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Zeitfragen | Beitrag vom 10.04.2018

Sehvermögen von LegehennenDer scharfe Blick der Hühner

Von Lutz Reidt

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Hühner (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
Aufgrund ihrer lichtempfindlichen Augen ist es Hühnern draußen eigentlich zu hell. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Sie können mehr Farben wahrnehmen, Gegenstände größer sehen und im Dunkeln viel mehr erkennen als wir: Hühner verfügen über eine erstaunliche Sehkraft und damit über eine Fähigkeit, die in der Tierhaltung bislang kaum berücksichtigt wird.

Braungefiederte Hühner flattern auf, als Johannes Erkens seinen mobilen Hühnerstall betritt. Munteres Gegacker und schrille Hahnenrufe gehören zum Alltag auf dem Kudammhof bei Celle in Niedersachsen. Über eine Länge von mehr als zehn Metern hocken etliche Hühner auf Sitzstangen, andere flattern in die Mitte des Stalles, wo – parallel zu den Sitzstangen – ein lang gezogenes Holzhaus auf sie wartet: Der Nistbereich mit vielen kleinen Eingängen:

"In das Legenest sollen die Hühner natürlich die Eier legen; und da gibt es vorne an jeder Seite so Roste, wo die Hühner anfliegen können, um erst einmal vor dem Nest zu stehen; und dann sind die einzelnen Nestabteile abgehängt durch eine Folie, weil das Nest selber soll eher ein bisschen abgedunkelt sein; weil Hühner suchen immer erst einmal einen etwas dunkleren Bereich, wo sie das Ei legen wollen; und da gibt es nur so eine kleine Lücke, wo die reingehen, dann gucken sie da rein und haben dann in Ruhe die Möglichkeit, das Ei zu legen."

Legehennen haben es gern dunkler, aber dies nicht nur beim Eierlegen. Die Tierschutzverordnung schreibt für Hühnerställe eine Belichtungsstärke von 20 Lux vor – das ist für uns Menschen vergleichsweise dunkel, entspricht ungefähr der Leuchtstärke einer Fahrradlampe.

Die meisten Ställe sind zu hell

20 Lux dürften aber für das Hühnerauge immer noch zu hell sein. Ein Bruchteil davon, nämlich 5 Lux, wäre ideal, meint Daniel Kämmerling. Der Agrar-Ingenieur von der Hochschule Osnabrück erforscht das Sehvermögen von Hühnervögeln:

"In der Schnelligkeit können sie mindestens drei- bis fünfmal schneller schauen als wir. Sie können bis zu 15-mal Sachen größer sehen als wir; von der Auflösung her; wenn Sie jetzt an den Vergleich Monitor versus Beamer denken – so wäre das Verhältnis ungefähr: Wir würden einen Monitor sehen, der Vogel würde einen Beamer sehen, obwohl wir das Gleiche betrachten; und das andere ist dann eben, dass er mehr Farben wahrnehmen kann und die Farben auch noch voneinander viel präziser und in einer irren Genauigkeit voneinander unterscheiden kann, die wir uns gar nicht so vorstellen können."

Die Vorfahren unserer Legehennen stammen aus den Dschungelregionen Asiens, wo sie im Schutz eines vergleichsweise schummerigen Umfeldes auf Futtersuche gehen. Hühner können im Dämmerlicht noch unterschiedliche Farbtöne deutlich voneinander unterscheiden, wenn für den Menschen bereits alles Grau in Grau erscheint.

Diese Anpassung an ein dunkleres Umfeld widerspricht im Grunde den Vorgaben einer Freilandhaltung von Hühnern – zumindest dann, wenn die Vögel ungeschützt auf der grünen Wiese umher wuseln. Das ist häufig zu beobachten, doch eigentlich sollten viele Büsche und Bäume das Sonnenlicht filtern:

"Richtig. Genau, in einer Umgebung, das von Chlorophyll gefiltert ist, entsprechend mit viel Blättern und Schutzzonen. Das ist das, was der natürlichen Umgebung eines Huhns entsprechen würde, im Auslaufbereich, auf der Wiese."

Ab wann ist die Lampe für die Hühner flackerfrei?

Die meiste Zeit verbringen aber auch Freilandhühner im Stall, unter Kunstlicht. Dies darf nicht flackern, damit die Hennen ruhig bleiben. Doch Daniel Kämmerling bezweifelt, ob die Stall-Lampen auch aus Sicht der Hühneraugen wirklich flackerfrei sind?

"Das ist eine ganz spannende Frage! Die Hühner können tatsächlich viel mehr Bilder pro Sekunde wahrnehmen als wir! Über 100 Bilder pro Sekunde. Wenn eine Glühlampe z.B., die im 50-Hertz-Bereich flackert, also an- und ausgeht, das würde tatsächlich ein Vogel wahrnehmen können; was wir wenn wir die Glühbirne anschauen – gar nicht verstehen würden. Warum flackert die? Die leuchtet doch die ganze Zeit gleich hell! Aber das liegt ja nur an unserer Fähigkeit, Bewegungen zu verarbeiten; und wir würden das Leuchtmittel eben als flackerfrei interpretieren, aber der Vogel - weil er ja auch 100 Bilder pro Sekunde wahrnehmen kann – würde das als störend die ganze Zeit wahrnehmen."

Legehennenhalter berichten, dass ihre Tiere häufig unruhig werden, sobald draußen die Sonne zwischen den Wolken hervorsticht und ihre Strahlen plötzlich vehement durch die Fenster in den Stall strömen. Daniel Kämmerling erklärt dies mit der Farbwahrnehmung der Vögel. Hühner können nämlich auch einen bestimmten Teil der – für uns Menschen unsichtbaren – ultravioletten Strahlung als Farbe wahrnehmen:

"Unsere Messdaten haben ja ergeben, dass in diesen Situationen, wo auf einmal die Sonne von außen reinscheint, die Farbumwelt des Vogels eine deutlich andere ist als ein paar Minuten vorher, als das Leuchtmittel dominiert hat; und da entsprechend dann auf einmal Probleme mit der Hierarchie, mit der Zuordnung – wer ist wer? – auf einmal auftreten – genau!"

Auch dieses Problem adressieren die Bauvorgaben für Hühnerställe bislang nicht. Es gibt Fenster, deren Gläser einen Teil der ultravioletten Strahlung durchlassen, andere hingegen tun dies nicht. Häufig wüssten dies noch nicht einmal die Hersteller selbst, berichtet Daniel Kämmerling.

Auch draußen brauchen die Hennen viel Schatten

Johannes Erkens könnte auf seinem Kudammhof bei Celle vieles tun für ein optimales Licht im Hühnerstall – flackerfreie Lampen, optimierte Glasscheiben. Alles kein Problem, wenn die Forschung die richtigen Empfehlungen parat hat. Doch einen Auslauf mit viel Büschen und Bäumen – das wird schwierig bei einem mobilen Hühnerstall, der mehrmals im Jahr einen anderen Platz findet:

"Wir haben hier bei uns im Auslauf diese Schutzdächer stehen, wir haben auch teilweise Bepflanzung. Bei der Bepflanzung kann ich nicht so viel machen, weil wir die mobilen Ställe ja immer noch bewegen wollen; und wenn ich mir jetzt einen Wald hier hinpflanze, kann ich natürlich den mobilen Stall nicht mehr bewegen. Deswegen arbeiten wir mehr mit diesen mobilen Schutzdächern."

Es gibt einiges zu verbessern bei der Legehennenhaltung - egal ob ökologisch oder konventionell ausgerichtet. Die Arbeit von Daniel Kämmerling in Osnabrück könnte einen wichtigen Beitrag leisten, um das Licht in und vor den Hühnerställen so zu optimieren, dass die Legehennenhaltung im Wortsinne artgerecht sein wird.

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