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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 25.07.2008

Schwedische Gardinen ...

Diesmal geht es um die Redensarten: Blech reden, einen Spleen haben, die Nase läuft bis Potsdam, schwedische Gardinen u. a.

Blech reden

Viele Redensarten mit Blech – das sich dem indogermanischen Wort für "glänzend" verdankt – beziehen sich aufs Geld, das ja zum Teil aus dünnem Metall geprägt und gestanzt wurde, beispielsweise aus dünnem Silber- oder Goldplatten. Der Ausdruck "Blech" für Geld und "blechen" für bezahlen, meist im negativen Sinne, kommt schon in der Gaunersprache des 15. Jahrhunderts auf und ist seitdem verbreitet.

Es ergab sich im Verlauf der Jahrhunderte aber ein Gegensatz zwischen gewichtiger, wertvoller Münze aus Edelmetall und "Blech" im Sinne von Eisenblech, das natürlich im Vergleich wertlos war. Ähnlich verhielt es sich auch mit Gegenständen, die statt aus massivem, schwerem Metall aus dünnem Blech gefertigt waren. Spätestens jetzt entwickelte sich "Blech" als allgemeine Bezeichnung für "etwas Wertloses", "Verachtenswertes" und deshalb auch "Dummes". Und seitdem kann man sagen: "Du redest ein Blech, das ist nicht zu glauben!" Oder: "Was für ein Blech ist das denn!"


Einen Spleen haben

Wenn jemand eine liebenswürdige Macke hat, eine Eigenheit, die nicht so schlimm ist, eine seltsame Angewohnheit, eine fixe Idee, dann sagt man, er hat einen Spleen. Das sieht englisch aus, ist auch aus dem Englischen und doch in Sinn und Wort aus dem alten Griechisch. "Splän" hieß in der Antike die Milz. Als "spleen" wanderte das Wort über das Lateinische ins Englische, wo es dasselbe bedeutet.

Die Milz galt nun – nebst der Leber – als besonders wichtig für Stimmungen, wobei sie speziell verantwortlich gemacht wurde für miese Laune bzw. Störungen der guten Laune. Sogar ein Kraut war dagegen gewachsen, das man "spleenwort" nennt und die Milz-Launen-Störung beheben sollte. Im Sinne von "Laune" kam es als Fremdwort zu uns, ohne das man den Zusammenhang mit der "beleidigten Leberwurst" geahnt hätte.


Am Arsch die Rauber!

Eine recht grobe Art "keineswegs" oder "Pustekuchen" zu sagen. In der Jugend- und Umgangssprache aber durchaus beliebt. Die erste Hälfte der Redensart ist leicht zu erklären, denn wenn jemand "am Arsch ist", dann ist er am Ende; schließlich gilt der Hintern als Körperende und wird ja auch als "Achtersteven" bezeichnet. Andererseits ist so jemand in einer schlimmen, unangenehmen Lage, denn "am Arsch" ist eine nettere Variante von "im Arsch" sein, wo niemand hinwill, der kein Arschkriecher ist.

Bei "die Rauber" oder auch "die Räuber" ist die Sache schon etwas komplizierter. Wahrscheinlich hat es mit der Entschiedenheit der Ablehnung zu tun. Wenn jemand von einem etwas will, dann wird er mit dem Ausdruck "die Rauber" quasi mit solchen gleichgesetzt, die einem etwas abnehmen wollen oder überfallen. Das passte zu dieser derben Abfuhr, die übrigens sogar als Titel einer CD gewählt wurde.


Die Nase läuft bis Potsdam

"die Nase läuft bis Potsdam": Das Rinnen des Schleims aus der Nase bezeichnete man schon sehr lange als "laufen", so wie eben auch Wasser läuft oder man vom Flusslauf spricht. In verschiedenen, eher privaten Varianten, konnte eine lange Zeit laufende Nase, eine, die lange nicht geputzt wurde, oder eine mit langer Rotzspur dann spaßhaft in Beziehung mit einer Entfernung zu einem Ort gesetzt werden. In diesem Fall mit der bis Potsdam.


Du hast wohl den Schuss nicht gehört!

Mit geringer Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um eine Variante der in Amerika sehr bekannten Redensart "the shot heard ‘round the world". Sie entstammt der "Concord Hymne" Ralph Waldo Emersons: "the embattled farmers stood / And fired the shot heard ‘round the world." Die legendären Gefechte bei Lexington und Concord 1775 bilden den Beginn des Unabhängigkeitskrieges, in dem das britische Mutterland besiegt und die moderne amerikanische Demokratie geboren wurde. Insofern wurde dieses Schießen so bedeutsam, dass es – sinnbildlich – überall auf der Welt gehört wurde.

Viel wahrscheinlicher ist allerdings eine wesentlich einfachere Erklärung, dass jemand so unaufmerksam, schwerhörig, ja dumpf und dämlich ist, dass er nicht einmal etwas so Lautes wie einen Schuss hört, den doch sonst alle wahrgenommen haben. Zumal dann, und diese zusätzliche Verschärfung der Situation kommt einem leicht in den Sinn, wenn jemand am Startblock kniend den Startschuss nicht hört. So eine Schlafmütze hätte wahrlich einen Schuss und hätte ihn nicht einmal gehört!


Schwedische Gardinen

In Schweden ist der redensartliche Ausdruck nicht geläufig. Dort verstünde man einfach Vorhänge heimischer Produktion darunter. Die "schwedischen Gardinen" bedeuten aber Gitterstäbe, die sich vor dem Fenster eines Gefangenen befinden und aus Eisen sind. Da Schwedenstahl lange schon einen ausgezeichneten Ruf hatte, konnte die scherzhaft verhüllende Redewendung in der Ganovensprache des späten 19. Jahrhunderts beliebt werden, wo man sagte: "Er muss hinter schwedische Gardinen."


Ach du grüne Neune!

Der Ausruf der Überraschung ertönt meist in wenig angenehmer Situation, kann aber ironisch gefärbt auch bei positiv Unerwartetem geäußert werden. Über den Ursprung herrscht Uneinigkeit. Die grüne Neun als Spielkarte des Deutschen Blatts hat offenbar nichts damit zu tun, da sie auch keinen Wert hat.

Die Neun gehört aber zu den magischen und symbolischen Zahlen, ähnlich wie die Drei oder die Sieben. Man denke an die neun Kegel, die Chanukkia, den neunarmigen Kerzenleuchter der Juden, oder an das Neunerleikraut zu Mariä Himmelfahrt. Grün ist in ebenfalls in allerlei Redensarten belegt, so "ich bin dir grün" oder "Komm an meine grüne Seite". Es könnte hier als Verstärkung dienen. Beides zusammen wäre vielleicht als Ersatz für die Anrufung des Gottesnamen, den man nicht unnütz gebrauchen solle, zu interpretieren. Man sagt ja auch entsprechend "Ach du liebes bisschen!" oder "Ach du meine Güte!"

Nicht auszuschließen ist, dass es sich um einen Berolinismus handelt und sich im Zusammenhang mit dem beliebten Lokal "Conventgarten" gebildet hat. Das lag in der Berliner Blumenstraße 9, wohingegen der eigentliche Eingang sich am Grünweg befand. Der umständliche, fremdsprachige Name hätte sich dann in volkstümlicher und humorvoller Weise auf "die grüne Neune" verkürzt. Da es in dem Lokal munter und recht häufig handfest zuging, hätte sich der Ausdruck des Erstaunens und der negativen Überraschung entwickelt.


Etwas für lau bekommen

Mit dem lauen Wasser hat die Redensart nichts zu tun. Vielmehr bekommt man etwas für lau, was ja umsonst heißt, weil im Jiddischen "lau" und "lo" soviel heißt wie "nicht, nichts, nein, ohne". Man bekommt also etwas für "nichts", für "ohne Geld".

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