Sei ein Taugenichts

Von Eberhard Straub · 26.11.2007
Beatus ille homo, glücklich der Mensch, der selbstzufrieden mit sich im Frieden lebend hinterm Ofen hockt, singen die Prager Studenten, denen sich der Taugenichts angeschlossen hatte auf dem Schiff, das sie gemeinsam nach Wien bringen sollte. Die lustigen, weltfrohen Vaganten sehnten sich nicht nach dem Examen, der festen Anstellung, dem Erwerb von Pensionsansprüchen und nach Heim und Herd im Schoße der Familie.
Glücklich in diesem Sinne ist der Philister, der das Leben nur als amtlichen, in den Akten abrufbaren Vorgang kennt, oder es dafür einsetzt, vorsichtig aus Geld noch mehr Geld zu machen. Wie der Wucherer bei Horaz, den die Studenten zitieren, der den glücklich pries, der nicht wie er an Zinsgeschäfte, Börse und Finanzmärkte zu denken brauchte, die ihn ununterbrochen aufregen und ihm keine Muße gönnen. Denn die Konkurrenz schläft nicht und der Markt ist unberechenbar. Deshalb wird der Geschäftsmann von dem ruhelosen Geld, das rollt, angetrieben mitzurollen, um nicht unter die Räder des Glücks, der flatterhaften Fortuna, zu kommen. Die Studenten, von Tüchtigen als Taugenichts eingeschätzt, wollten jenseits aller bürgerlichen Sicherheiten der kühnen Devise der Freiheit folgen: Und ich mag mich nicht bewahren. Weil sie sich in aller Freiheit auf das Abenteuer des Lebens einlassen, sich beherzt durchschlagen in dieser fremden Welt, die nie zur Heimat wird, gewinnen sie wenigstens sich selbst. Wohingegen die rastlos Tätigen ihr Leben versäumen und mitten in der Welt dieser als die wahren Taugenichtse vollends abhanden kommen. "Herr Gott, wie lang willst du die Brut verschonen!", die in der Wirklichkeit breitbeinig thront und sie entzaubert und um ihre Schönheit bringt, rief ungeduldig ein Sänger Eichendorffs.

Den Philistern erklärten die Studenten, die Dichter und ihre Gesellen, den Krieg, im Kampf für die Schönheit, die Poesie und die Phantasie. In den Studenten feiert Eichendorff die letzten Ritter, die in den berechnenden, schlauen, verschlagenen Leistungsträgern der bürgerlichen Welt mit ihrer Geschäftigkeit und ihrem Zwang zum Erfolg nur arme, aber mächtige Teufel sehen. Die wahren Helden in dürftiger Zeit lassen sich auf dem Argonautenschiff der Jugend ins Ungewisse treiben, ohne je den frohen Mut zu verlieren. So blieb für Eichendorff "das ganze Studentenwesen eigentlich ein wildschönes Märchen", eine vorübergehende Zeit der Unabhängigkeit "zwischen der engen, düstern Schule und der ernsten Amtsarbeit". Die einzige Zeit, in der wenigstens ein paar Auserwählte noch einmal eine Ahnung von der menschlichen Bestimmung zum Dienst für Nutzloses, um frei zu werden, ihren sich im Praktizismus verstrickenden Zeitgenossen vermittelten.

Diese letzten Abenteurer verschmähen "den Proviantwagen der Brotwissenschaft" und die "hergebrachten Geleise eines hölzernen Schematismus". Sie halten sich an die alte adelige Weisheit, die dem katholischen Edelmann Eichendorff vertraut war: "Genug weiß, wer sich selbst weiß, Genug weiß, wer Gott weiß. Genug kann, wer sterben kann" und sie ließen sich nicht darin beirren, Gott ihre Seele, ihr Leben dem König, den Damen ihr Herz zu versprechen, um Ehre zu gewinnen, die ihnen keiner zu rauben vermag. Solche Ideen widersprechen vollkommen dem neuen Humanismus, wie er sich seit Eichendorffs Zeit entwickelte: dass der Mensch sich im Beruf vollende und daher Arbeit adele. Der neue ideale Mensch ist der sogenannte Profi. Dieser veranschaulicht als ein Funktionselement, das ohne Reibungsverluste die erwartete Leistung bringt, herzbezwingend die mögliche Perfektionierung des Mitarbeiters durch lebenslanges Lernen und unermüdliches Training im Einpassen und Anpassen, auf dem langen Weg zu seiner möglichen und erreichbaren Vollkommenheit.

Eichendorff, der kein Träumer war, genügte nüchtern und wachsam den Forderungen der Zeit. Er tat sein Pflicht als korrekter Beamter, und außerhalb des Büros trauerte er darüber, nur für kurze Zeit gelebt zu haben mit Genossen, die ihrer Jugend und ihrer Kraft vertrauten: "O Jugend, wie tut im Herzen / Mir Deine Schönheit so leid". In der verwaltete Welt bekam sie kaum noch Gelegenheit, sich ihrer Schönheit und Freiheit zu erfreuen und die im Kleinlichen fröstelnd Bebenden für Augenblicke aufzutauen und in ihnen ein Sehnen zu wecken nach der unerreichbaren Heimat hinter Blitzen und Wolken, wo der Mensch nicht mehr ein Fremder ist, sondern endlich zu hause, bei sich zu hause.

Ins arme Fabrikleben mit seinem Druck, daß alles schneller gehe in Städten und Dörfern gleich Ameisenhaufen, passten keine Studenten mehr, die auf eigene Faust sich in der Welt zurecht finden wollten. Bahnhöfen wurden Eichendorff zum Symbol einer unheimlichen, neue Weltfremdheit. Dort herrscht eine Eilfertigkeit, "dass man vor lauter Eile mit nichts fertig werden kann". Auf ihnen kann man alles mögliche erfahren, nur nicht das, was man braucht, um weiter zu kommen, unabhängig von Papieren, Systemen, Apparaten, in denen kein Lied schlummert, weil es kein Zauberwort mehr gibt, das es aus seinem ehernen Käfig befreien könnte. Eichendorff verzagte dennoch nicht und hoffte auf treue Gefährten: "Wir wollen stille sitzen und nicht weinen, / Wir wollen in den Rhein hinuntersehen, / Und, wird es finster, nicht von sammen scheiden". Verloren ist kein Wort, davon war er überzeugt…


Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin. Buchveröffentlichungen u. a. " Die Wittelsbacher", "Drei letzte Kaiser", "Albert Ballin" und "Eine kleine Geschichte Preußens" sowie zuletzt "Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit".