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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.09.2008

"Scientology will die Demokratie abschaffen"

Journalisten Nordhausen und von Billerbeck warnen vor Sekte

Liane von Billerbeck und Frank Nordhausen im Gespräch mit Andreas Müller

Blick auf den Eingang des Scientology-Hauptquartiers in Berlin (AP)
Blick auf den Eingang des Scientology-Hauptquartiers in Berlin (AP)

Die Scientology-Sekte ist nach Ansicht der Journalisten Liane von Billerbeck und Frank Nordhausen eine totalitäre, faschistoide Organisation, die zutiefst antidemokratisch ist. 15 Jahre nach ihrem ersten Buch über die Verflechtungen von Scientology mit der deutschen Wirtschaft haben die beiden deshalb jetzt eine Fortsetzung herausgebracht, in der sie über die Machenschaften der Sekte aufklären.

Andreas Müller: Spätestens seit den bizarren Auftritten des Schauspielers Tom Cruise - man kann die sich anschauen im Internetportal YouTube - und der Eröffnung der neuen Deutschlandzentrale in Berlin im vergangenen Jahr ist die US-amerikanische Scientology-Sekte wieder vermehrt im Gespräch, in der Diskussion. Einen gewaltigen PR-Erfolg verbuchte die Sekte im vergangenen Jahr, als Cruise vor einem Millionenpublikum am Fernsehen den "Bambi für Courage" verliehen bekam. Die Laudatio hielt damals kein geringerer als "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Urplötzlich, so schien es, war Scientology im Mainstream einerseits und im bürgerlichen Lager andererseits angekommen.

Die Journalisten Liane von Billerbeck, die kennen Sie natürlich auch als Moderatorin hier im "Radiofeuilleton", und Frank Nordhausen beschäftigen sich schon lange mit Scientology. Vor 15 Jahren veröffentlichten sie gemeinsam das Buch "Der Sektenkonzern. Scientology auf dem Vormarsch". Das waren damals Recherchen und Geschichten über den Versuch der Sekte, die deutsche Wirtschaft zu infiltrieren. Heute erscheint nun die Fortsetzung "Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will". Beide Autoren sind jetzt bei mir im Studio. Schönen guten Tag, Liane von Billerbeck und Frank Nordhausen.

Liane von Billerbeck: Schönen guten Tag.

Frank Nordhausen: Tag.

Müller: Was hat Sie motiviert, 15 Jahre nach dem ersten Buch sich ein weiteres Mal mit Scientology zu beschäftigen?

von Billerbeck: Das ist ganz einfach. Die Situation hat sich seitdem gravierend verändert, viele Menschen haben nur noch eine vage Vorstellung davon, was Scientology ist, nämlich eine antidemokratische totalitäre Organisation, die nach der Weltherrschaft strebt, also eine totalitäre Insel innerhalb der Demokratie. So hat es ja auch das Oberverwaltungsgericht Münster im Februar bestätigt.

Also, es gibt durchaus Grund, Scientology vom Verfassungsschutz zu beobachten. Und es ist eine totalitäre Organisation, die seit dem 11. September 2001 so ein bisschen im Schatten steht. Außerdem gab es damals bei unserem ersten Buch kaum Internet, also es war noch in seinen Anfängen. Inzwischen gibt es ganz neue Methoden und Scientology kann sich auch dieser Methoden bedienen.

Müller: Es gibt ja auch, kurz angemerkt, die Gegner von Scientology, die natürlich auch das Internet nutzen können, Frank Nordhausen.

Nordhausen: Ja, es gibt seit dem letzten Jahr eine Gegenbewegung, die auch auf die Straßen geht und Demonstrationen veranstaltet, die nennt sich "Anonymus", und deren erklärtes Ziel es ist, die Zensurversuche, die von Scientology immer wieder im Internet probiert werden, zu bekämpfen und dagegen zu demonstrieren und zu sagen: "Wir wollen, dass das Internet frei bleibt und auch frei von solchen Zensurversuchen."

Müller: Scientology ist ja extrem darauf bedacht, Informationen zu kanalisieren. Wie schwierig war die Recherche?

Nordhausen: Die Recherche war aus verschiedenen Gründen völlig anders als beim letzten Mal. Zum einen ist es einfacher geworden, mit Aussteigern zu reden, weil es wesentlich mehr Aussteiger gibt, und auch aus den innersten Zirkeln der Macht bei Scientology. Wir konnten zum Beispiel mit dem Aussteiger Wilfried Handl sprechen, der mal Chef von Scientology in Österreich war oder mit amerikanischen Aussteigern, die im scientologischen Geheimdienst "OSA" sehr weit oben angesiedelt waren. Das macht die Arbeit einerseits einfacher.

Was es wesentlich schwieriger macht, ist das Problem, dass es inzwischen eigentlich viel zu viele Informationen gibt und dass kaum einer sich noch zurechtfinden kann in diesem Berg von Informationen, der im Internet gerade sich angesammelt hat.

Müller: Sie haben jetzt die Aussteiger erwähnt. Was für Erfahrungen haben die gemacht? Also, man weiß ja, dass Scientology bekannt ist unter anderem für Einschüchterungsmaßnahmen aller Couleur. Was erzählen die Menschen Ihnen, oder haben Ihnen erzählt?

von Billerbeck: Na, die erzählen zum Beispiel, wie schwierig es war, auszusteigen, dass Scientology, wenn es einmal Leute in den Fängen hat, die natürlich sehr ungern gehen lässt. Und sie erklären sie dann zu Feinden und das heißt, man kann mit einem solchen Feind eigentlich alles tun, einschließlich ihn verletzen, deformieren, etc. Und sie haben auch genug Informationen über denjenigen, denn im Auditing, also in einer scientologischen Fragetechnik an einem E-Meter, da wird versucht, und auch erfolgreich versucht, sehr intime Informationen über denjenigen zu bekommen. Und die kann man natürlich im Zweifel beim Ausstieg zur Erpressung benutzen.

Müller: Sie beide haben ja, als Sie vor 15 Jahren das erste Buch, den ersten Teil wenn man so will, veröffentlicht haben, ja auch Ihre Erfahrungen gemacht mit dieser Sekte. Was ist Ihnen passiert?

Nordhausen: Ja, in der Tat, das kann man sagen. Man hat damals massiv versucht, uns einzuschüchtern, wir wurden teilweise auf der Straße beschattet, es gab anonyme Morddrohungen, es gab sogar eine schriftliche Morddrohung. Und was sehr beliebt damals war, war auch, zu den Chefredakteuren der Medien zu gehen, bei denen wir gearbeitet haben, und uns dort, ja, in irgendeiner Weise anzuschwärzen.

Und das entscheidende Mittel von Scientology gegen Kritiker oder Kritiker mundtot zu machen, war zu der damaligen Zeit, sie zu verklagen. Und man hat uns beim ersten Buch fünfmal verklagt, in der Folge noch sicherlich ein Dutzend Mal. Ich bin im letzten Jahr auch noch mal verklagt worden und man kann sagen, dass wir von diesen Klagen 99 Prozent gewonnen haben und es geht dabei auch, wie der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard mal sagte, darum, die Kritiker einzuschüchtern und mundtot zu machen.

Müller: Sie haben vor 15 Jahren ein Buch geschrieben, in dem es darum ging, die Verflechtungen in die Wirtschaft hinein herauszufinden, herauszuarbeiten. Welche Ziele hat Scientology heute? Hat sich da was verändert in den vergangenen 15 Jahren?

von Billerbeck: Da hat sich eigentlich gar nicht so viel verändert. Scientology hat immer noch die gleichen Ziele, sie wollen die Weltherrschaft. Das klingt erst mal dramatisch, aber das ist tatsächlich ihr Ziel. Sie wollen explizit die Demokratie abschaffen. Scientology ist davon überzeugt, dass nur Scientologen eigentlich das Recht haben sollen, also Bürgerrechte zu haben. Es ist ein totalitäres, ja, man könnte sagen, faschistoides Menschenbild, dem sie huldigen. Scientology hat Geheimdienste, Straflager, in denen Abtrünnige und Mitglieder für geradezu lächerliche Vergehen bestraft werden. Also, ein Beispiel ist, man muss dann in glühender Hitze, wo dieses eine Lager da in der Wüste ist, stundenlang um einen Pfahl rennen beispielsweise.

Also, die Ziele sind gleich geblieben und deshalb ist es auch so eine Gefahr, weil wir oft, oder Politiker zum Beispiel denken oft in Legislaturperioden und Scientology denkt eben langfristiger und deshalb muss man sich darum kümmern und muss die Informationen, die es darüber gibt, auch so am Leben erhalten.

Müller: Scientology hat ja immer massiv um Prominente geworben. Mit dem Schauspieler Tom Cruise gibt es einen sehr, sehr medienwirksamen Prominenten. Ich habe eben schon diese Videos erwähnt, die man sich auf YouTube zum Beispiel angucken kann und da fällt ja auch dieser Begriff "Let's clear this planet". Also, man möchte den Planeten reinigen, sagt Tom Cruise da. Was hat die Sekte von Cruise eigentlich und was hat der von Scientology?

Nordhausen: Ja, ich fange mal damit an, was Tom Cruise möglicherweise von dieser Sekte hat. Das ist, in diesem schwierigen Milieu, in Hollywood, eine Art Orientierung zu bekommen und auch, ja, wie soll man sagen, regelmäßige Seelenmassage. Und er bekommt durch, gerade durch die extreme Nähe, die Tom Cruise zu dem Scientology-Führer David Miscavige hat, auch sicherlich das Gefühl, reale Macht auszuüben, was sicherlich auch zum Teil so ist.

Was hat Scientology von Tom Cruise? Wahrscheinlich wesentlich mehr, denn Scientology profitiert davon, dass Tom Cruise eigentlich ihr wichtigster Werbeträger ist, dass er jedenfalls in der Vergangenheit, bis zu diesen berühmten Videos, eigentlich auch sehr positiv und sympathisch rüberkam und ein so positiver Mensch ist natürlich jemand, der durchaus geeignet ist, gerade junge Leute, die sich auf einen Star oder ein Vorbild orientieren, auch für die Sekte zu interessieren.

Müller: Ein erklärtes Ziel dieser Sekte heißt, 10 bis 15 Prozent der Meinungsführer in Politik, Kultur und Medien zu gewinnen. Also, mit Tom Cruise hat man ja einen Riesenfisch dort gefangen. Wie weit sind die damit gekommen? Kann man das verifizieren?

von Billerbeck: Das kann man so in absoluten Zahlen nicht sagen, aber immerhin haben sie es geschafft, in Frankreich jemanden direkt im Büro von Mitterrand zu implantieren. Also, wir haben schon sehr hochrangige Scientologen in europäischen Staaten. Oder erinnern wir nur daran, dass es Scientology in den USA geschafft hat, die Steuerbefreiung zu erreichen, ganz einfach deshalb, indem sie die oberste Steuerbehörde, also die Mitarbeiter dort, direkt angegangen sind. Also, sie haben Anzeigen gegen die geschaltet, als es da Gegenbestrebungen gab. Und sie haben das tatsächlich erreicht. Und diese Mitteilung über diese Steuerbefreiung, die ist dann verschickt worden und dabei war dann auch noch Werbepost von Scientology.

Müller: Wie kommt man eigentlich zu Scientology? Wie kommen Menschen da rein?

Nordhausen: Der ganz normale Weg, zu Scientology zu kommen, ist sicherlich durch die Straßenwerbung und durch die Werbung im Bekanntenkreis. Man sagt bei Scientology wie bei eigentlich allen destruktiven Kulten oder Sekten, dass die Leute da nicht freiwillig eintreten, sondern dass sie geworben werden. Und die Mittel, mit denen geworben wird, sind außerordentlich ausgeklügelt inzwischen. Scientology hatte immerhin über 50 Jahre Zeit, sich das entsprechende Repertoire anzueignen.

Das sind Methoden der mentalen Manipulation, mit denen ein normaler Mensch normalerweise ja gar nicht konfrontiert wird und die man so nicht kennt und deren Gefährlichkeit man auch sehr schwer einschätzen kann.

Und deswegen warnen wir auch davor, einfach mal so zum Spaß hier in die Berliner Scientology-Filiale am Ernst-Reuter-Platz zu gehen, um sich das mal anzugucken. Das kann durchaus gefährlich sein. Und das ist ja gerade bei jungen Leuten so eine Art Mutprobe geworden.

Müller: Vielleicht mal ein Fazit: 15 Jahre nach dem ersten Buch, wie gefährlich ist Scientology?

von Billerbeck: Scientology will die Demokratie abschaffen, das muss man sich ganz klarmachen. Scientology will, dass nur noch Scientologen Bürgerrechte haben. Man muss also über Scientology aufklären und wissen, wie das funktioniert. Und Scientology führt einen Krieg gegen Europa, also muss sich Europa auch zusammen gegen Scientology zusammenschließen und da etwas unternehmen.

Müller: "Scientology. Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will". So heißt das neue Buch von Frank Nordhausen und Liane von Billerbeck, bei denen ich mich fürs Kommen bedanke. Das Buch ist im Christoph Links Verlag erschienen, 600 Seiten für 19,90 Euro. Die Premiere ist übrigens am kommenden Donnerstag, also am 4. September, um 19 Uhr ganz in der Nähe von Scientology Deutschland, der Zentrale von denen, nämlich im Berliner Rathaus Charlottenburg.

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