedrich Engels - auf der Titelseite seines Blattes: "Wiederhauen muß man, für jeden feindlichen Hieb zwei, drei zurück." Fürwahr, jene "Junge Welt" war die letzte Bastion der greisen Genossen.

Jetzt hat dieser Hans-Dieter Schütt ein erstaunliches Buch vorgelegt. Thema: er selbst, in Zeiten des Umbruchs. Der Text, so der Autor, versammle jene Eindrücke, "die mir wie ein Beil zwischen die Vergangenheit und die Gegenwart sausten". Schütt bekennt sich zu einem neuen Ich, dessen Charakter sich bereits im Titel zeigt. "Glücklich beschädigt" ist der Propagandist aus der DDR herausgekommen. Beschädigt, klar; aber auch glücklich - weil die Wende ihm, dem Verbohrten, dem Dogmatiker, innere Freiheit schenkte.

Mit verblüffender Offenheit skizziert der Verfasser sein früheres Ich, mit einer Distanz und Kälte, als sei dieser junge Schütt ein Fremder. Was erzählt Schütt über den Unbekannten? Dass er sich aufgab in einem Apparat, "der ihn geistig unterforderte, aber zugleich bedeutend machte". Die "öffentliche Lüge" sei sein Geschäft gewesen; die Mitmenschen habe er "befeuert im aggressiven Denken". Fazit: "Ein Arbeitsleben umsonst, Punkt. So lautet die Wahrheit."

Selbstanklage ist das Buch, ein radikales "Mea culpa". Nur, was soll man vom Verfasser halten? Ist er ein Bußfertiger oder schlicht ein Narziss? Muss man Schuldgefühl herumzeigen? Und ist "Neues Deutschland" der richtige Ort, um Buße zu tun? Der Schreiber (halb Faust, halb Mephisto) entblößt sich nur halb. Zu gleichen Teilen verbirgt er sich – in berückenden Wort- und Rollenspielen. Jeden nur denkbaren Vorwurf gegen das bekennende Ich nimmt er im Buch schon vorweg, Schütt, der "geschickt nachdenkliche Täter", das "Reue-Knäuel". Psychologische Gründelei, das merkt man bald, verdirbt indes den Genuss an der Lektüre. Genuss: tatsächlich, denn es ist durchaus spannend zu lesen, wie ein Autor Einblick gewährt in ein privates Stück Hölle. Und er ist auch auf diesem Höllentrip, was er früher schon war: ein brillanter Erzähler.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Hans Dieter Schütt: Glücklich beschädigt. Republikflucht nach dem Ende der DDR
wjs-Verlag, Berlin 2009
223 Seiten, 19,95 Euro

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