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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.08.2017

Seelsorge auf dem KreuzfahrtschiffMit Gott an Bord

Pfarrerin Katharina Plehn-Martins im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Das Kreuzfahrtschiff "Mein Schiff 5" fährt kurz vor seiner Taufe auf der Trave in Lübeck-Travemünde  (picture allaince / dpa / Markus Scholz)
Das Kreuzfahrtschiff "Mein Schiff 5" in Lübeck-Travemünde. (picture allaince / dpa / Markus Scholz)

Auch auf einem Luxus-Dampfer haben Urlauber ihre Probleme im Gepäck. Seelsorge fällt hier unter "Entertainment" - wie Tanz und Shows. Dabei werden die Fragen angesicht der Weite des Meeres oft existenziell. Wie fängt eine Kreuzfahrtseelsorgerin das auf?

Kirsten Dietrich: Kreuzfahrten boomen: Gut 2,5 Millionen Menschen waren im letzten Jahr mit dem Schiff in den Ferien unterwegs, auf hoher See oder auch auf Flüssen. Kreuzfahrten sind aber auch umstritten: Hohe Abgasbelastung durch den Schiffsdiesel, prekäre Arbeitsbedingungen für große Teile der Besatzung. Aber Kreuzfahrten versprechen eben auch Exotik und Geborgenheit gleichzeitig: Man ist ständig unterwegs und nimmt doch sein temporäres Zuhause auf dem Schiff mit. Kreuzfahrten sind Luxus – und auch ein Ort für Seelsorge, denn auf manchen der Riesenschiffe fahren Pfarrer oder Pfarrerinnen mit und kümmern sich während der Reise um die Sorgen der Passagiere. Mit einer habe ich vor der Sendung gesprochen: Katharina Plehn-Martins, Pfarrerin im Ruhestand und seit mehreren Jahren als Seelsorgerin auf hoher See unterwegs. Ich wollte wissen, wie das zusammengeht: Luxus und Sorgen.

Katharina Plehn-Martins: Ich glaube, das gibt es mehr, als man es sich ursprünglich denken kann oder vor Augen führt. Meine These ist immer, die Menschen haben ihre Probleme im Gepäck. Also auch die Kreuzfahrtreisenden, die sich auf eine solche Reise begeben, sind nicht frei von dem, was sie zu Hause beschwert hat. Und ich glaube, dass gerade in einer solchen Umgebung, wo alles so wunderbar und so schön ist, viele Menschen von ihren Problemen wieder mit Wucht eingeholt werden. Und das gilt besonders, denke ich, für allein Reisende, Menschen, die einsam sind, Menschen, die jemanden verloren haben durch Tod, die traurig sind oder wo eine Beziehung zerbrochen ist.

Ich habe das manches Mal auch erlebt, dass Leute sagten, und hier war ich früher, auf diesem Schiff, immer mit meiner Frau, und nun ist sie gestorben. Ich erinnere einen Mann, der wollte dann immer, bei jedem Ziel, aussteigen und wieder nach Hause fliegen, um zum Grab seiner Frau gehen zu können. Ich sag mal, der hatte wirklich so dick seine Probleme und seine Traurigkeit im Gepäck. Und solche Menschen sind dann froh, wenn sie auf jemanden wir mich treffen, wo sie einfach reden können und über ihre Probleme sprechen können.

Dietrich: Ziehen Kreuzfahrten so ein Klientel an?

Plehn-Martins: Nein. Das glaube ich nicht. Ich glaube, auf Kreuzfahrten trifft man, genau wie so in der Gesellschaft, alles Mögliche an Menschen.

Das Angehme mit dem Nützlichen verbinden

Dietrich: Wie wird man denn Kreuzfahrtseelsorgerin? Beauftragt Sie die Reederei, beauftragt Sie die Kirche? Wer stellt Sie an, wer schickt Sie dahin?

Plehn-Martins: Ich hatte ursprünglich nie was mit Kreuzfahrt im Sinn, und das war nie mein Thema, bis mir dann ein älterer Kollege mal sagte, Sie sind die geborene Kreuzfahrtseelsorgerin, und dann habe ich überhaupt erstmal angefangen, mich damit zu beschäftigen. Und es gibt bei der EKD, bei der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Pool an Kreuzfahrtseelsorgern oder Bordgeistlichen, je nachdem, wie man das nennen will. Und ich habe mich dann erkundigt, ob da ein Bedarf vorhanden sind. Da wurde mir gesagt, nein, wir könnten jedes Schiff mit zwei Leuten besetzen. Machen Sie sich mal keine Gedanken.

Dietrich: Weil die Leute so gern irgendwie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und Urlaub mit ein bisschen Arbeit?

Plehn-Martins: Denke ich, dass es das oft gibt. Das war gar nicht mein Anliegen, und dann habe ich gesagt, okay, das war es, oder so. Und ich glaube, das war der Door-Opener, dass man sagt, ach, schicken Sie doch mal Ihre Vita und ein Foto – und innerhalb eines halben Jahres war ich dann das erste Mal auf einem Schiff.

Das für mehr als 2.500 Passagiere ausgelegte Kreuzfahrtschiff MSC Magnifica befährt am 09.08.2015 den Canale di S. Marco in Richtung Stadthafen. Im Vordergrund Gondeln an der Riva degli Schiavoni. | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)Auf dem Kreuzfahrtschiff arbeiten und die Welt bereisen. (dpa-Zentralbild)

Dietrich: Eine Frage dazwischen: Wird man dafür bezahlt?

Plehn-Martins: Nein. Es gibt nur wenige Reedereien, die Bordgeistliche mitnehmen. Die EKD, die Evangelische Kirche in Deutschland, entsendet dann Pfarrer, die in diesem Pool sind, und das ist eine ehrenamtliche Arbeit. Ich habe natürlich keine Kosten für die Anreise und für die Reise an sich. Mein Gewinn ist, dass ich in der Welt herumkomme, und es macht mir Freude, auf Schiffen zu arbeiten und sozusagen für eine begrenzte Zeit Kirche zu bauen.

Seelsorge als "Entertainment" 

Dietrich: Wer ist an Bord für Sie weisungsbefugt?

Plehn-Martins: Der Entertainmentmanager. Das finde ich selbst – also als ich das zum ersten Mal erlebte, hab ich nur gelacht und hab gedacht, das ist ja klasse. Nun bin ich im Ruhestand und komme in eine Situation, wo ein Entertainmentmanager mein Dienstvorgesetzter ist.

Dietrich: Das heißt, die Seelsorge läuft auf dem gleichen Niveau wie Tanz, wie Shows, wie das Landprogramm.

Plehn-Martins: Absolut, und das fand ich selbst also höchst amüsant, bin aber in der Regel mit den Herren ganz gut klar gekommen. Und es ist auch sinnvoll. Die können nicht nur für die Bordseelsorge eine weisungsbefugte Person installieren. Ich finde es auch interessant insofern, am ersten Abend immer, wenn man auf ein Schiff kommt, gibt es den ersten Abend mit dem ganzen Entertainmentpersonal. Und da sind dann eben auch die Musiker dabei, und dann kann ich mir gleich einen greifen, hättest du Lust oder wären Sie bereit – man duzt sich da selbstverständlich auf dem Schiff – hättest du Lust, morgen meinen ersten Gottesdienst musikalisch zu begleiten. Das ist schon ganz gut, sich da gleich vernetzen zu können. Also insofern ist es unproblematisch. Einfach nur ein bisschen amüsant finde ich das.

Dietrich: Was versprechen sich die Reedereien davon, eine Pfarrerin mit auf ihre Kreuzfahrt zu nehmen?

Plehn-Martins: Was versprechen sie sich? Da müsste man sie selbst mal fragen. Aber ich denke, im Grunde genommen wollen sie ein weites, breites Angebotsprofil, und es gibt auch Menschen, die nicht nur Halligalli auf dem Schiff wollen, sondern die auch Tiefergehendes möchten, Spirituelles suchen oder die es gewohnt sind, in ihrer Heimatstadt zum Gottesdienst zur Kirche zu gehen, und auch das auf einem Schiff zu finden. Und gerade da hat man auch ein bisschen mehr Zeit, über sich und die Welt und über Gott und die Welt nachzudenken, und ich denke, dafür ist es gut, dass, ich sag mal, eine Größe wie Kirche in Gestalt einer Bordgeistlichen, eines Bordseelsorgers, einfach mit an Bord ist.

Im Grunde mache ich Urlauberseelsorge, bloß eben auf einem Schiff. Die Urlauberseelsorge stellt keiner irgendwie so in Frage. Das ist also, dass an Urlaubsorten einfach Pfarrer da sind in einer Zeit für die Menschen, wo sie unbelastet sind von Alltagsfragen, sich einlassen können auch auf Existenzielles oder Spirituelles, was sonst in ihrem Leben vielleicht im Alltag weniger Platz hat.

Dietrich: Das Verwundern liegt vielleicht daran, dass die Kreuzfahrten wirklich einerseits mit diesem Luxusversprechen werben, was man erst mal nicht als einen Ort für Seelsorge wahrnimmt, und auf der anderen Seite wahrscheinlich auch diesen eben auch nicht so guten Ruf haben insofern, dass Kreuzfahrten ja auch was Verschwenderisches haben, dass es die Umweltprobleme gibt, und dass man dann sich wundert, warum Kirche dann dort mit an Bord ist. Man würde die Kirche wahrscheinlich eher irgendwo sozusagen in der Sorge für zum Beispiel Geflüchtete sehen, die an den Traumstränden ankommen, als an Bord der Schiffe, die diese Traumstrände eben auch von ferne anfahren.

Luxus inmitten von Flüchtlingsbooten

Plehn-Martins: Die Fragen, die Sie jetzt so aufgeworfen haben, die habe ich mir vor meiner ersten Tour in der Tat auch sehr intensiv gestellt – will ich das? Und ich kenne diese ganze Kritik, und habe dann in einem längeren Prozess für mich beschlossen, ja, ich mache das. Mir ist die Kritik durchaus sehr wohl bekannt, aber ich gehe ja dahin, um mit den einzelnen Menschen zu arbeiten beziehungsweise also einfach seelsorglich präsent zu sein. Und in Bezug auf die Flüchtlingsfrage kann ich Ihnen sagen: 2015 war das, da gab es eine ganz schreckliche Geschichte am Anfang des Jahres im Mittelmeer, wo ein Boot mit 300 Flüchtenden versunken ist. Und als das passierte, habe ich gedacht, ich kann das überhaupt nicht machen, und ich will das überhaupt nicht machen. Aber da hatte ich bei der EKD bereits zugesagt für diesen Dienst. Und da stand ich vor der Frage, was mache ich denn da.

HANDOUT - Deutsche Marinesoldaten fahren mit einem Boot zu einem überfüllten Flüchtlingsboot auf dem Mittelmmer. Die Deutsche Marine hat am 15.04.2017 in einer Rettungsaktion etwa 60 Kilometer nordwestlich von Tripolis vor der libyschen Küste fast 1200 Migranten im Mittelmeer aus Seenot gerettet und nach Italien gebracht. ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit Nennung "Foto: Bundeswehr/dpa" Foto: Bundeswehr | (Bundeswehr)Bundeswehr rettet fast 1200 Flüchtlinge aus Seenot. (Bundeswehr)

Ich schippere mit, was weiß ich, den Leuten auf dem Luxusliner durchs Mittelmeer, und 200 Kilometer entfernt gibt es diese Flüchtlingsboote, und habe mich lange daran abgearbeitet, wie ich überhaupt meine Rolle so verstehen kann auf einem solchen Schiff. Und dann habe ich für mich die Antwort gefunden, ja, gerade. Ich will und muss auf diesen Reisen auch die Frage offenhalten für diese Situation. Und ich muss sagen, ich war einigermaßen schockiert, dass es Leute gab, die sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht haben, und habe gedacht, das kann doch gar nicht wahr sein, in diesen Zeiten durchs Mittelmeer zu fahren und darüber nicht nachzudenken. Perfekte Verdrängung. Aber es gab auch die anderen, die in der Flüchtlingsseelsorge in Gemeinden, in Werken oder Gruppen engagiert waren, um diesen Menschen den Einstieg in Deutschland zu erleichtern. Also wie auch überall, es gibt ein breites Spektrum von Bewusstsein und Verdrängung und dieses und jenes.

Dietrich: Das heißt, man darf sich auch das Bild vom typischen Kreuzfahrttouristen, der typischen Kreuzfahrttouristin nicht zu fertig zusammenzimmern. Was ist das für eine Kirche, die da an Bord entsteht, was ist das für eine Gemeinde?

Plehn-Martins: Ach, das ist schön. Das ist wirklich eine schöne Erfahrung. Jedes Mal eigentlich, wenn ich an Bord gehe, und ich habe dann immer am nächsten Morgen den ersten Gottesdienst und denke, na hoffentlich haben die Leute schon das Tagesprogramm gelesen, und hoffentlich kommt überhaupt jemand. Man möchte ja nicht irgendetwas vorbereiten, und, siehe, es kommt keiner. Und dann auf einmal zu sehen, dass da, was weiß ich, vielleicht am Anfang fünf Leute sitzen, und am nächsten Morgen sitzen schon acht Leute da, und wie sich so langsam auf einer Reise dann eine kleine Bordgemeinde aufbaut.

Das sind Menschen mit unterschiedlicher Motivation. Zum einen kirchlich Gebundene, die sich freuen, dass es auf dem Schiff eben auch dieses gibt, den Morgen mit einem Dank an Gott oder mit Gesang aus dem evangelischen Gesangbuch oder dem katholischen Morgenlob zu beginnen. Es gibt aber auch die anderen, die eher kirchenferner sind und sagen, ach, jetzt habe ich Zeit und Muße und guck mir das doch mal an oder höre mal, was diese Pfarrerin zu sagen hat, die sich also zaghaft nähern, mit Interesse nähern, und so ist es ganz unterschiedlich, wie sich dann auch eine solche Bordgemeinde aufbaut über zwei oder drei Wochen. Und am Ende sitzen vielleicht 20 da, und das ist prozentual gesehen ein ganz gutes Ergebnis.

Zeit für existenzielle und spirituelle Fragen

Dietrich: Können Sie da auch über Kirchliches sprechen, also über Gott sprechen, oder geht das hauptsächlich um persönliche Beratung, wenn Sie Seelsorgegespräche machen.

Plehn-Martins: In den Seelsorgegesprächen weitgehend natürlich um Persönliches, Existenzielles. Ich schließe nicht aus, dass da Gott mit ins Spiel kommt, wenn es diese Dimension auch im Denken der Menschen gibt und wenn sie offen dafür sind. Aber ich sag mal, Kirche, Gott, Christliches ist in jedem Gottesdienst.

Dietrich: Wie kommt es eigentlich, dass gerade die Urlaubszeit eine Zeit ist, in der Menschen so für Spirituelles empfänglich sind, also dass ja auch so das Pilgerreisen boomt, dass Kirchen im Urlaub viel häufiger besucht werden oft als in Alltagszeiten?

Plehn-Martins: Weil die Leute einfach in dieser Zeit mehr Zeit haben, sich dem zuzuwenden, was vielleicht im Alltagsleben, wo existenzielle Fragen, spirituelle Fragen, überlagert werden einfach von den Anforderungen, die jeder so hat, überlagert werden. Dass Menschen einfach Zeit haben und vielleicht auch ein Stück auf sich selbst zurückgeworfen werden und sich so auch wieder Fragen außerhalb ihrer selbst bereit sind, zu nähern. Ich denke, die Dimension Zeit spielt eine große Rolle.

Wenn ich das jetzt noch mal aufs Schiff beziehe und nicht nur auf den Urlaub, würde ich sagen, angesichts der Naturgewalt Meer und angesichts von einem weiten Horizont, wo das Meer und der Himmel sich irgendwo begegnen und berühren, da kommen bestimmt auch Fragen hoch so nach der eigenen Endlichkeit angesichts der Unendlichkeit, die einem in der Schöpfung begegnet, und dass Menschen dadurch auch freier und offener werden und dass das Herz sich öffnet und die Seele sich öffnet und einfach auch Fragen aufkommen, die eben sonst von Alltagsgewusel einfach überdeckt werden.

Dietrich: Katharina Plehn-Martins bricht nächsten Monat wieder auf zu einer Kreuzfahrt als Seelsorgerin. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben: "Segen auf See – Mit einer Seelsorgerin auf Kreuzfahrt", erschienen dieses Jahr bei Patmos.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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