Samstag, 28.11.2020
 

Buchkritik | Beitrag vom 19.11.2020

Sebastian Barry: "Tausende Monde"Rache im Schatten des Bürgerkriegs

Von Rainer Moritz

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Das Cover des Buchs Tausend Monde von Sebastian Barry. (Steidl Verlag)
Nach dem Ende des Sezessionskriegs gerät das Lakota-Mädchen Winona in einen Strudel von Erniedrigung und Gewalt. Sebastian Barrys Roman spielt in Tennessee um 1870. (Steidl Verlag)

Ein diffuses Erbe der Gewalt treibt die Erzählerin in diesem Roman voran: Sie ist auf der Suche nach ihrem Vergewaltiger und nach den Mördern ihrer Ahnen, der Lakota. Eine Geschichte von Liebe und Vergeltung im Süden der USA.

So schnell heilen Wunden nicht. Das Ende des Bürgerkriegs liegt ein paar Jahre zurück, doch noch lange nicht ist vergessen, welchen Keil dieser zwischen die Amerikaner trieb. Nicht zuletzt im Staat Tennessee, der im Sezessionskrieg ohnehin eine Sonderrolle einnahm.

Dort, im Städtchen Paris, siedelt der Ire Sebastian Barry seinen Roman "Tausend Monde" an, der in gewisser Weise die 2018 auf Deutsch erschienenen "Tage ohne Ende" fortschreibt. Die Hauptakteure des Vorgängerromans, die homosexuellen Unionssoldaten Thomas McNulty und John Cole, haben sich – wir sind im Jahr 1870 – auf einer außerhalb von Paris gelegenen Farm ihres Freundes Lige niedergelassen.

Native Americans und entlassene Sklaven

Als Erzählerin des Romans fungiert ein von Thomas und John angenommenes "Indianermädchen", wie es im Roman heißt, das den Leserinnen und Lesern aus "Tage ohne Ende" bereits vertraut ist. Sie erhält den Rufnamen Winona und versucht sich durchzuschlagen, obwohl sie über keinerlei Rechte als Bürgerin verfügt. Sie zählt weniger als die gerade aus der Sklaverei entlassenen Afroamerikaner und muss ständig auf der Hut vor Übergriffen sein.

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Aller Vorsicht zum Trotz entgeht Winona der Katastrophe nicht: Als sie eines Nachts schwer verletzt und vergewaltigt auf die Farm zurückkehrt, vermag sie sich an den whiskeyumnebelten Tathergang partout nicht zu erinnern, und so bleibt die quälende Frage, wer ihr dieses Leid angetan hat. War es etwa der junge Jas Jonski, der ihr den Hof macht und so tut, als sei er ihr Verlobter? Und was hat Hilfssheriff Parkman damit zu tun?

Ein Verbrechen, von dem niemand etwas wissen will

Niemand will Winona glauben. Die Vergewaltigung einer Indianerin scheint nicht mal ein Kavaliersdelikt zu sein – so denken die Menschen in Paris, mit einer Ausnahme: Der "good guy" Anwalt Briscoe nimmt sich des cleveren, in Jungskleidung auftretenden Mädchens an, stellt sie als Bürogehilfin und später, als Briscoes Feinde sein Haus niederbrennen, sogar als Bauleiterin an – und vor allem will er Recht und Gesetz zur Geltung verhelfen und denjenigen, der Winona zugerichtet hat, seiner gerechten Strafe zuführen.

Der bereits zweimal mit dem Costa Book Award ausgezeichnete Barry ist ein herausragender Erzähler, dessen Dialoge und Naturschilderungen seinem Übersetzer Hans Christian Oeser alles abverlangen. "Tausend Monde" kommt mit weniger brachialen Gewaltszenen aus als der Kriegsroman "Tage ohne Ende", doch wenn die fragilen Schranken der Zivilisation fallen und Jas zuletzt wütenden Messerstichen zum Opfer fällt, ist in jedem Satz zu spüren, welches Gewaltpotenzial unter der Oberfläche schlummert.

Leben ohne Erinnerung und ohne Gewissheit

"Tausend Monde" ist ein intensiver, beeindruckender Roman über Rache und Vergeltung. Eine Erzählung darüber, wie man lebt, wenn die Geschehnisse der Vergangenen in einem diffusen Nebel versinken und keine Gewissheit möglich ist. Denn wie sich Winona nicht an ihre Vergewaltigung erinnert, so hat sie keine Ahnung, wer einst ihre Angehörigen aus dem Stamme der Lakota tötete. Vielleicht ja waren sogar Thomas und John daran beteiligt

Und nicht zuletzt ist "Tausend Monde" ein zärtliches Buch, das von der Liebe erzählt, als sei sie selbst in schlimmsten Zeiten nicht unterzukriegen. Von der Liebe zwischen Thomas und John – und von der Liebe zwischen Winona und dem Indianermädchen Peg, dem sie zufällig bei einem nächtlichen Ausritt begegnet.

Sebastian Barry: "Tausend Monde", Roman
Aus dem Englischen von Hans Christian Oeser
Steidl, Göttingen 2020
256 Seiten, 24 Euro

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