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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 29.10.2009

''Sehn' wir uns nicht auf dieser Welt ...''

Monika Maron und ihr Bitterfeld

Von Susanne Arlt

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Monika Maron, Schriftstellerin (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Monika Maron, Schriftstellerin (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Anfang der 80er Jahre verhalf die Schriftstellerin Monika Maron der Stadt Bitterfeld zu trauriger Berühmtheit. "Flugasche" nannte sie damals ihren Debütroman, der von den Lebensverhältnissen im "dreckigsten Ort Europas" erzählte. Fast 30 Jahre später hat Monika Maron die Stadt erneut besucht und festgestellt, dass sich der Ort 20 Jahre nach dem Fall der Mauer zu einem Zentrum sauberer, umweltfreundlicher Energiegewinnung gemausert hat.

In ihrem Buch "Bitterfelder Bogen" schildert sie diesen erstaunlichen Wandel von der Chemiekloake zum Zukunftsstandort regenerativer Energien. Und ihr eigenes Werk setzt die Schriftstellerin jetzt auch filmisch um. In ihrer 45-minütigen Dokumentation, die morgen im ZDF ausgestrahlt wirdsoll, zeigt Monika Maron die Veränderungen in Bitterfeld.

Wasser plätschert gegen das Ufer.

Die Goitzsche. Einst war sie ein 760 Hektar großer Auenwald. Im vergangenen Jahrhundert ein riesiger Braunkohletagebau. Heute ist die Goitzsche ein künstlicher See vor den Toren der Stadt Bitterfeld. Kleine Segelboote schaukeln am Steg, Wellen klatschen gegen den Strand, am Ufer liegt feinster Ostseestrand. Vor der Goitzsche thront auf einer Bergkuppe ein Kunstwerk aus Stahl: der Bitterfelder Bogen. Er sieht aus wie eine Eisenbahnbrücke, deren konvexen und konkaven Stahlarme einander umschlingen. Die Formen erinnern an Bewegungen einer Baggerschaufel.

Im Zickzackkurs führt eine meterbreite Rampe aus gelochtem Stahl 500 Meter hoch bis zum Scheitel des Bitterfelder Bogens. Fußgänger erhaschen auf dem langen Spaziergang nach oben immer wieder neue Eindrücke von der Landschaft. Der Bitterfelder Bogen - er steht für das, was einst war, heute ist und morgen wird.

Ute Walther war vor dem Mauerfall eine der vielen tausend Chemiearbeiter in Bitterfeld. Noch heute hat sie den beißenden Geruch in der Nase, erinnert sich an die giftige graue Dunstglocke, die über dem Land schwebte wie ein böser Bann.

"Ich kann mich genau erinnern. Früher konnte man nur mit geschlitzten Augen hier rumlaufen, weil die Flugasche über der Region lag. Im ersten Winter nach der Wende blieb der Schnee weiß, der sonst immer schwarz war wie die Erde."

Monika Maron: "Als die DDR endete, war Bitterfeld zu einem Synonym für marode Wirtschaft, vergiftete Luft und verseuchten Boden geworden, zu einem Sinnbild des ruinierten Landes. Man musste nur einmal im ewig diesigen Himmel über Bitterfeld nach der Sonne gesucht oder einmal unter den Rohrleitungen im Werk herumgelaufen sein, hoffend, es möge Wasser und nicht Säure sein, was einem da auf den Kopf tropfte, man musste nur einmal in Bitterfeld gewesen sein, um zu wissen, dass dort zu leben lebensgefährlich war."

Monika Maron zitiert aus ihrem neuen Buch. "Bitterfelder Bogen" hat sie es genannt. Schließlich verkörpert das stählerne Kunstwerk, was die Schriftstellerin in ihrer Reportage beschreibt: Der Bitterfelder Bogen verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart. Auch Monika Maron scheint versöhnt mit der Region, die sie einst als die dreckigste von ganz Europa bezeichnete.

Vor 35 Jahren veröffentlichte die damalige Journalistin schon einmal eine Reportage über Bitterfeld. Zu Zeiten der DDR, sagt sie, war die Stadt grau und deprimierend. Größter Chemiestandort des Landes. Aus diesen Eindrücken entstand Monika Marons Debütroman "Flugasche". 180 Tonnen davon schleuderte das Kohlekraftwerk täglich auf die Stadt und ihre Menschen. In ihrem neuen Buch erzählt sie jedoch von den wundersam-schönen Erfolgsgeschichten aus Bitterfeld, die sich in den vergangenen 20 Jahren manchmal gänzlich unbemerkt dort zugetragen haben.

"Über das Unglück von Leuten, die diesen Umbruch weniger gut überstanden haben, ist nun seit 20 Jahren erzählt worden. Und ich erzähle nun mal was anderes. Ich finde, dass so eine Geschichte, die gegen den Mainstream läuft in diesem Fall - der Mainstream ist: nur das Misslungene zu erzählen - dass die legitim ist, vielleicht auch nötig."

Für ihre Recherchen hat sie sich viel Zeit genommen. Ein Jahr lang reist sie regelmäßig in die Region. Mit ihrem Hund steigt Monika Maron in einem mittelmäßigen Hotel ab, in dem sonst nur durchreisende Monteure wohnen. Die Bedienung serviert eingeschweißten Frühstückskäse, der Honig kommt aus der Tube. Aber eine fürsorgliche Putzfrau fragt, ob womöglich der Staubsauger den Hund stören könnte. Die Kunde, die Monika Maron vom veränderten Bild und Selbstbildnis dieser Landschaft verbreitet, sie ist vielfältig.

"Ich erwarte von niemandem, dass er sich nun ganz speziell für den Osten interessiert. Aber wenn sie sich interessieren, dann wäre es schon schön, sie würden sich die Mühe machen und die Dinge differenziert ansehen. Und nicht dem ersten besten Eindruck, ein unfreundlicher Kellner in Brandenburg, ein Betrunkener auf einem öffentlichen Platz in Wolfen, dass dann das als die erzählenswerte Geschichte mit nach Hause zu nehmen."

Im Kulturhaus Bitterfeld-Wolfen. Die beiden Städte wurden vor zwei Jahren zwangsfusioniert. Der demographische Wandel hat in Bitterfeld und Wolfen besonders deutlich seine Spuren hinterlassen. Nach dem Fall der Mauer hat über ein Viertel der Bewohner die Region verlassen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 14 Prozent. Aufgeblähte graue Wolken hängen tief über der flachen Landschaft. Im Saal des Kulturhauses ist es schwül, stickig und proppenvoll. Alle 320 Sitzplätze sind belegt. An der Stirnseite sitzt auf einem schmalen Podium Monika Maron. Ganz in schwarz ist sie gekleidet, sie lächelt zaghaft, schlägt dann die markierte Seite ihres Buches auf.

"Warum eigentlich haben in den letzten 20 Jahren nicht Leute wie Uwe Schmorl, Manfred Kressin oder Ingrid Weinhold das öffentliche Bild von den Ostdeutschen geprägt? Vielleicht kennen ja sogar die eigenen Ostdeutschen ihre Erfolgsgeschichte zu wenig, um stolz auf sie und sich selbst zu sein."

Unter den Zuhörern sitzt Ingrid Weinhold. Sie trägt ein schickes blaues Kostüm. Dazu passt die rahmenlose Brille mit den blau getönten Gläsern. An ihren Fingern glitzern goldene Ringe. Vielleicht wird Monika Maron auch ihre Geschichte vorlesen, die vor fast 20 Jahren in Wolfen ihren Anfang nahm. Damals arbeitete Ingrid Weinhold noch für die Filmfabrik ORWO. Die Abkürzung stand für Original Wolfen. Wolfen und die Filmfabrik waren schon immer eins, sagt Ingrid Weinhold.

Anfang des 20. Jahrhunderts siedelt die Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation, kurz Agfa genannt, von Berlin nach Wolfen. Das Land dort ist billig und die Chemieabwässer kann man einfach in den großen Gräben verrieseln und verschwinden lassen. In Wolfen stört das niemanden, in dem Dorf leben nur ein Paar hundert Menschen. 1910 beginnt die Produktion. Agfa steigt zur größten Filmfabrik Europas auf, entwickelt den Farbfilm, erlangt Weltruhm.

Auch Wolfen steigt auf. Zumindest zahlenmäßig. Aus dem Dorf wird eine Kleinstadt mit 40.000 Einwohnern. Nach dem verlorenen Krieg holen die US-Amerikaner erst die Silbervorräte aus den Tresoren, danach nehmen die Russen die Hälfte der Anlagen und die Spezialisten mit. In Wolfen wird aus der Agfa ORWO. Obwohl das Unternehmen 14.500 Menschen beschäftigt, über 200 Filmsorten produziert, hat es nach dem Mauerfall keine Chance, mit seinen Produkten auf dem Weltmarkt zu bestehen.

Von der Filmfabrik blieben nur ein paar Geschäftsteile übrig. Ingrid Weinholds Präzisionsmaschinenfabrik MABA gehört dazu. Das Unternehmen residiert heute in zwei restaurierten Fabrikhallen, weißer Klinker und roter Backstein. 1990 sieht es hier noch ganz anders aus: schwarzer Ruß überzieht die abrissreifen Gebäude. Allein die Renovierung kostet ein Vermögen.

Monika Maron liest aus ihrem Buch:

"Als 1990 die Hauptabteilung Instandsetzung der Filmfabrik aufgelöst wurde und einzelne Gruppen von Technikern und Ingenieuren sich in kleinen Dienstleistungsbetrieben etablierten, beschlossen Ingrid Weinhold und vier ihrer Kollegen, im Chaos des Niedergangs die Chance zu suchen, und eine ihrer alten Abteilungen in ein unabhängiges Unternehmen umzuwandeln – MBO, Management buy out heißt das im Fachjargon."

Ingrid Weinholds damaliger Vorgesetzter war damals nicht unter den MABA-Gründern. Fast trotzig sagt die heute 51-Jährige:

"Dieser Abteilungsleiter, man kann sagen, der hatte damals nicht den Mumm."

Ingrid Weinhold dagegen schon, vor allem hat sie einen langen Atem. Der ist auch bitter nötig. Sechs Geschäftskonzepte reicht sie ein. Alle werden von der Treuhand mit einer lapidaren Handbewegung vom Tisch gefegt.

"Wir waren ein Niemand zu diesem Zeitpunkt. Wir kamen nicht im Schlips und Anzug aus den alten Ländern oder weltweit her und haben mit einer Bank im Hintergrund gewunken. Wir haben einfach nur gesagt, ja es gibt uns und wir können das fachlich und wir mögen gerne dies und jenes auf die Beine stellen."

Im Nachhinein, sagt die Unternehmerin und dabei huscht ihr ein Lächeln über die Lippen, war das vielleicht ein bisschen naiv. Aber sie wissen mit Präzisionstechnik umzugehen. Zumindest das haben sie in der DDR gelernt.

"Man wurde belächelt und das sechste Konzept war dann so, dass man sagte, wissen Sie, suchen Sie sich mal ne Unternehmensberatung. Das habe ich dann gemacht. Wir haben dann privat noch einmal richtig viel Geld für diese Unternehmensberatung investiert. Die Unternehmensberatung hat genau das aufgeschrieben, was ich geschrieben habe, nachdem sie auch nichts anderes festgestellt haben, da lache ich heute noch drüber."

Diesmal stecken dieselben Inhalte in einem schick gebundenen Unternehmenskonzept. Das macht Eindruck. Obenauf auch noch der Stempel der Unternehmensberatung. Und mit diesem Konzept, was am Schluss immer noch meins war, sagt Ingrid Weinhold, hat die Treuhand dann ja gesagt. Für eine Million Mark kaufen ihr die fünf Gesellschafter Grund und Boden, Maschinen und Gebäude ab. Weinhold und ihre Mitstreiter kratzen zusammen, was privat noch übrig ist, nehmen Kredite auf, beleihen ihre Häuser. Für das Stammkapital reicht es gerade. Die ersten drei Monate ist Ingrid Weinhold arbeitslos. Sie umgarnt Kunden, handelt Anzahlungen aus und feilscht mit den Materiallieferanten um längere Zahlungsziele.

"Ich habe nie nachgelassen. Ich habe immer für mich versucht auszuloten, welche Möglichkeiten, aber immer hartnäckig. Und dieses Hartnäckige habe ich heute noch. Wenn auch ein Niederschlag kam mit der Krise, ich habe gesagt: positiv denken. Es gibt kein Problem, es gibt nur Aufgaben zu lösen, und die schaffen wir alle gemeinsam."

Nach einem halben Jahr werden aus 16 Mitarbeiter 30. Heute, fast 20 Jahre später, arbeiten 50 Frauen und Männer in dem Betrieb und produzieren Spezialmaschinen für 300 Unternehmen. Ingrid Weinhold hat ihre Mitgesellschafter inzwischen ausgezahlt. Sie fürchteten, es könnte am Ende doch noch alles schief gehen. Die 51-Jährige strafft die Schultern, setzt sich gerade hin. Schulden, sagt sie, habe sie immer noch. 1,5 Millionen Euro. Wenn wirklich eines Tages alles schief geht, sind Altersvorsorge, Lebensversicherung und Eigenheim futsch. Aber, sie würde alles wieder ganz genauso machen. Ingrid Weinhold lächelt stolz in sich hinein. So als wollte sie sagen, dass sei sie sich selbst schuldig.

Monika Maron hat Menschen wie Ingrid Weinhold in ihrem Buch Bitterfelder Bogen porträtiert. Aus eigener Anschauung weiß die 68-Jährige: Jeder Mensch braucht das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Denn nur das schafft Selbstwertgefühl. Ein Gefühl, das noch immer viele Menschen im Osten und Westen der Republik spaltet.

Monika Maron: "Ich glaube, das ist ein Gefühl, das man im Osten nicht gelernt hat. Also das gehörte schon nicht zu der Kindheitserfahrung. Eher war man bescheiden, hielt sich nicht für etwas Besseres. Also dieses Prinzip der Gleichheit, das galt aber auch fürs geistige Leben. Also sich für klüger zu halten als andere, das gehörte sich nicht. Und dieses stolz auf sich sein, ne Freude am eigenen Können und auch am eigenen Wollen, das waren keine Eigenschaften, die besonders anerzogen worden."

Ein halbrundes Gebäude auf dem alten Gelände der Filmfabrik. Aus der Luft sieht es aus wie ein U, soll den Bitterfeld-Wolfenern neuen Lebensmut einhauchen. Zumindest wenn es nach Petra Wust geht. Die Oberbürgermeisterin steht auf dem zukünftigen Rathausplatz. Bagger schaufeln die braune Erde um, bugsieren Pflastersteine hin und her. Petra Wust schaut stolz auf das ehrwürdige Gebäude, in dem früher die Direktoren der Agfa saßen. Die einst ruß verschmierte Fassade leuchtet seit einigen Montane wieder in hellem Sandstein. Zehn Millionen Euro kostet die Sanierung.

Petra Wust: "Das ist ein fantastisches Gebäude mit unheimlich viel Charakter und natürlich auch geschichtsträchtig. Und von dem Gebäude soll natürlich auch ein Impuls ausgehen für die Region. Angedacht ist ja hier ein Campus zu errichten, das heißt auch Bildung und hoffentlich auch ein bisschen an die Vergangenheit wieder anknüpfen, Forschung und Entwicklung."

Die Oberbürgermeisterin hofft, dass sich innovative Unternehmen in den langgestreckten Seitenflügeln einmieten. Die ganze Region soll sich einen Namen machen als Ort der regenerativen Energien. Das mutet schon paradox an. Vor 20 Jahren noch war diese Region die dreckigste in ganz Europa, heute ist sie Standort für saubere Energiewirtschaft. Der Solarzellenhersteller Q-Cells machte vor acht Jahren den Anfang. Es folgten die australische Pacific Solar-AG, das US-amerikanische Unternehmen Evergreen. Leider, sagt Petra Wust ein bisschen griesgrämig, haben sich noch nicht alle in Bitterfeld-Wolfen von dieser Aufbruchstimmung anstecken lassen. Dafür hat die 45-Jährige nur bedingt Verständnis.

"Jetzt haben wir zukunftsfähige Unternehmen, die sich am Weltmarkt platziert haben. Natürlich ist das schmerzlich, das weiß ich selber. Mit einem Schlag mal waren ganz, ganz viele Menschen ohne Arbeit. Das war ja ein Fakt, den gab's überhaupt gar nicht, dass jemand keine Arbeit hat. Es ist ja jeder früh auf Arbeit gegangen und ist dann am Nachmittag wieder nach Hause. Dass plötzlich jemand sagte, du bist nicht mehr gebraucht, den gab's nicht."

Petra Wust schüttelt den Kopf. Wenn wir nicht selbst an uns glauben, wie sollen fremde Investoren an uns glauben?

Petra Wust: "Und ich sage immer, es gibt schwarze Multiplikatoren und bunte Multiplikatoren. Und unsere Menschen hier sollten bunte sein, denn wie sollen wir die anderen Menschen, die herkommen als Besucher, als neue Mitarbeiter, vielleicht als Investoren, wie soll man die begeistern, wenn wir nicht begeistert sind? Wenn ich für etwas brenne, dann kann ich auch für andere dafür begeistern."

Monika Maron: "Jeder Mitarbeiter der Firma Q-Cells hat eine Nummer, in der Reihenfolge seiner Zugehörigkeit. Anton Milner hat die Nummer Eins, Uwe Schmorl die Nummer Acht. Uwe Schmorl, aufgewachsen in einem kleinen Ort im Anhaltischen, kam 1979 nach Wolfen. Er war 16 Jahre alt, lernte Schlosser und machte gleichzeitig Abitur."

Nach dem Mauerfall verlor auch Uwe Schmorl seine Arbeit. Aber Schmorli, wie sie ihn liebevoll bei Q-Cells nennen, ist keiner, der sich unterkriegen lässt. Er bewirbt sich, bekommt einen Job, wird entlassen. Bewirbt sich erneut, wird wieder eingestellt, wieder entlassen. Für eine kurze Zeit bricht für Uwe Schmorl dann doch eine Welt zusammen - bis er auf die vier Gründer von Q-Cells trifft. Seitdem, möchte man fast meinen, sind Uwe Schmorl und Q-Cells eins. Und das, sagt Uwe Schmorl, liegt vor allem an der Unternehmensphilosophie der vier Gründer. Allen voran Reiner Lemoine, dem Monika Maron ihr Buch gewidmet hat. Er verstarb vor drei Jahren, aber sein Geist scheint noch immer durch das Unternehmen zu wehen.

Uwe Schmorl: "Es soll Spaß machen, Fehler sind erlaubt, jeder darf seine Meinung sagen. Die Philosophie war, wir schmeißen nicht, auch wenn wir es könnten, sofort Leute raus, sondern wir fragen nach Gründen."

Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. Das Produkt: hauchzarte Siliziumscheiben, die Sonnenstrahlen in Strom umwandeln. Der Erfolg von Q-Cells wird getragen durch die Leidenschaft für den ökologischen Wandel.

Uwe Schmorl: "Es war eigentlich kein Kapitalismus, was die vier verkörpert haben. Die haben eigentlich nicht gefragt, was die meisten Kapitalisten machen, wie viel Geld kann ich verdienen. Also das war ne untypische kapitalistische Philosophie. Für diese vier stand das Entscheidende, lasst uns für diese Welt und für diese Menschen was bewegen."

Das ist ihnen gelungen. Aus dem Betrieb mit neun Beschäftigten wurde in nur acht Jahren ein Weltkonzern mit 2.300 Arbeitnehmern, Forschern, einer eigenen Professur für den akademischen Nachwuchs und einer Stiftung, die jungen Wissenschaftlern dabei hilft, ihre Ideen im Bereich der regenerativen Energien zu verwirklichen. Vor vier Jahren geht das Unternehmen an die Börse.

Uwe Schmorl: "Der Erfolg bei Q-Cells war deshalb so entscheidend, weil wir immer versucht haben bei allem, was wir gemacht haben, alle Leute mitzunehmen. Jede Meinung war wichtig. Die Leute, denen ist die Brust geplatzt, dass die in dem Unternehmen arbeiten und was bewegen, was in der Zeitung steht. Das war einfach ein Stolz auf diese Firma. Die Leute waren einfach stolz."

Stolz. Ein Wort, das in den Gesprächen mit Monika Maron, Ingrid Weinhold, Petra Wust und Uwe Schmorl immer wieder fällt. Ja, sagt Schmorl und nickt nachdenklich, unser Selbstvertrauen ist mit dem Unternehmen gewachsen. Die Aktien sind aufgrund der Wirtschaftskrise derweil stark gefallen. China kopiert schnell und produziert billiger. Q-Cells muss noch in diesem Jahr 500 Mitarbeiter entlassen. Selbstwert ist ein verletzliches Gut. Auch das beschreibt Monika Maron in ihrem Buch. Um es zu aufzurichten, bedarf es aber nicht nur finanziellen Erfolgs. Genauso wichtig sind menschliche Werte.

Länderreport

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(dpa/picture alliance)

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