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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.08.2013

Segensreich und umstritten

Vor 30 Jahren erhielt erstmals ein Flüchtling Kirchenasyl in der Bundesrepublik

Von Tim Zülch

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Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain - hier findet zweimal die Woche das Café "In- und Ausländer" statt.  (picture alliance / dpa / Florian Schuh)
Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain - hier findet zweimal die Woche das Café "In- und Ausländer" statt. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)

Das Kirchenasyl hat eine lange Tradition, Formen des Schutzangebotes gab es schon im Mittelalter. Im Laufe der Frühen Neuzeit aber ging diese Tradition verloren - weil der Staat diesen Raum alter Regeln beschnitt. Erst in den 80er-Jahren wurde es wieder entdeckt.

Vor 30 Jahren kam es zum ersten Kirchenasyl der Bundesrepublik. Kirche als Schutzraum - als Zuflucht. Diese Idee ist tief im Denken verwurzelt. Doch hat sie eine wechselvolle Geschichte. Heute ist die Aufnahme von Flüchtlingen in kirchlichen Räumen weit verbreitet - man könnte sagen institutionalisiert. Rund 60 Flüchtlinge befinden sich im Augenblick bundesweit in der Obhut kirchlicher Gemeinden.

Die Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain. Zu Ostzeiten wurden hier die sogenannten Bluesmessen veranstaltet. In einem rund 40 Quadratmeter großen Raum findet zweimal die Woche das Café "In- und Ausländer" statt. An einem der Tische sitzt ein großer schlanker Mann. Er trägt Jeans und ein blaues Hemd. Seine Hände hat er in den Schoß gelegt. Seinen Namen möchte er nicht sagen, in dem Beitrag soll ich ihn "Usman" nennen. Sein Vater kämpfte im Krieg gegen Russland, darum habe man ihn nach dem Krieg umgebracht, sagt Usman. Mehr möchte er dazu nicht sagen. Es war 2009, als er aus Tschetschenien nach Polen kam:

"In Polen war sehr schwierige Situation. Meine ganze Familie war dabei. Meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder. Wir haben in einem Keller gewohnt. Zwei bis drei Monate. In einem Keller wir waren alle zehn Familien zusammen."

Usman will weiter nach Deutschland. Aber es gibt ein Problem: Nach EU-Recht ist das Land für das Asylverfahren zuständig, in dem der Flüchtling ankommt. Dort muss er seinen Asylantrag stellen, dort muss er bleiben, bis darüber entschieden ist. Usman taucht unter. In Deutschland bekommt er über eine Anwältin Kontakt zur Kirchengemeinde der Samariterkirche und zu Edeltraud Pohl. Sie kümmert sich seit rund 30 Jahren in der Samariterkirche um Ausländerfragen und betreute viele Kirchenasyle. Heute ist sie im aktiven Ruhestand, an Usmans Fall kann sie sich noch gut erinnern:

"Der Antrag lief, dass er wieder nach Polen abgeschoben wird. Und da gibt es nach dem Gesetz eine gewisse Zeitspanne, in der Zeit muss er dorthin zurück. Daher wollten sie ihn natürlich unbedingt haben. Dass die Bundesregierung in das Asylverfahren eintritt. Das war ja das Ziel."

Respekt vor der Kirche

Usmans Kirchenasyl ist ein typischer Fall. Oft soll Zeit gewonnen werden zur Prüfung weiterer Fakten und zur Recherche von Fluchtgründen - oder um eine Frist zu überbrücken. Kirchenasyl ist kein eigener Aufenthaltsstatus. Theoretisch kann der Staat aus Kirchenräumen heraus jemanden festnehmen und abschieben. Aber er tut es nicht - aus Gründen des Respekts vor der Kirche und der Religion.

Bernhard Fricke: "Kirchenasyl bedeutet ja in erster Linie geht es ja um Menschen die keine Papiere haben und die wieder in einen Status versetzt werden sollen, wo sie geduldet werden, weil die Abschiebung nicht durchgeführt werden kann, weil humanitäre Gründe oder gesundheitliche Gründe dagegenstehen. Das sind zurzeit nicht sehr viele in Berlin. Vielleicht vier oder fünf."

Bernhard Fricke ist Pfarrer und Vorsitzender des Vereins "Asyl in der Kirche". Seit vielen Jahren engagiert er sich unter anderem in der Abschiebehaft für Flüchtlinge, bietet dort Seelsorge an. Der Verein unterstützt Gemeinden in Fragen des Kirchenasyls. Außerdem betreibt er in der Heilig-Kreuz-Kirche eine Beratungsstelle.

Usman wohnt zuerst im Büro der Gemeinde. Als die Polizei ihn sucht, zieht er in den Nebenraum der Kirche. Usman ist Muslim, spricht kein Wort Deutsch, doch er merkt, dass es hier Menschen gut mit ihm meinen:

"Also ich dachte, ich kann nicht in der Kirche beten. Ich dachte, wenn ich bete in der Kirche, Frau Pohl und die anderen sind dagegen. Aber das war nicht so. Sie haben mir einen Teppich gegeben und gesagt, jetzt kannst du beten. Das hat mich sehr gefreut."

Noch heute ist die Zeit mit Usman für Edeltraud Pohl und die Gemeinde ein aufregendes, aber auch bedrückendes Erlebnis. Viele Gemeindemitglieder kommen während Usmans Kirchenasyl vorbei, bieten Hilfe an. Während die Polizei vor der Kirche fotografiert und die Schlösser inspiziert, sammeln sich in der Kirche Sympathisanten.

Edeltraud Pohl: "Dann gab es also in allen Räumen, auch in der Kirche selber, Leute, die da geschlafen haben. Aus Schutz, ja. Es gab also einen, das war Axel, der hat überall an die Türen was dran gemacht, das klappert, falls jemand von außen versuchen sollte, die Türen aufzumachen. Dass also dann alle wach werden."

Aber dann stand die Polizei plötzlich doch in der Kirche und wollte Usman festnehmen - ein ungewöhnlicher Vorgang.

Edeltraud Pohl: "An dem Tag hatten wir eingeladen zu einer Pressekonferenz und ich dachte erst, das ist irgendjemand von der Presse, der da kam. Und denn unser Mensch, der da sauber macht, hat die aus Versehen mit reingelassen. Und dann haben die gesagt, wir sind nicht von der Presse, sondern wir sind von der Polizei. Die eine Pastorin aus der Nachbargemeinde ist dann mit dem Usman oben auf die Orgelempore gegangen. Dass niemand ihn sieht und auch nicht mitnehmen kann. Und als dann alles vorbei war, sind sie wieder runter gekommen. Das vergisst man nicht so einfach. Muss ich auch nicht jeden Tag haben, ist zu aufregend."

Jürgen Quandt: "Also hier auf den Friedhöfen habe ich einzelne Flüchtlinge vorübergehend untergebracht. Ob Sie das Kirchenasyl nennen oder Friedhofsasyl ist dann im Zweifelsfall egal ..."

Jürgen Quandt betreut heute die Friedhöfe Berlins. In den 1980er-Jahren war er Pfarrer in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg. In seinem Büro am Südstern erinnert sich der schlanke weißhaarige an den Herbst 1983. Wenige Wochen zuvor hatte sich Kemal Cemal Altun aus dem sechsten Stock des Verwaltungsgerichts gestürzt und starb. Altun war vor der Militärdiktatur in der Türkei geflohen, hatte in Deutschland Asyl beantragt - trotzdem sollte er abgeschoben werden. Von seinem aufsehenerregenden Freitod sind viele entsetzt:

"Es gab damals, das ist heute glaube ich gar nicht mehr denkbar, einen Zug von etwa 5.000 Menschen, die hier von Kreuzberg bis nach Mariendorf, das sind fünf, sechs Kilometer, hier durch die Stadt gezogen sind mit dem Sarg."

Wolf Biermann schreibt eine Ballade, der Dramatiker Franz Xaver Kroetz ein verbittertes Gedicht: "Nein".

Der Autor und Schauspieler Franz Xaver Kroetz in jungen Jahren, 1988 (AP Archiv)Der Autor und Schauspieler Franz Xaver Kroetz in jungen Jahren, 1988 (AP Archiv)"Du Staat, Du deutscher,
vom 30. August 1983 -
pass auf! Ich muss Dir ein paar Zeilen sagen!
Es ist aus zwischen uns! Staatenlos wäre ich lieber als Bürger von Dir!

Der zu uns kam, und der nichts
wollte als bleiben dürfen, leben können,
atmen, der sprang heute aus deinem Fenster.
...
Für mich hast du heute getötet, Staat."


Sechs Monate nach Altuns Tod entscheidet das Berliner Verwaltungsgericht: Kemal Altun hätte in Deutschland Asyl bekommen. Jürgen Quandt:

"In dieser Situation kamen diese Leute auf uns zu und fragten, ob man da nicht auch was als Christ machen müsse. Dann haben wir gesagt, naja, wir müssen mal überlegen, was stellt ihr Euch denn vor. Dann haben die gesagt, naja, irgendwann gab's mal im Mittelalter gab es so etwas wie ein kirchliches Asylrecht, vielleicht müsstet ihr das mal heute machen."

In der Kirchengemeinde bespricht man, ob Kirchenasyl auch heute noch möglich und sinnvoll sei. Die politischen Aktivisten aus der Kreuzberger Palästinasolidarität aber warteten das Ergebnis der innerkirchlichen Diskussion nicht ab. An einem warmen Herbsttag im Oktober 1983 klingelt es bei Pfarrer Quandt:

"Die standen dann eines Abends vor der Tür. Mit einem Auto mit Matratzen und den Leuten und sagten, die seien jetzt unmittelbar abschiebungsbedroht. Ich konnte das überhaupt nicht nachprüfen. Ich war derjenige, der an der Tür stand und entscheiden musste, lässt du die rein oder lässt du die nicht rein. Naja und ich hab sie eben reingelassen und das war dann sozusagen das erste Kirchenasyl."

1. Buch Samuel:
"Adonia fürchtete sich vor Salomo und machte sich auf, ging hin und fasste die Hörner des Altars. Und es ward Salomo angesagt: Siehe, Adonia fürchtet den König Salomo; und siehe, er fasste die Hörner des Altars und sprach: Der König Salomo schwöre mir heute, dass er seinen Knecht nicht töte mit dem Schwert." (1.Könige 1)


So berichtet das Buch der Könige im Alten Testament. Kirchenasyl gibt es wohl, seit es Religionen gibt. Im antiken Griechenland fanden Schutzsuchende Zuflucht in Tempeln und in der Nähe von Götterbildern oder Altären. Später entwickelte sich das kirchliche Asylrecht zu einem auch staatlich garantierten Recht. 1059 wurde auf einer Synode in Rom ein Friedensbereich um große Kirchen von 60 Schritten festgelegt.


Vorreiter waren die USA

Frühmittelalterliche alemannische Rechtssammlungen regelten die Einzelheiten des Kirchenasyls. Der absolutistische Staat der Aufklärung hingegen war daran nicht mehr interessiert. Im 18. Jahrhundert war das offizielle Kirchenasyl in weiten Teilen Europas abgeschafft. Erst vor gut 30 Jahren gewann es wieder an Bedeutung. Vorreiter waren die USA. Christen dort setzten sich für Verfolgte aus Diktaturen Mittelamerikas ein. Auch Pfarrer Quandt hatte davon gehört. Seine Aufnahme der palästinensischen Familien in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin entzündete eine stadtweite Diskussion.

Jürgen Quandt: "Das war dann nicht nur ein Thema der Gemeinde, das war ein Thema der gesamten Kirche und es war ein Thema für die gesamte Stadt. Natürlich waren am übernächsten Tag die Zeitungen voll davon und es sind viele vorbeigekommen und haben geguckt aber es sind auch viele vorbei gekommen, die ihre Unterstützung dann eben zusagen wollten."

Das erste Kirchenasyl in der Bundesrepublik ist stark improvisiert. Es gibt keine geeigneten Räumlichkeiten, keine Infrastruktur und keinen Unterstützerkreis. Auch die kirchlichen Gremien sind anfangs wenig begeistert. Der damalige Superintendent des Kirchenkreises Kreuzberg schreibt einen Brief an Pfarrer Quandt, in dem er sich über das unabgesprochene Vorgehen beschwert. Die Gemeinde versucht währenddessen, das Nötigste heranzuschaffen.

Jürgen Quandt: "Wir haben innerhalb weniger Tage dann 18 Personen, soweit ich mich erinnere, aufgenommen. Die haben im wahrsten Sinne des Wortes unter den Schreibtischen in der Gemeinde geschlafen. Wir mussten uns natürlich auch Fragen gefallen lassen, wie bewältigt ihr das eigentlich? Geht jetzt euer Gemeindeleben den Bach runter und habt ihr nur noch Zeit und Ressourcen für Flüchtlinge dort? Das waren natürlich besorgte Fragen, die auch gar nicht unberechtigt waren."

Quandt fordert eine politische Lösung. Und die kommt: Ende des Jahres verabschiedet der Berliner Senat einen Abschiebestopp für den Libanon. Die in der Heilig-Kreuz-Kirche beherbergten Flüchtlinge können die Kirchenräume verlassen. Doch die Idee eines Kirchenasyls hat sich bereits in den Köpfen vieler Pfarrer und Gemeindemitglieder festgesetzt. Obwohl der damaligen Bischof Martin Kruse dagegen argumentiert, gründet sich 1994 der Verein "Asyl in der Kirche". Ein Netzwerk wächst heran: Ärzte, Anwälte, Abgeordnete. Edeltraud Pohl:

"Alleine kann man so was nicht machen, sondern man muss wissen, dass eben da noch Leute da sind. Jeder hat so seine Verbindungen. Es gibt also unterschiedliche Ärzte, es gibt Politiker des Abgeordnetenhauses, die dann gekommen sind. Die Ärzte haben ihn unentgeltlich aufgesucht. Für die Anwälte ist es nicht immer so einfach. Asyl in der Kirche hat ja ne Anwältin. Damals auch, ob das Zahnärzte waren, wo man dann mal anrufen kann und sagen, hier ist jemand. Wir waren ja zusammen im Krankenhaus. Das hat das Krankenhaus getragen. Es gibt eben Leute, die das dann unentgeltlich machen."

Diesem Netzwerk ist es auch zu verdanken, dass Usman nicht von der Polizei gefunden und abgeschoben wurde. Jetzt hat er ein dreijähriges Aufenthaltsrecht, sein Deutsch ist gut. Gelegentlich übersetzt er nun für die Kirchengemeinde. Nur eine dauerhafte Arbeit konnte er bisher nicht finden.

Usman: "Ich bin sehr zufrieden, dass ich hier bin, weil hier bin ich in Sicherheit. Vor (einem) halben Jahr habe ich meine Mutter und meinen Bruder hergebracht. Jetzt sind wir zusammen in Berlin. Sie wohnen in einem Asylheim. Aber sie sind 15-20 Minuten mit der U-Bahn. Erst mal wollte ich nicht, ehrlich gesagt, Kirchenasyl, ich habe mir was anderes vorgestellt, aber jetzt würde ich weiterempfehlen."

Pfarrer Bernhard Fricke weiß, dass Kirchenasyl für die Gemeinden auch eine Herausforderung ist. Dennoch wirbt er für mehr Unterstützung. Besucht Gemeinden, redet mit den verantwortlichen Kirchengremien über rechtliche und logistische Fragen:

"Wir haben zurzeit das Problem, dass wir zu wenig Möglichkeiten der Unterbringung haben. Der Bedarf ist sehr groß. Es kommen viele Menschen in die Beratungsstelle. Wir sehen die Not der Flüchtlinge und wir sind auf der Suche nach Kirchengemeinden und haben den großen Wunsch, dass wir noch ein paar Wohnungen zur Verfügung gestellt bekommen. Doch das muss man auch sagen. Der Druck auf die Kirchengemeinden ist groß, wenn sie eine Wohnung haben, die dann auch zu vermieten und Geld dafür zu nehmen. Und bei einem Kirchenasyl gibt es kein Geld, das liegt in der Natur der Sache."

Froh ist Fricke über die Unterstützung des Bischofs von Berlin, Brandenburg und Oberlausitz Markus Dröge. In einem Brief an die Gemeinden warb dieser für die Unterstützung von Flüchtlingen in Not. Darin werden die evangelischen Kirchen aufgefordert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Kirchenasyl sei eine "christliche Aufgabe", schreibt der Bischof. Bernhard Fricke:

"Die Kirchengemeinden reagieren ganz unterschiedlich. Ich weiß, dass viele Gemeindekirchenräte gesagt haben, ja wir wollen uns damit auseinandersetzen, brauchen aber mehr Informationen. Es gibt natürlich auch Kirchengemeinden, die sagen, wir wollen uns damit nicht beschäftigen, wir haben andere Themen. Das ist durchaus zu respektierten, wenn sich eine Gemeinde anderweitig engagiert, warum nicht, Hauptsache, sie engagiert sich."

Nicht nur evangelische Gemeinden gewähren Kirchenasyl. Auch wenn die überwiegende Anzahl evangelisch ist, so gibt es ein paar katholische Gemeinden, die Kirchenasyl anbieten. In Berlin hingegen nur eine.

Peter Becker ist Gemeindereferent in der Christophorusgemeinde in Berlin Neukölln. Seit vielen Jahren ist er aktiv in der Kirchenasylarbeit. Mittlerweile befindet er sich im Ruhestand:

"Das Kirchenasyl spielt seit mittlerweile nicht ganz 20 Jahren eine Rolle. Wir sagen eigentlich immer, katholische Kirche ist international und es gibt eigentlich keine Ausländer in der katholischen Kirche, sondern alle gehören dazu. Warum machen es nur wir und keine anderen Kirchengemeinden?

Es gibt eben durchaus oder gab in der Vergangenheit immer katholische Kirchengemeinden, die bereit waren, zu unterstützen oder jemanden eine gewisse Zeit lang aufzunehmen. Warum jetzt einzelne Kirchengemeinden nicht bereit sind dazu oder bisher nicht in der Lage waren, das kann ich schwer beantworten."

Neben Peter Becker in einem kleinen Besprechungsraum auf dem Sofa sitzt Thien. Er kam mit zweieinhalb Jahren mit seinen Eltern aus Vietnam nach Deutschland. Heute ist er 22 Jahre alt. Er befindet sich im Kirchenasyl in der Christophorusgemeinde. Er trägt eine braune Hose, rote Turnschuhe. Die schwarzen Haare hängen glatt herunter. Für ihn läuft es nicht gut seit vier Jahren ist er im Kirchenasyl - zuerst in Sachsen, jetzt in Berlin.

Angst vor deutschen Behörden

Als er mit zwei Jahren nach Deutschland kommt, konnten weder er noch seine Mutter ahnen, dass er pünktlich zum 18. Geburtstag einen Brief von der Ausländerbehörde bekommen würde, worin steht, dass er das Land innerhalb von zwei Wochen zu verlassen habe. Für Thien bricht damals eine Welt zusammen. Er hat Angst vor deutschen Behörden, darum bittet er, dass seine Stimme nicht im Radio zu hören ist. Die folgenden Passagen sind nachgesprochen.

"In Dresden bekam ich Kontakt zu einem Herrn der kannte meinen Fall. Der war vom UNHCR, glaube ich. Er wollte mich verstecken. Ich hatte nur eine Sporttasche dabei, weil ich dachte, die verstecken mich nur kurz. Das dauert zwei Wochen und die regeln das für mich."

Doch so einfach war es nicht. Thien hatte sich geprügelt, als er vierzehn oder fünfzehn war. Es war ein Dorf in Sachsen, er lebte dort im Asylbewerberheim. Jugendliche nannten ihn "Fitschi", wollten ihn vom Sportplatz werfen. Da schlug er zu. Die Vorstrafe, die daraus resultierte, schließt aus, dass sein Fall in Sachsen von der Härtefallkommission angenommen wird.

Peter Becker konnte zusammen mit einer Anwältin jedoch erreichen, dass vor dem Verwaltungsgericht Dresden eine Klage anhängig ist, dass Thien ein faktischer Inländer sei. Eine positive Entscheidung wäre für Thien eine Art Erlösung. Doch dieses Verfahren zieht sich bereits seit vielen Monaten hin.

Peter Becker: "Was jetzt die Situation von Gerichtsverfahren anbelangt, da ist es ganz schwierig. Die Erfahrungen, die wir halt mit dem gegenwärtigen Fall gemacht haben, da kann man natürlich schon manchmal wütend werden oder zumindest mit sehr großem Unverständnis reagieren."

Mittlerweile hat Thien wenigstens eine Duldung bekommen. Letztes Jahr am 6. Dezember. "Ein Nikolausgeschenk", sagt er. Auch wenn er immer noch nicht arbeiten darf, heißt das, er kann sich endlich frei bewegen. Denn es war ein Leben mit der Angst, das Thien führte. Jeder Schritt vor die Tür, jede Fahrt ohne Fahrschein hätte eine Festnahme und die sichere Abschiebung bedeuten können.

"Ich war auf einem Dorf und da kennt jeder jeden. Ich bin nie rausgegangen. Die Zeit ging einfach nicht um. Das Einzige, das mir blieb, war telefonieren. Ich habe viel nachgedacht, habe versucht Englisch zu lernen, Filme geschaut. Früher war ich sehr lebendig, bin viel um die Häuser gezogen, habe Blödsinn gemacht. Ich habe mich definitiv verändert, ich bin reifer geworden. Das sind eigentlich meine Jugendjahre, die ich verloren habe."

Thien zwirbelt einen schwarzen Faden zwischen seinen Fingern, schaut vor sich auf den Boden. Peter Becker will ihn aufheitern.

"Du hast immerhin deinen Schulabschluss gemacht. Das ist nicht selbstverständlich."

Ja, sagt Thien. Becker versucht es weiter:

"Du hast viel Glück gehabt, aber auch viel Mut."

Thien lächelt. Das erste Mal in unserem Gespräch.

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