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Zeitfragen | Beitrag vom 30.04.2020

Sehnsucht nach PrivatheitPlädoyer fürs bildlose Telefon

Von Martina Weber

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Zeichnung eines altmodischen Telefons mit Wählscheibe. (picture alliance / VisualEyze)
In den Anfängen der Telefonie galt die Unsichtbarkeit der sprechenden Person als Mysterium. Auch heute noch entfaltet sie eine gewisse Magie. (picture alliance / VisualEyze)

Die Person am anderen Ende der Telefonleitung nur hören und nicht sehen - das muss kein Mangel sein. Im Gegenteil: Gerade die Bildlosigkeit schafft eine virtuelle, aber private Welt, die der Fantasie viel Raum lässt.

In seinem ursprünglichen Charakter ist das Telefon ein dialogisches Medium. Eines, welches eine gegenseitige Anerkennung der Gesprächspartner*innen erzwinge, wie es der Medienphilosoph Vilém Flusser 1991 formulierte. Es verlangt dem Gegenüber ab, sich in den anderen hineinzuversetzen, sich zu konzentrieren, sowohl beim Sprechen als auch beim Hören. Im besten Fall verbindet das Telefon Menschen mehr, als es trennt.

"Es hat in der Theorie und in den philosophischen Überlegungen sehr wohl die Idee gegeben, dass das Medium sehr demokratisch ist und jetzt die verschiedenen Hierarchien nivelliert", sagt Sabine Zelger von der Universität Wien, die sich mit der Kulturgeschichte des Telefons befasst hat.

"Und auf der anderen Seite ist es dann so, wenn man sich anschaut, wie telefoniert wird, dann ist das Gegenteil der Fall. Weil die Frage ist: Wer bestimmt die Erreichbarkeit? Wer kann und darf erreicht werden? Wer muss erreicht werden. Und wie geht das vor sich?"

Das Telefon hat sich, heute schnurlos und mobil, aus den Zwängen der Gemeinschaft befreit. Durch leises Surren und mit Namen im Display dringt es in unsere Privatsphäre und synchronisiert sich mit unserem Alltag. Mittels technisch-materieller Bedingungen betreten Stimmen einen Raum in Echtzeit, den es zuvor nicht gab.

Die Telefonzelle als halb privater, halb öffentlicher Ort

1964 schrieb der Philosoph Marshall McLuhan in "Understanding Media", dass es mit dem Telefon zu einer "Ausweitung des Gehörs und der Stimme kommt, die eine Art außersinnliche Wahrnehmung darstellt". Die Computerwissenschaft nennt das Immersion. Eintreten in eine virtuelle, aber private Welt, in der Informationen imaginär ausgeschmückt werden. 

"Hier ist die Stimme die Überträgerin von erotischen Spannungen und es geht um Fantasie. Aber es ist eben die Körperlichkeit und das Aussehen nicht so von Bedeutung", sagt Sabine Zelger. "Auf der anderen Seite muss man sagen, gerade dadurch, dass es keine Sichtbarkeit gibt, gibt es sehr viele Projektion und Imaginationen. Und am besten sieht man das an der Telefonzelle. Das ist eigentlich ein privater Raum im öffentlichen Raum. Er ist sichtbar, beleuchtet. Es ist ein ganz hybrider Ort von Privatheit und Öffentlichkeit."

Eine gläserne Telefonzelle steht an einer menschenleeren Straße. (imago / Michael Kristen)Ein hybrider Ort von Privatheit und Öffentlichkeit, sagt Sabine Zelger über die Telefonzelle. (imago / Michael Kristen)

Wer beobachtet mich? Wer hört mit? Die Unsichtbarkeit der sprechenden Personen galt zu Beginn der Telefonie als ein Mysterium – und als ein Raum für politische Überwachung. Darüber hinaus unterlag das private Gespräch äußeren Einflüssen, wie etwa der physischen Verortung des Apparates, aber auch der finanziellen und sozialen Möglichkeiten. Bis in die achtziger Jahre vermittelten noch manuell die sogenannten Fräulein vom Amt Gespräche im Dienst der staatlichen deutschen Bundespost – sie bildeten den Zwischenraum der privaten analogen Kommunikation.

Im bildlosen Telefonieren lag eine gewisse Ambivalenz des Privaten. Heute bedeutet Telefonie auch mehr Privatheit, wie die Medienpsychologin Sabine Trepte von der Universität Hohenheim meint:

"Wenn ich bildlos telefoniere, dann habe ich die Möglichkeit, auch meine Privatsphäre gewissermaßen auszublenden, weil ich natürlich beim bildlosen Telefonieren keine Sichtbarkeit und keine Co-Präsenz habe. Das ist, was wir als horizontale Privatheit bezeichnen. Also die Privatheit gegenüber Anderen. Und dann gibt es noch was wir als vertikale Privatheit bezeichnen. Also die Privatheit, bei der es zum Beispiel um Diensteanbieter geht, also um die, die Software dann machen, und da kann natürlich das Telefonieren mit Bild dazu führen, dass bestimmte Daten aufgezeichnet werden. Zum Beispiel können Bilder und Blickbewegungen aufgezeichnet werden, und die können auf Servern gespeichert werden."

Die eigene Zugänglichkeit steuern

Privatheit heute können wir darüber hinaus aktiv bestimmen – auch über die Wahl des bildlosen Telefonierens hinaus:

"Privatheit bedeutet erstmal, wie zugänglich wir selbst uns einschätzen, und zwar vor allem, wenn wir mit anderen interagieren", betont Trepte. "Also, bei Privatheit geht es immer darum, wie wir und andere miteinander in Beziehung stehen. Dann schauen wir an, welche Mechanismen uns zur Verfügung stehen, um diese Zugänglichkeit zu steuern. Und Mechanismen sind unter anderem Kontrolle: Also wie sehr habe ich die Kontrolle über Infos, die von mir rausgehen. Und auch festgelegte Normen. Vertrauen ist ein wichtiger Mechanismus. Und auch die Möglichkeit über Kommunikation auszuhandeln. Und diese vier Mechanismen bestimmen, ob wir uns selbstoffenbaren. Also zum Beispiel, wenn ich viel Kontrolle habe über diese Situation, dann fällt mir das möglicherweise einfacher, meine Privatheit ein Stück weit herzugeben, weil ich weiß, ich hab das alles hier komplett im Griff.

Daran schließt sich die Kernfrage der Medienpsychologie bzw der Medienkompetenz an, wie Sabine Trepte es formuliert: Welches Gesprächsziel kann ich mit welchem Medium erreichen? Informationelle Selbstbestimmung ist in den unruhigen Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, eine wichtige Botschaft. Sich der Videotelefonie ab und an zu entziehen und mehr klassisch zu telefonieren, wäre ein erster Schritt.

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(Deutschlandfunk Kultur, Sonntagmorgen, 14.10.2018)

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