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Nachspiel | Beitrag vom 14.06.2020

Scouting im ProfifußballEin gut gehütetes Geheimnis

Von Thomas Wheeler

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Christopher Trimmel mit Ball in der Hand vor dunklem Hintergrund (gettyimages / DeFodi Images)
Der Scout Theo Gries und seine Kollegen haben in Österreich einen Volltreffer gelandet: Christopher Trimmel - seit 2014 eine feste Größe bei Union Berlin. (gettyimages / DeFodi Images)

In der Fußballbundesliga rollt der Ball seit Mitte Mai wieder. Mit dabei auch Liga-Neuling 1. FC Union Berlin. Einer der Angestellten des Klubs ist der Scout Theo Gries. Er hat die Spieler-Sichtung im Verein vor gut zehn Jahren mit aufgebaut.

"Scouten ist 80 bis 90 Prozent Spieler abzulehnen. Also Fehleinkäufe verhindern, ist der höchste Prozentsatz", sagt Theo Gries, Scout beim 1. FC Union Berlin. Wenn alles normal gelaufen wäre, würde der 59-Jährige jetzt Spieler bei der Europameisterschaft sichten. Aber wegen der Coronapandemie wurde die EM ja ins kommende Jahr verschoben.

In der Bundesliga dagegen rollt der Ball seit einem Monat wieder. Vier Spieltage vor dem Ende dieser außergewöhnlichen Saison hat Aufsteiger Union den Klassenerhalt noch nicht sicher.

Theo Gries hält ein Plakat mit der Aufschrift „Hertha BSC Freundschaftsspiel 1. FC Union Berlin“ in der Hand und schaut in die Kamera (Deutschlandradio / Thomas Wheeler)Seitenwechsel: Vor 30 Jahren Hertha-Profi - heute Scout beim Lokalrivalen Union. (Deutschlandradio / Thomas Wheeler)

Ohne seine leidenschaftlichen Fans, die im Stadion "An der Alten Försterei" normalerweise  der 12. Mann sind, muss der Verein aus Berlin-Köpenick wie alle Erst-, Zweit- und Drittligisten diese Saison ohne Zuschauer zu Ende spielen. Leere Tribünen, Stille auf den Rängen, so ist es auch am 22. Mai beim Lokalderby auswärts bei Hertha BSC. Theo Gries sieht erstmals seit drei Monaten wieder ein Spiel im Stadion.

Verschiebung der Transferperiode?

Die Coronapandemie sorgt auch im Profifußball für mächtige Turbulenzen. Deshalb wird es höchstwahrscheinlich eine Verschiebung der Transferperiode geben.

"Das ergibt ja für uns die Möglichkeit einen Monat länger auf der Suche zu sein. Nochmal angebotene Spieler, die sicherlich mehr auf den Markt kommen, wie in der Vergangenheit, weil alle Vereine glaube ich, an den Kadergrößen nach unten korrigieren werden. Also das glaube ich, das diese verschobene Transferzeit maßgebend ist."

Bei Union ist Gries einer von rund 280 Angestellten. Gemeinsam mit fünf Kollegen arbeitet er für die Scouting-Abteilung. Vier von ihnen kümmern sich um die Sichtung von Spielern. Einer macht die Spielbeobachtung mit Blick auf den nächsten Gegner für Cheftrainer Urs Fischer. Alle Scouts sind fest angestellt.

"Um für unseren Verein abzusichern, das möglichst viele Einschätzungen da sind, die von Vereinsmitarbeitern gemacht wurden." Das ist nicht unbedingt typisch fürs Scouting, hat aber den Vorteil, dass Union den kompletten Zugriff auf deren Expertise hat.

Zuvor Trainer der U23-Mannschaft von Union

Bevor Gries 2011 Scout wird, ist er Trainer der früheren U23-Mannschaft von Union. Eines Tages gibt es eine Meinungsverschiedenheit mit dem damaligen Profi-Trainer Uwe Neuhaus. "Ich kann sie so begründen, dass ein Spieler von oben abgestellt war", sagt Gries. "Der sollte auf einer bestimmten Position spielen. Da habe ich ihn auch eingesetzt. Dann geht er zurück, erzählt in der Kabine, er hat auf der Nummer 10 gespielt. Das hat er aber nicht. Er hat auf der Sechserposition gespielt, und dann hat Uwe Neuhaus gemeint, Theo, ich habe Dir doch gesagt, der Spieler soll auf der Sechs spielen. Sage ich, er hat ja auch gespielt, er ist nur immer marschiert wie ein Verrückter. Und da war irgendwie ein Problem entstanden, und da wollte man nicht mehr mit mir zusammenarbeiten."

Bei Gesprächen mit der Geschäftsführung einigen sich beide Seiten jedoch darauf, dass er Scout des Klubs wird. Eine Abteilung, die zu diesem Zeitpunkt bei Union noch brachliegt.

Konzentration auf junge Spieler

In Berlin hat Gries neben der U23 von Union auch die Amateurvereine Tennis Borussia und Hertha Zehlendorf trainiert. Außerdem leitete er das Nachwuchsleistungszentrum des heutigen Regionalligisten Alemannia Aachen. Bei der Sichtung konzentriert er sich vor allem auf junge Spieler.

"Mir gefällt das einfach ein Spieler zu sehen, wo ich ein Potenzial erkennen kann, wo eine gewisse Robustheit schon da ist. Wo man aber weiß das Kopfballspiel in dem Moment, im Zentrum, das kann er verbessern. Das Passspiel kann er verbessern. Die jungen Spieler können ja immer alles verbessern. Sie müssen nur hart an sich arbeiten. Und das macht mir am meisten Spaß."

Wie alle Scouts hält Gries nach Talenten Ausschau, die möglichst noch kein anderer Klub auf dem Zettel hat.

"Es ist allerdings wirklich schwieriger geworden, diese Stecknadel im Heuhaufen dann zu finden. Weil immer mehr Menschen darauf gucken, immer schneller diese Prozesse von Verpflichtungen auch im Jugendalter schon vonstatten geht zu großen Vereinen. Also ist es ganz, ganz selten, das man diese Jungs über die U23, die im Anschlusskader sind, bei den Profis, das man die dann noch findet."

Hohe Spielzeiten wichtig 

Das heißt aber nicht, dass Union ins erste Bundesliga-Jahr vorrangig mit jungen Spielern gegangen ist. Das wäre blauäugig gewesen. Im aktuellen Kader gibt es natürlich auch sehr erfahrene Profis. Wie zum Beispiel den 34-Jährigen Mittelfeldspieler Christian Gentner, der zu Saisonbeginn vom VfB Stuttgart kam. Bei schon gestandenen Profis kommt zu den üblichen Bewertungsmaßstäben, die Theo Gries anlegt, noch ein weiterer Faktor hinzu.
 
"Für mich ist es ganz wichtig, dass Spieler hohe Spielzeiten haben, wenige Verletzungszeiten. Das ist ein Wunsch an alle, aber es gibt diese Historien leider. Und die sind manchmal erschreckend. Manchmal bewerte ich den Spieler ja gar nicht mehr, weil ich sage, der ist so häufig verletzt, hat so hohe Ausfallzeiten in der jüngsten Vergangenheit. Das macht für mich keinen Sinn dort im sechsstelligen Bereich oder siebenstelligen Bereich eine Ausgabe zu machen. Auch was Gehalt betrifft, weil die Situation so unsicher ist. Das ist bei älteren Spielern der erste Blick."

Nach eigener Aussage hat Gries bei der Sichtung eine extrem gute Erfolgsquote: "Ich habe mir auch mal ein Ranking für mich gemacht, wie viele Spieler ich gesehen habe, in welcher Liga, und wo sie dann gelandet sind. Da war ich bei hundert Spielern, war ich bei 40, die in der 1. und 2. Bundesliga dann bei uns gespielt haben. Oder im Ausland in der 1. Liga gespielt haben, zum Teil Nationalspieler geworden sind."

Was den Union-Scout bei seiner Arbeit stört, sind die wachsenden Einflüsse von außen: "Es ist zunehmend so geworden, dass wir ganz, ganz viele, ich glaube über 60 bis 70 Prozent, nur Berateraufträge abarbeiten, und das widerspricht mir sehr, weil wir dann in eine Abhängigkeit auch geraten. Ich weiß auch manchmal schon, wenn wir Berateraufträge bekommen und fahre dann ins Ausland, dann weiß ich im Vorfeld schon, aufgrund der Empfehlungen der letzten zwei, drei Jahre, wird es genauso wieder sein, dass ich extrem enttäuscht nach Hause gekommen bin. Das ist halt so, ein bisschen das Frustrierende, dass man ja das Gefühl hat, man ist der Gehilfe oder Erfüllungsgehilfe der Agenturen."

Von den finanziellen Möglichkeiten des Vereins abhängig

Scouts sind bei der Sichtung immer von den finanziellen Möglichkeiten ihres Vereins abhängig. Bei Union bewegen sich diese im Vergleich zu etablierten Erstliga-Klubs noch in einem bescheidenen Rahmen. Bei Neuverpflichtungen überschreitet der Verein seine finanziellen Grenzen nicht.

"Die Philosophie hat sich natürlich geändert mit der Erwartungshaltung, mit der Liga-Zugehörigkeit, mit der Stabilität. Wir sind 2008/2009 aus der dritten Liga gekommen, ziemlich zeitnahe in der zweiten Liga durchgestartet. Mittlerweile in der 1. Bundesliga. Also zu Beginn war es so, das wir nur ablösefreie Spieler geholt haben, dann möglichst Spieler aus der Region auch. Ja, also das war der zweite Punkt, wobei das schwierig ist, wenn dann auch Hertha BSC als Konkurrent da ist, Leipzig auch als großer Konkurrent. Mittlerweile sind wir natürlich auch an dem Punkt angekommen, wo wir in der 1. Liga konkurrenzfähig bleiben wollen."

In der laufenden Saison hat Union für den teuersten Spieler knapp zwei Millionen Euro ausgegeben. Zum Vergleich: Branchen-Primus FC Bayern investierte in dieser Spielzeit in seinen teuersten Neuzugang 80 Millionen.

Gries lebt und arbeitet seit nun mehr über 30 Jahren in der Hauptstadt. Mitte der 1990er-Jahre beendet er seine Laufbahn als Spieler bei Tennis Borussia Berlin nach 331 Profi-Einsätzen. Von seiner Erfahrung als Spieler profitiert Gries als Scout sehr.

"Das ist dann ein Stück weit Lebenserfahrung wie die Jungs reagieren auf bestimmte Sachen, wie sich Jemand vor dem Spiel direkt verhält, kaspert er nur rum oder ist er ein Einzelgänger, der sich alleine mit seinen Kopfhörern auf dem Platz bewegt und sich die Platzverhältnisse, Rasenverhältnisse anguckt. Und bei solchen Spielern, die ich zum ersten Mal sehe, und wo eine ganz klare Bewertung auch dann schon her muss, bin ich zumeist eine Stunde vor dem Spiel im Stadion und schaue mir dann praktisch seinen ersten Schritt auf dem Platz an, auch noch in Zivilkleidung oder im Trainingsanzug. Und dann leite ich so manches ab."

Mit seiner erfolgreichen Profi-Zeit beim Lokalrivalen Hertha BSC hat Gries schon lange abgeschlossen. Zu einigen seiner ehemaligen Mannschaftskameraden hat er noch Kontakt. Aber seit zwölf Jahren ist er Unioner. Bevor er mit seinen Kollegen einen Spieler live beobachtet, steht in der Regel ein längerer Diskussions- und Abwägungsprozess innerhalb der Scouting-Abteilung. Dazu gehört auch ein Blick in das Portal Wyscout, dass Scouts, Berater, Journalisten und Schiedsrichter nutzen können, um sich über Spieler weltweit zu informieren und mittels Videoausschnitten ein Bild zu machen. "Ich weiß, das in unserer Scouting-Abteilung täglich 70 bis 100 Mails was Spieler betrifft, einfliegen."

Die Scouts von Union sind für gewöhnlich von Freitag bis Montag auf Achse. Ihre Einsatzpläne bekommen sie meist erst in der jeweiligen Woche vor den Spielen.

"In der Regel sind es drei bis vier Spiele, die wir am Wochenende abzuarbeiten haben. Das geht nur natürlich, weil es Spielpläne gibt, die mit zeitversetzten Wettbewerben auch stattfinden. Und ich häufig noch mal ein Nachwuchsspiel aus der A-Jugend-Bundesliga oder aus dem Amateurbereich der U23 irgendwo mit dazu bekomme, und deswegen weitet es sich auf vier Spiele aus."

Ein männerdominierter Beruf

Scouten ist übrigens ein männerdominierter Beruf. Gries hat bei seiner Arbeit noch nie eine Kollegin getroffen. Es ist ein nasskalter und verregneter Mittwochnachmittag, als wir mit einem Firmenwagen zum Zweitliga-Heimspiel von Dynamo Dresden gegen den Karlsruher SC fahren.

"Meine Vorbereitung ist die, dass ich noch mal bei den letzten Scouting-Sitzungen in das Protokoll gucke, über welche Spieler wir aus Dresden und aus Karlsruhe uns unterhalten haben. Oder ich habe keine Spieler aus den Sitzungen, und dann schaue ich nach ganz jungen Spielern, die dort im Kader sind, und die möglicherweise auch zum Einsatz kommen. Wir planen ja für zwei Kader, für die 1. und die 2. Bundesliga."

Theo Gries auf der Tribüne, im Hintergrund das StadionVor dem Anpfiff - Theo Gries zu Gast bei der österreichischen Erstliga-Partie SV Mattersburg gegen SC R Altach.
Scouting-Touren bergen immer das Risiko in sich, dass nicht klar ist, ob der oder die Spieler, die gesichtet werden sollen, an diesem Tag auch wirklich mit von der Partie sind. Manchmal fährt ein Scout auch hunderte Kilometer umsonst.

"Ich bin schon zu Spielen hingeschickt worden, gezielt auch im Ausland Spieler zu gucken, und der Spieler war dann verletzt. Oder auf der Bank, hat nur zehn Minuten oder eine Viertelstunde gespielt. Dann kann man auch keine komplette Bewertung machen. Also das ist das Risiko bei 150 oder 200 Sichtungen im Jahr passiert das schon mal fünfmal oder zehnmal. Das muss man einfach einkalkulieren. Das weiß auch Jeder."

Gegen 18 Uhr erreichen wir Dresden und fahren direkt zum Rudolf-Harbig-Stadion. Dort angekommen, studiert Gries im Presseraum die Mannschaftsaufstellungen und schreibt sich hinter jeden Spieler, wie alt er ist. Als wir unseren Platz auf der Pressetribüne einnehmen, trifft er Scouts aus anderen Vereinen und tauscht sich kurz mit ihnen aus. Was auch helfen kann, wenn es um die Einschätzung eines bestimmten Spielers geht. 

An diesem Abend regnet es in Strömen. Ein eisiger Wind weht durchs Rudolf-Harbig-Stadion. Um 20.30 Uhr beginnt das Zweitliga-Spiel Dresden gegen Karlsruhe. Von nun an sind die Scouts im Tunnel und nur noch auf das Spielgeschehen fokussiert.  

Dresden ist an diesem Abend die willensstärkere und bessere Mannschaft. Die Schwarz-Gelben gehen verdient in Führung. Erst in der Halbzeitpause ist Unions Scout wieder ansprechbar. "Mir gefällt es, wenn die Spieler in einem guten Gefüge, und das ist bei Dresden heute so, ihr Spiel machen, Passqualität, man sieht dann mehr Vertikalspiel, Bälle die ankommen, die Gefahr über zwei, drei Stationen. Das gefällt mir natürlich mehr, als wenn ein Spieler sich abmüht in einer Mannschaft, die nicht funktioniert."

In der zweiten Hälfte das gleiche Bild. Gastgeber Dresden hat das Spiel im Griff, und Gries macht sich weiter Notizen. Wobei er auch darauf achtet, wie sich Spieler verhalten, wenn ihre Mannschaft, wie in diesem Fall die Karlsruher, in Rückstand liegen.

"Dann kann man erkennen, ob jemand Mentalität oder Führungsqualitäten hat, ob Jemand Widerstand leistet, und das natürlich auch dann versucht fußballerisch zu lösen, mit mehr Pässen in die Offensive, Risikoreicher spielt, auch mal ein Dribbling mehr macht im Eins gegen Eins oder Eins gegen Zwei, seine Mitspieler mitnimmt möglicherweise, mit Gesten, mit Vorangehen."

Ungefähr fünf Minuten vor Schluss verlassen wir das Stadion. Das machen Scouts üblicherweise so, dass sie nicht bis zum Abpfiff bleiben. Denn bei ihrem dichten Arbeitsprogramm brauchen sie nicht noch zusätzlichen Stress, wenn sie sich mit den Fans zu den Ausgängen drängen müssen.

Tempo, Zweikampf, Härte

Viel nimmt Gries von diesem Spiel allerdings nicht mit. "Die ich mir notiert habe oder die ich als Vorgabe bekommen habe, das war im Gesamtpaket, war es enttäuschend gewesen. Aber ich fahre trotzdem mit einem Ergebnis nach Hause, dass ich einen Spieler, den ich schon jahrelang kenne, der noch in einer guten Altersstruktur ist, nach mehreren Spielen, wo ich ihn kritisch gesehen habe, heute mit wirklich einer richtig guten Leistung, mit fußballerischer Qualität, Tempo, Zweikampf, Härte, Schärfe und einer guten Übersicht, einer guten Spielübersicht gesehen habe. Und das werde ich auch in der nächsten Scouting-Sitzung vortragen."

Gegen ein Uhr früh sind wir wieder in Berlin. Gries sagt: "Zu den Spielen hinfahren, Spiele gucken und wieder zurückreisen. Das sind dann schon acht Stunden, zehn Stunden, 12 Stunden. Und dann die Nachbereitung sind dann auch noch mal mindestens acht Stunden am Montag. Und dann schon wieder die Vorbereitung. Man muss ja präsent sein. Gestern wurde ich vom Manager angerufen, der war im Zug unterwegs. Der hat eine Information über einen Spieler bekommen, dann ruft er mich an, Theo sag mir bitte was zu dem Spieler. Kann der Bundesliga spielen? Da habe ich gesagt, nein, kann er nicht."

Einträge in mehrere Datenbanken 

Seine Eindrücke trägt er in mehreren Datenbanken ein, die extra für Scouts entwickelt worden sind. "Dort sind dann die Spiele registriert, sind die Namen mit eingebaut und dann zu den Spielern eine Benotung zu machen. Und dahinter ist eine Spalte, da kann man soviel hineinschreiben, wie man möchte. Wir haben uns dann einen Bogen angelegt, den wir immer überschreiben konnten, abgespeichert haben, mit Namen, welches Spiel man beobachtet hat, Stärken, Schwächen, Charakter, Willensstärke, Mehrwert für unseren Verein, kurzfristig und langfristig. Oder nochmal unter Besonderheiten, was speziell noch zu sagen wäre, ja also wenn man dann sagt, Mensch, ich bin von dem Spieler total überzeugt. Und das schreibt man dann nochmal in eine Spalte, mit Rot unterstrichen, das es auch trotz Anruf und Mailmitteilung schon, nochmal registriert wird, auch."

Einmal im Monat treffen sich die Scouts zu einer Besprechung. "Jeder Scout hat ein eigenes Schattenkabinett, wo er praktisch seine Mannschaft oder seine Sichtung in einer Aufstellung für die 2. Liga und für die 1. Liga positioniert und dort drei oder vier Spieler pro Position, die er im Ranking untereinander setzt, aufbietet. Das bringt man mit, und dann wird diskutiert. Nicht über jeden Spieler, weil das sind ja am Ende dann vielleicht hundert Spieler, und wenn wir vier Scouts sind, und das kann man nicht an einem Tag machen.

Wenn man fünf bis zehn abarbeiten kann, und da Prioritäten setzen kann, dann ist das schon richtig gut. Nur wenn wir uns kritisch damit auseinandersetzen, haben wir ja möglichst alles was den Spieler betrifft oder den Transfer betrifft, abgedeckt. Wird das mit den Trainern besprochen, und dann wird es dem Präsidium vorgetragen, und dann gibt es Entscheidungen dafür oder dagegen."

Jeder der vier Scouts sieht die Kandidaten mindestens einmal. Ziel ist dabei ein möglichst breiter Konsens. In der Regel erst dann, wenn die Scouts untereinander einig sind, kommt Unions Cheftrainer Urs Fischer ins Spiel. "Und dann sagt der Trainer, weiß nicht, ob das der Spieler ist. Defensiver Kopfball würde ich schon als Nummer Eins sehen. Zweikampfverhalten, Passspiel nach vorne ist vielleicht nicht ganz so wichtig. Hauptsache Zweikampfhärte und Mentalität. Oder er sagt, Mensch, ich will eine gute Spieleröffnung sehen, Zweikampfverhalten soll auch da sein. Kopfballspiel haben wir nebendran einen als Innenverteidiger, der räumt sowieso alles weg."

Sehr unterschiedliche Qualifikationen

Bevor sich die Scouting-Sparte Mitte der 1990er-Jahre professionell entwickelte, beobachteten und sichteten ausschließlich Trainer. Fischer lässt die Scouts weitgehend unabhängig und eigenständig arbeiten. Wobei diese bei Union sehr unterschiedliche Qualifikationen haben. "Bei mir ist es so, und bei meinem Kollegen Stefan Studer, dass wir Beide auch die Fußball-Lehrer-Lizenz haben, also die höchste Trainer-Lizenz, und dass wir Beide auch Profis waren. Bei den Anderen ist es so, Einer hat die A-Lizenz. Einer hat gar keine Lizenz und ist praktisch über jahrelange Mitarbeit, Zusammenarbeit mit dem Sportdirektor in unser Team gekommen."

Zu sämtlichen Begegnungen in Deutschland fährt Gries mit dem Auto. Am Saisonende stehen ungefähr 70.000 Kilometer auf dem Tacho. Dazu kommen die Strecken, die er mit Mietwagen absolviert. Das ständige Autofahren ist natürlich extrem kräftezehrend. Um einen Ausgleich zu haben, treibt er selbst regelmäßig Sport und hat sich ein eigenes Fitness-Programm zusammengestellt. Seitdem Gries Scout ist, hat er rund 1.500 Spiele gesehen. 

Zu Auslandsterminen fliegt er häufig und leiht sich vor Ort einen Mietwagen. So wie am 22. Februar. Am frühen Samstagnachmittag landet Gries am Flughafen Wien-Schwechat. Dort treffen wir uns.

An diesem Wochenende stehen zwei Spiele in der österreichischen Bundesliga auf dem Programm. Die Scouting-Abteilung von Union hat sich für diese Saison vorgenommen, alle zwölf Erstliga-Mannschaften aus Österreich mindestens einmal gesehen zu haben. "Wir legen Wert darauf, dass wir deutschsprachige Spieler haben wollen. Also das ist ein Fokus – Warum? Ja, wegen der Kommunikation auf dem Platz. Das ist der Hauptgrund, den der Trainer im letzten Jahr schon angedeutet hat, das darauf großen Wert gelegt wird."

Theo Gries, Scout von Union Berlin (Wheeler/Deutschlandfunk Kultur)Theo Gries, Scout von Union Berlin (Wheeler/Deutschlandfunk Kultur)

Von Wien fahren wir in das 70 Kilometer entfernte Mattersburg. Eine Kleinstadt im Burgenland. Der 1922 gegründete SV Mattersburg ist seit 2003 mit kleineren Unterbrechungen erstklassig. Für Fußball interessieren sich an diesem Samstagnachmittag allerdings nur ganz wenige Einheimische. Gerade einmal 2.000 wollen die Partie gegen SC R Altach aus Vorarlberg sehen. Ein echter Langweiler endet 0:0.

"Mäßiges Spiel, und auch der Spieler, den ich beobachten sollte, hat heute nicht bestätigt, dass er nur im Ansatz auch für die 2. Bundesliga für uns interessant wäre. Hat eine Szene, das ist zu wenig. Das geht einfach nicht. Da kann ich definitiv keine Empfehlung aussprechen."

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg nach Hartberg. Eine Kleinstadt in der Steiermark mit knapp 7.000 Einwohnern.

In Österreich einen Volltreffer gelandet

Der Fußball-Verein spielt seit 2018 in der österreichischen Bundesliga. Dort ist Union schon einmal fündig geworden. Zu Beginn der letzten Saison wechselte Rechtsaußen Florian Flecker ablösefrei in die Hauptstadt. Bisher hat der 24-Jährige allerdings noch keine Minute für Union gespielt. Andererseits haben Gries und seine Kollegen in Österreich auch schon mal einen richtigen Volltreffer gelandet.

"Vor fünf oder sechs Jahren sollte ich bei Rapid Wien einen Spieler auf der linken Abwehrseite gucken, linker Außenverteidiger. Und ich bin dann nach Hause gefahren und habe gesagt, den linken Außenverteidiger würde ich nicht holen. Aber auf der rechten Seite spielt einer, der auch mittlerweile Kapitän ist der Mannschaft. Und das sind auch so Sachen, die passieren können."

Gemeint ist Christopher Trimmel. Der Defensiv-Mann ist seit 2014 eine feste Größe bei den Unionern. Trimmels ehemaliger Arbeitgeber Rapid ist an diesem frühen Sonntagnachmittag auch der Gegner von Hartberg.

Der Andrang ist groß, das Stadion mit 5.024 Zuschauern restlos ausverkauft. Sie sehen ein spannendes, aber nicht hochklassiges Spiel. Am Ende trennen sich der TSV Hartberg und Rapid Wien leistungsgerecht 2:2. Bei diesem Spiel sitzt neben Gries auch ein junger Scout, der mehr auf sein Smartphone, als auf das Spielfeld schaut.

"Es gibt jüngere Kollegen, die arbeiten mit ihrem Handy oder mit einem I-Pad, und dort gibt es ein Tool, wo man Scouting-Ergebnisse eintragen kann. Und es gibt halt ganz viele von diesen jüngeren Kollegen, die halt keine Trainerausbildung, die nicht selbst Profisportler oder im höchsten Amateurbereich Spieler waren. Die versuchen einfach in dieses Fußball-Business hereinzukommen. Das ist okay sage ich jetzt einfach mal, seriös an vielen Stellen nicht."

Corona wird auch die Scouting-Arbeit verändern

Ende Februar ist der Union-Scout vor der Corona-Zwangspause zum letzten Mal auf Tour bei einem Jugendspiel in Cottbus. Zwischen März und Mitte Mai hat er wie alle anderen Scouts daheim gearbeitet. Dabei hat er sich entweder komplette Spiele auf Video angesehen oder nur Ausschnitte, in denen er Kandidaten für eine Neuverpflichtung bei Union unter die Lupe nahm. 

Die Folgen der Coronapandemie werden auch die Scouting-Arbeit verändern, meint Gries. "Die ganzen Reisen fallen weg, Fahrtkosten, Übernachtungskosten, und, und, und. Das ist glaube ich schon puh, eine Menge Geld. Wenn ich das bei mir nur sehe, dann noch mal vier oder fünf Personen nehme. Ich glaube, dass sich das ändern wird, das wir mehr Videos gucken."

Schließlich gehe es am Ende des Tages auch für diese Branche darum, wie viel Geld die Vereine für die Sichtung von Spielern künftig ausgeben wollen und können.

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