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Fazit | Beitrag vom 11.06.2019

Schweizer Biennale-Pavillon in VenedigDer Fortschritt kann auch ein Rückschritt sein

Pauline Boudry und Renate Lorenz im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Die Videoinstallation "Moving Backwards" des Künstlerinnenduos Pauline Boudry und Renate Lorenz wird auf einer Leinwand im Schweizer Pavillion auf der Art Biennale Venedig 2019 gezeigt. (Felix Hörhager/dpa )
Bei der Videoinstallation "Moving Backwards" von Pauline Boudry und Renate Lorenz sollen sich die Zuschauer als Teil der Tänzer fühlen. (Felix Hörhager/dpa )

Pauline Boudry und Renate Lorenz haben für den Schweizer Pavillon mit ihrem Videoprojekt "Moving Backwards" ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft geschaffen. Sie reagieren damit auf eine Zeit, in der es liberale Werte nicht einfach haben.

Der Ausgangspunkt für ihr Kunstprojekt sei, dass sie sich durch den allgemeinen Backlash auf allen Ebenen zurückgedrängt fühlten, erläutern Pauline Boudry und Renate Lorenz im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Die beiden Künstlerinnen haben für den Schweizer Pavillon auf der Biennale in Venedig das Videoprojekt "Moving Backwards" geschaffen. Ein Projekt, bei dem sie die Energie dieser Gefühle aufnehmen - nicht zum offensiven Protest - sondern, um sie in andere Bewegungen und Experimente umzulenken.

Die Künstlerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz sitzen auf einem Holzfußboden. Sie haben für den Schweizer Pavillon auf der Biennale Venedig 2019 das Videoprojekt "Moving Backwards" geschaffen. (Bernadette Paassen/Swiss Arts Council Pro Helvetia)Die Künstlerinnen Pauline Boudry (re) und Renate Lorenz stellen mit ihrem Videoprojekt "Moving Backwards" für den Schweizer Pavillon auf der Biennale Venedig auch in Frage, ob Fortschritt tatsächlich eine Verbesserung ist. (Bernadette Paassen/Swiss Arts Council Pro Helvetia)

"Mit diesem Gefühl 'nach rückwärts' gezwungen zu werden, haben wir nach verschiedenen Wiederstandsstrategien gesucht", sagt Pauline Boudry.

Dabei seien sie auch auf die Geschichte der kurdischen Frauen in der Guerilla gestoßen: "Sie haben, um vom einem Ort zum anderen zu gehen, Schuhe rückwärts getragen. Das heißt, die Spuren, die sie im Schnee hinterlassen, weisen in die genau gegenteilige Richtung."

Der Pavillon sei so konzipiert, dass sich der Zuschauer beim Betrachten des Videos als Teil der Tanzperformance auf der Leinwand fühle.

Im Film werde mit den Rückwärtsbewegungen experimentiert, erläutert Renate Lorenz:

"Jede Szene im Film unterläuft die Idee, dass es eine einzige Richtung oder Zeitlichkeit gibt, in der wir uns bewegen. Es gibt Szenen in denen die Performer vorwärts gehen und dabei die Schuhe rückwärts tragen. Es gibt Tänze, die wir rückwärts einstudiert haben und Szenen, in denen wir Tänze 'digital reverse' gedreht haben. Das ist oft schwer zu erkennen und beginnt oft mit einem Gefühl, dass igendwas nicht stimmt."

Dass die Tänzer im Video auch mit Perücken agierten, stelle den Bezug zur Underground-Kultur und Drag-Perfomances her.

Fortschrittlichkeit sei auf verschiedensten Ebenen ein Problem, findet Lorenz. So führe das "nach vorne gehen" dazu, dass andere Menschengruppen als rückschrittlich angesehen würden oder dem Vorwurf ausgesetzt seien, dass sie sich in der Vergangenheit bewegten – wie etwa Kanadier mit indigener Herkunft.

Zweifel am Fortschritt

Mit dem Videoprojekt würden auch die Lobpreisungen des Fortschritts in Frage gestellt:

"Der Zustand der Erde ist sicherlich ein Produkt des 'Fortschritts' – alles was unter den Übeln des Kapitalismus zusammengefasst wird. Alles hat mit dieser Idee zu tun, dass wir angeblich wissen, in welche Richtung wir uns bewegen und welches die einzig gute Richtung ist. Wir zweifeln am Fortschritt."

(mle)

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