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Im Gespräch | Beitrag vom 18.01.2021

Sekretärin und Autorin Heide Sommer"Däumchen drehen liegt mir nicht"

Moderation: Annette Riedel

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Heide Sommer geht hinter Rudolf Augstein zum Auto. (Darchinger, J.H./ Friedrich-Ebert-Stiftung)
Kontakt durch Bürowände hindurch: Heide Sommer mit Rudolf Augstein 1972. (Darchinger, J.H./ Friedrich-Ebert-Stiftung)

Heide Sommer war die Sekretärin von Rudolf Augstein, Fritz Raddatz und Carl Zuckmayer, um nur einige ihrer berühmten Chefs zu nennen. Sie lernte auf diese Weise jede Menge interessante Charaktere kennen - und schrieb auch ein Buch darüber.

Sie sah sich selbst als Wunsch-Erfüllerin. Die Redakteure der Wochenzeitung "Die Zeit", bei der Heide Sommer bereits mit Anfang zwanzig als Sekretärin arbeitete, kamen mit ihren Wünschen und Problemen zu ihr. Und Heide Sommer regelte die Sache dann. Das ging von Terminvereinbarungen, der Beschaffung von Zugtickets oder Eintrittskarten übers Kaffeekochen und Wein-Kaufen bis hin zu sprachlichen Tipps für Texte. Sommer war immer da: "Man lebte in der Redaktion. Man achtete nicht auf die Stunden. Man musste so lange bleiben, bis alles im Kasten war", erinnert sie sich.

Die Sekretärin Heide Sommer hat viele berühmte Chefs gehabt: Rudolf Augstein, Fritz Raddatz, Carl Zuckmayer, Theo Sommer. Deren Bedürfnisse und Erwartungen an sie waren sehr unterschiedlich, jede Arbeitsbeziehung, jeder Kontakt war anders: "Bei Augstein hab ich es durch die Bürowand gespürt. Wenn er nach langen Stunden, die er im Büro gebrütet hat, rauskam, dann ahnte ich schon: Jetzt wird ein Artikel diktiert, oder er ist wieder bei seinem Jesus-Buch. Da spürte ich einfach, womit er sich beschäftigt."

Nicht nur die Technik ändert sich

Auf riesigen, klobigen Maschinen hat sie Tausende von Briefen und Texten geschrieben. Über die Jahrzehnte lernte sie immer wieder Neues hinzu, von moderner werdenden Telefonen über elektrische Schreibmaschinen bis zur Arbeit am Computer. Die Chefs dagegen hatten bisweilen deutlich mehr Respekt vor der Technik: "Raddatz hatte eine Höllenangst vor dem Computer. Er nannte sogar schon den Kopierer eine Höllenmaschine."

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Doch nicht nur die Technik änderte sich im Laufe der Zeit: "Wir standen damals einfach parat und machten das, was uns gesagt wurde." Eigenes Mitdenken fand nur als "freiwilliges Engagement" statt, erinnert sich Heide Sommer. Hinzu kam manch übergriffiges Verhalten der männlichen Vorgesetzten. Dass der ehemalige Chefredakteur des "Spiegel", Günter Gaus, ihr beim Nachdenken mit der Hand über den Nacken zu streichen pflegte, wie sie erzählt, nahm Heide Sommer noch als erträglich hin. Die MeToo-Debatte hat sie verfolgt – diese sei sehr wichtig, meint sie. Sie freut sich darüber, dass junge Frauen sich heute nicht mehr alles gefallen lassen und sich Gehör verschaffen.

Sekretärin, Übersetzerin, Autorin

Zusätzlich zu ihrer Arbeit als Sekretärin war Heide Sommer seit Ende der 80er Jahre auch als Übersetzerin tätig. Das habe sie nicht gelernt, sondern sich im "learning by doing"-Verfahren selbst angeeignet, berichtet sie. So kam sie unter anderem dazu, die Autobiographie der Schauspielerin Vanessa Redgrave zu übersetzen.

Ihr erstes, eigenes Buch über ihr Leben als Sekretärin und die bekannten Männer, für die sie tätig war, habe sie eigentlich gar nicht schreiben wollen, erzählt Sommer - aus Angst ein "billiges Enthüllungsbuch" zu verfassen. Schließlich wagte sie es doch und bemühte sich, diskret zu bleiben. "Ich wollte nicht reißerisch sein und Menschen beleidigen. Ich hoffe, das ist mir gelungen."  Klaus von Dohnanyi wollte nicht im Buch vorkommen, so mancher weiß noch gar nicht, dass über ihn geschrieben wurde - und Theo Sommer hat es sogar schon gelesen und abgesegnet.

Theo Sommer und die "Zeit"

Wegen Theo Sommer und seiner Texte, die sie beeindruckt hatten, ging Heide Sommer Anfang der 60er Jahre zur "Zeit". Ohne Stellenausschreibung bewarb sie sich und wurde sofort genommen. Theo Sommer wurde die Liebe ihres Lebens, es folgte eine lange Beziehung mit zwei gemeinsamen Kindern und eine kurze Ehe, in der Heide Sommer dann als Hausfrau "nichts mehr zu erzählen" hatte. Ende der 60er Jahre trennten sich die beiden. "Ich habe die Berufstätigkeit eigentlich nicht vermisst, aber ich glaube, sie hätte unserer Ehe gut getan."

Trotz ihrer beinahe 80 Lebensjahre arbeitet Heide Sommer noch immer – sie mag sich nicht aus der Arbeitswelt verabschieden und ist in Teilzeit als Sekretärin für den ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi tätig: "So lange ich arbeiten kann und mir so wunderbare Sachen angeboten werden, mache ich es. Was soll ich sonst tun? Däumchen drehen liegt mir nicht."

(mah)

Der Beitrag ist eine Wiederholung vom 2. September 2019.

Heide Sommer: Lassen Sie mich mal machen. Fünf Jahrzehnte als Sekretärin berühmter Männer
Ullstein Verlag, Berlin 2019
256 Seiten, 22 Euro

Mehr zum Thema

Im Vorzimmer der Emanzipation - Als Frauen nur Sekretärin werden konnten
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 12.10.2016)

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