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Konzert / Archiv | Beitrag vom 28.06.2017

Schwetzinger FestspieleLiebesdurstig und todesnah

Aufzeichnung vom 11.5.17 aus dem Dom zu Speyer

Die Geigerin Carolin Widmann (Marco Borggreve)
Die Geigerin Carolin Widmann (Marco Borggreve)

450 Jahre nach seiner Geburt gilt der Musik-Reformator Claudio Monteverdi als wohl wichtigster Leitkomponist des laufenden Jahres – und zieht dabei manchmal noch andere lohnende Zeitgenossen mit ans Licht wie in diesem Konzert der Schwetzinger Festspiele.

Teils sind sie eine Generation älter, teils waren sie direkte Zeitgenossen Monteverdis – doch gemeinsam ist all diesen italienischen Meistern aus der Wendezeit vom 16. zum 17. Jahrhundert ihre heißblütig-dünnhäutige, sehr unakademische Leidenschaft, die sich auch bei kirchlichen Kompositionen weit entfernt von biederer Landfrömmigkeit hält. In einer von Religionskonflikten zerrissenen Zeit war es für die gegenreformatorische Bewegung wichtig, den Menschen das ruhmvolle Leben und Sterben "ihrer" Heiligen so sinnlich wie möglich nahezubringen; wenn dann manche Hymne an die Gottesmutter Maria (im Programm gibt es einige davon) auch erotische Komponenten enthält, so war das –  in einer Zeit, wo sich Schwelgerei, Liebeslust und Todesnähe so nah waren wie sonst kaum je in der europäischen Kulturentwicklung – durchaus auch im Sinne der Glaubenskrieger.

Der riesige Kaiserdom in Speyer gibt beim Auftritt der Compagnia del Madrigale zum Ausspielen dieser Kontraste eine eigenwillige, aber durchaus passende Kulisse ab; und dass auf dem Weg über Carolin Widmanns Geigenspiel ein weiterer, nun zeitgenössischer Italiener – Salvatore Sciarrino, keine 450, aber immerhin auch schon 70 – mitmischt, fügt sich ebenfalls gut ins Ganze. Geben doch seine irrwitzig-extravaganten Violin-Solocapricci, komponiert mit knapp 30, ehe er in den Folgejahren vor allem die Welt des Musiktheaters für sich entdeckte, einen guten Eindruck davon, dass das rigorose Ausloten technischer und emotionaler Extreme nicht nur zur Zeit Monteverdis und Gesualdos angesagt war, sondern vielleicht überhaupt zur DNA der italienischen Musik gehört.


Alessandro Striggio
Congratulamini videte omnes

Claudio Monteverdi
Motette "Adoramus te"
Stabat virgo Maria
Pulchrae sunt
Pianto della Madonna -
Iam moriar mi fili

Andrea Gabrieli
Drei Motetten

Luca Marenzio
A te longe ne vivam

Carlo Gesualdo
Sparge la morte

Salvatore Sciarrino
Sei Capricci per violino solo


Carolin Widmann, Violine

La Compagnia del Madrigale

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