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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2009

Sehnsucht nach dem Sozialismus

Dan Lungu: "Die rote Babuschka", Residenz Verlag, Salzburg 2009, 250 Seiten

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Unter seiner Herrschaft war die "rote Babuschka" noch zufrieden: Nicolai Ceausescu. (AP)
Unter seiner Herrschaft war die "rote Babuschka" noch zufrieden: Nicolai Ceausescu. (AP)

"Gott, ging es mir im Kommunismus gut!" ruft die Ich-Erzählerin dieser Geschichte aus, als sie Grund hat, ihr Leben im Rentenalter Revue passieren zu lassen. Wer, wenn nicht ein Ceausescu-Funktionär, könnte solch eine Bilanz in einer rumänischen Provinzstadt ziehen!

Dan Lungus erzählerische List besteht indes genau darin, so viel rückschauende Euphorie nicht einem nostalgischen Bonzen von gestern in den Mund zu legen, sondern einer einfachen Frau. Diese "rote Babuschka" ist im Grunde eine völlig unpolitische Person. Aus einfachsten bäuerlichen Verhältnissen stammend gelingt es ihr, sich gegen den Widerstand der Eltern in der Stadt anzusiedeln. Sie findet eine Anstellung als Fabrikarbeiterin, heiratet, bekommt eine Tochter.

In den rückblickenden Episoden scheint ein komplett durchschnittliches Leben im "real existierenden Sozialismus" auf: Mangelwirtschaft und Alltagshärten allüberall, aber auch soziale Wärme, ein an den grundlegenden Bedürfnissen ausgerichteter Glückshorizont, Sinn für (politischen) Humor. Minimalste Privilegien und ein wenig Cleverness halfen, unter diesen Umständen relativ gut durchzukommen.

Der wirtschaftliche Niedergang, die Geldentwertung und die wachsende Misere in den Jahren nach der 89er-Revolution tauchen in diesen Reflexionen der "roten Babuschka" weniger als detailliertes persönliches Schicksal auf, sind aber als realer Hintergrund sehr anwesend. Mit der Hälfte oder gar einem Viertel dessen, was sie damals hatte, wäre sie heute vollauf zufrieden, resümiert die Heldin.

Aber diese Lebensbilanz besteht nicht nur aus rückblickender Verklärung und aktueller Verbitterung. Ein Anruf ihrer Tochter, die in Kanada lebt und die Mutter inständig bittet, bei den kommenden Parlamentswahlen bloß nicht für die Altkommunisten zu stimmen, wird sowohl zum Auslöser ihrer Rückschau als auch zum Ausgangspunkt politischer Zweifel, die immer wieder in ihre Erinnerungen drängen.

Am Ende, so legt es der Text nahe, wird die "rote Babuschka" wohl gar nicht wählen gehen, ein Ausblick, der zwar die Ernsthaftigkeit ihrer Beschäftigung mit der Vergangenheit belegt, aber auch einen leicht bitteren Beigeschmack enthält.

Dan Lungus kleiner Roman besticht durch die Glaubwürdigkeit, die seine Titelheldin ausstrahlt. Das Wagnis, einen ganz und gar unspektakulären Lebenslauf zum Angelpunkt einer Epochenerzählung zu machen, hat dieser rumänische Autor souverän gemeistert: mit stimmigem Erzählrhythmus, viel Gespür für unterhaltsames Erzählen, einer guten Prise Mutterwitz, den man dem Volk vom Maul abschauen muss.

Jenseits aller Extreme entsteht eine paradigmatische Figur aus der "schweigenden Mehrheit". Wie versteckt lauern in diesem Text aber auch große Fragen: Wer oder was "bestimmt" die historisch-politische Erinnerung? Ist ein diktatorisches Regime zu rechtfertigen, wenn es individuelles Glück oder individuelle Zufriedenheit möglich macht? Wie verarbeitet man die Entwertung der eigenen Erfahrungen, wenn sich die Verhältnisse gründlich ändern?

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Dan Lungu: Die rote Babuschka
Aus dem Rumänischen von Jan Cornelius
Residenz Verlag, Salzburg 2009
250 Seiten, 21,90 Euro

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