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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 21.12.2014

SchwedenAlles auf Anfang - am Polarkreis

Von Alexa Hennings

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Siebener Gespann eines Hundeschlittens (picture-alliance / ASA)
Siebener Gespann eines Hundeschlittens (picture-alliance / ASA)

Im Herbst 2014 verlassen Andreas Barth - ehemaliger Leichtathletiktrainer - und seine Frau ihren Hof in Vorpommern. In Schweden möchte sich das Ehepaar mit Anfang 50 eine neue, sportliche Existenz aufbauen - und Gäste lehren, mit Hundegespannen umzugehen.

Ein rotes Holzhaus mit Seeblick. Zwischen Haus und Ufer Pferdekoppeln und Hundegehege mit Zwingern und Auslauf. Links und rechts dichter Wald. Schnee. So, wie man sich Lappland vorstellt, so ist es hier auch: In Gasa, wenige Kilometer vom Polarkreis entfernt. Dorf wäre zuviel gesagt für ein paar versprengte Höfe. Das nächste Haus steht zwei Kilometer weiter, und auch wer zehn Kilometer weit weg lebt, wird hier noch Nachbar genannt.

In Gasa heulen nicht die Wölfe - von denen es in den Wäldern ringsum zwar etliche gibt - sondern die Huskys. Es sind Schlittenhunde, näher verwandt mit dem Wolf als mit dem Haushund. Deshalb heulen sie auch so inbrünstig wie ihre Vorfahren.

"Batida! Batida!!"

Die Meute ist aufgeregt. Der Chef hat acht Hunde ausgesucht, die heute trainieren dürfen. Andreas Barth holt sie aus ihren Zwingern. Und so wild sie sich auch anhören: Vielleicht trifft das berühmte "Mein Hund beißt nicht" am ehesten auf die Huskys zu.

"Den Hunden ist über Generationen diese Aggression gegenüber dem Menschen abgezüchtet worden, weil das Arbeitshunde sind. Die müssen umgänglich sein zum Arbeiten. Und ich kann mit völlig fremden Leuten in den Zwinger reingehen und du wirst Null Aggression sehen, sondern immer nur freundliche Hunde. Nein Röde, nein!"

Andreas Barth und seine Frau Kerstin Pöller, beide dick vermummt in Overalls, sind umringt von den acht Hunden, die heute trainieren werden. Vorher noch eine Runde Streicheln, Kraulen, Kuscheln.

"Bei den Inuit ist es ja auch so gewesen, dass Huskybabys in den Iglus mit aufgewachsen sind, damit sie möglichst viele Leute kennenlernen. Weil ja jeder in der Lage sein muss, so ein Schlittenhundegespann zu fahren. Na, du Kuscheltier? Aber wehe, er sieht die Laufgeschirre. Zweimal am Tag ist richtig Krach: Das ist, wenn Andreas mit den Laufgeschirren reinkommt: Nimm nicht mit, nimm mich mit, ich will auch mit! (lacht) Und dann ist hier voll Terror. Aber in dem Moment, wo sie loslaufen, ist absolute Stille, da wird nur noch gelaufen. Und das zweite ist natürlich mit Futter. Wenn er mit dem Futtereimer kommt: Vergiss mich nicht!"

"So glücklich, dass ich das gemacht habe"

Röde, Havanna, Batida, Anuk und andere Huskys leben mit Andreas und Kerstin in Gasa. Sie haben weißes oder graues, braunes oder fast schwarzes Fell - keiner sieht aus wie der andere. Die berühmten hellblauen Huskyaugen hat auch nicht jeder von ihnen. Kerstin nimmt einen der Welpen auf den Arm, die in einer Extra-Box herum-krabbeln. Es ist Olaf, er wurde nach dem Tierarzt benannt und hat ein blaues und ein braunes Auge.

"Eigentlich ist das wie so ein Kindergarten. Oder wie eine Schulklasse. jeder ist anders, jeder hat einen anderen Charakter. Mit den Pferden kannte ich mich aus, da haben sie mich auch immer gefragt: Wie hältst du die auseinander? Na, die sehen doch völlig unterschiedlich aus! Und es gibt keine zwei Pferde, die haben den gleichen Charakter. Und hier muß ich jetzt erstmal noch üben, die sehe ich auch erst zum zweiten Mal!"

Drei Monate früher. Ein windiger Spätsommertag in Vorpommern. Reiterferien auf dem Broocker Hof. Kerstin Pöller steht zwischen zehn Pferden, auf denen zehn Mädchen sitzen.

"Darja, nicht so nach vorne lehnen, ganz entspannt! Jaaa! Emma, was ist das Wich-tigste auf dem Pferd? - Lächeln! - Genau. Du hast so verbissen geguckt, da konnte er nur noch weglaufen! - lacht - Das wissen sie: Paragraph eins ist Lächeln. Das hört sich zwar lustig an, aber ist einfach so: Wenn sie die Kaumuskeln anspannen, dann ist über die Nackenmuskeln, Rückenmuskeln, Hüfte, alles angespannt. Und das merken die Pferde sofort und dann werden sie eben schneller." (Pferd prustet). "Siehst du, schon schnaubt er und ist ganz entspannt! Funktioniert!"

Kerstin Pöller ist eigentlich Diplomjournalistin. Doch ihre Arbeit bei der Tageszeitung "Nordkurier" macht ihr immer weniger Spaß. Sie verbringt immer mehr Zeit mit ihren Island-Pferden, macht Ausbildungen zur Reitlehrerin und wagt mit Mitte 40 den Sprung vom sicheren Job in die unsichere Selbstständigkeit. Bei den Pferden, sagt sie, habe sie Ruhe gelernt.

"Hatte ich früher auch nicht, so eine Ruhe. Ich bin so froh, dass ich das gewagt habe und mich selbstständig gemacht habe auf dem Hof. Ich bin eigentlich jemand, der sich gern absichert. Und dann so plötzlich im freien Fall, das ist eigentlich gar nicht mein Ding. Aber jetzt bin ich so glücklich, dass ich das gemacht habe. Ich hätte das ja alles nie erlebt."

Sie organisiert Reiterferien für Kinder aus ganz Deutschland, Ausritte auf der Insel Usedom und Reittouren in Island. Macht gemeinsam mit ihrem Mann aus einem alten Gehöft im vorpommerschen Alt Tellin den „Broocker Hof". Eine Adresse nicht nur für Reiter, sondern auch für Kanufahrer, die auf dem Fluss Tollense paddeln, direkt am Grundstück vorbei.

In ihrer Gemeinde die größte Schweinezuchtanlage Europas gebaut

"Hat sich schon rumgesprochen, dass mein Mann Brötchen bäckt?" (lacht)

Gerade kommt ein Anruf.

"... die Frage ist jetzt nur: Wann wollen Sie kommen? Wir sind jetzt nur noch zwei Wochen hier. Morgen? Morgen ist gut!" (lacht) "Wir sehen uns morgen, Tschüß! - Eigentlich bräuchte man die Sekretärin, aber von uns ist ja fast nie jemand drin! Die Leute rufen rund um die Uhr an. Das waren jetzt Paddler, die total durchnässt sind und eine Bleibe suchen. Wirklich, bei Ihnen kann man duschen? Ja, kann man! Und stimmt das mit den Brötchen?" (lacht)

Zehn Pferde sind jetzt noch auf dem Hof. Früher, bevor die Huskys kamen, waren es 23 Islandpferde, 20 Schafe, zwei Schweine und zwei Kühe, Hühner, Enten, Kaninchen und zwei Haushunde.

"Und dann kam er auch noch, durch irgendeinen Zufall, mit Schlittenhunden an. Da habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss! Ich wusste weder, wie die heißen, noch habe ich sie angeguckt. Och guck mal, die sind so süß! Interessiert mich nicht!! Hat wirklich lange gedauert, bis ich gesagt habe: Na gut, ich fahr mal. Und dann habe ich einmal auf dem Wagen gestanden und hab dann mein eigenes Team gleich bekommen. war echt schön. Naja, und dann habe ich gesagt: Aber nur unter der Bedingung, dass erstmal was abgeschafft wird. Selbst die Aquarienfische haben wir abgeschafft." (lacht)

Die Huskys, mit denen man im schneearmen Vorpommern mit Wagen statt mit Schlitten fährt, machten den Broocker Hof noch bekannter. Es gab Hoffeste, zu denen an einem Wochenende fast 1000 Besucher kamen. Täglicher Reitbetrieb, Reiterferien für mehr als 200 Kinder im Jahr, Ausritte und Kutschfahrten ins Naturschutzgebiet Tollensetal vor der Haustür, das Hundetraining, die Kanustation am Haus: Kerstin Pöller und Andreas Barth hatten es in jahrelanger Arbeit - zuerst neben ihren eigentlichen Berufen - geschafft, sich mit ihren sportlichen Angeboten ein Standbein im Tourismus zu schaffen. Der Schock: In ihrer Gemeinde wurde die größte Schweinezuchtanlage Europas gebaut. Sie und hunderte Anwohner kämpften dagegen - vergeblich.

"Wir haben Gegenden, die sind landschaftlich nun wirklich nicht so traumhaft. Aber hier ist es einfach so, so schön, Warum muss man das nun genau hier bauen? In ein Gebiet, das vom Tourismus leben könnte? Das verstehe ich nicht. Es gibt hier ganz viele Gutshäuser, Herrenhäuser, es gibt die Burg in Klempenow, wo ganz viel für den Tourismus gemacht wird. Kanustationen haben sich entwickelt. Das hat man alles nicht sehen wollen im Wirtschaftsministerium. Da wird halt nur noch eine Industrieanlage gefördert. Da konnten wir demonstrieren, wie wir wollten. Das war auch eine Erfahrung nach der Wende, die sehr weh getan hat. Wir dachten ja dann doch, es ändert sich was."

Fördermittel für Neueinsteiger in den Tourismus gab es wegen den Schweineanlage nicht mehr. Kerstin Pöller und Andreas Barth mussten alles alleine stemmen, um die unendlich vielen Vorschriften für einen Reitbetrieb mit Kindern einhalten zu können. Dazu kam bergeweise Papierkram von Behörden, Berufsgenossenschaften und Versicherungen.

"Ich will hier bloß noch weg"

"Und dann kam die Situation vor einem Jahr, dass ich am Schreibtisch saß und gesagt habe: Ich will hier bloß noch weg. An meinem Geburtstag war das, da kamen fünf dicke Amtsbriefe, teilweise mit Einschreiben. Und dann sitzt du dann die ganze Nacht und füllst irgendwelche Formulare für die Berufsgenossenschaft aus. Da haben sich zwei Berufsgenossenschaften um mich gestritten und du stehst dazwischen und sollst bezahlen. Ich hatte richtig die Nase voll. Ich bin wirklich gern selbstständig und die Arbeit hier macht mich total glücklich. Aber die zweite Schicht am Schreibtisch, die hat dann den Ausschlag gegeben. Das kam ganz spontan, dass ich gesagt habe: Ich will hier bloß noch weg. Andreas hat gesagt: Meinst du das ernst? Und dreimal nachgefragt. Und gesagt: Du, eine Schlittenhundekollegin von mir, die bietet gerade ihr Haus an. Haus am See. Na ja, und dann kam eins zum anderen (lacht) ich kenne da jetzt nur das Haus und den See und den Waldweg zum Nachbarn. Mehr weiß ich noch nicht!"

Andreas Barth, einst Marathon-Läufer und dann Leichtathletik-Trainer in Neubrandenburg, hatte nach der Wende Triathletinnen trainiert: Ines Estedt führte er zum ersten Weltmeister-Titel für Deutschland. Als er die Schlittenhunde bekam, zog er im Winter nach Lappland, um dort mit ihnen zu trainieren. Viele Gäste, die ihn vom Broocker Hof kannten, folgten ihm und lernten im Urlaub ein Husky-Gespann zu lenken. Bei seiner ersten Weltmeisterschaft im Schlittenhunderennen wurde Andreas Barth gleich Neunter, bei der nächsten Vierter. Er hatte seinen Traumsport gefunden. Und den Traumort. Fast kann er den zänkischen Berufsgenossenschaften dankbar sein: So war auch seine Frau Kerstin reif für's Auswandern. Zurück auf Anfang am Polarkreis.

Drei Monate später in Gasa, Lappland. Das neue Zuhause ist bezogen, fast alle Kisten ausgepackt. Auch vorher wurden auf dem Grundstück Schlittenhunde gehalten, eine Weltmeisterin wohnte hier. Auch sie eine Deutsche. Deshalb mußten die Gehe-ge nicht neu gebaut, sondern nur erweitert werden. In der Scheune sind Traktor, Schneepflug, Hundeschlitten und Kanus verstaut. Der See vor der Haustür ist zuge-froren. Im Sommer kann man von hier aus über Flüsse und andere Seen bis hin zur Ostsee paddeln. Die liegt hier im Süden, nicht - wie im alten Zuhause in Vorpommern - im Norden.

"Das ist schon ein nettes Fleckchen Erde. Auch ein paar schöne Inseln sind drin. Und rückwärts vom See, da kommen wir ins Fjäll. Der Fluss, der den See speist, kommt aus den Bergen. Es ist zu allen Jahreszeiten schön. Aber wenn wir mit Leuten über Lappland reden, dann hast du immer zwei Argumente, die man hört: Dunkel und kalt. Und beides stimmt natürlich nicht. Im Dezember oder November in Deutschland mit drei Grad, Nieselregen und Matschepampe ist es deutlich dunkler als in Lappland." (lacht) "Da haben wir auch keine Sorgen mit Depression oder so."

Zeit für dunkle Gedanken dürften die beiden Neu-Lappländer auch in der dunklen Jahreszeit kaum haben. Die Hunde, die aufs Futter warten und aufs Training, das kilometerweite Pistenziehen mit dem Schneemobil, damit man überhaupt die Schlitten anspannen kann. Skitouren auf den Hundetrails. Einen Stall bauen für die Pferde, die im Frühjahr kommen. Weil der Stall noch nicht da war und Heu in Lappland knapp, verbringen die Kerstins Isländer diesen Winter noch auf einem Rügener Reiterhof.

"Ich habe auch schon viermal die Wintersonnenwende mitgemacht im Dezember, die dunkelste Zeit. Ich habe noch nie so spannendes Licht gesehen wie im Dezember oder Januar. Phantastisch. Da ist nichts mit dunkel oder gruslig. Nach dem 21. Dezember kriegen wir dann pro Tag so zwölf Minuten mehr Licht und im Februar haben wir schon um 4.30 Uhr Sonnenaufgang. Das steigert sich dann bis Mai, Juni, dann wird es überhaupt nicht mehr dunkel. Gewöhnungsbedürftig, aber interessant. Da haben die Schweden einen ganz eigenen Rhythmus. Die schlafen einfach im Winter ein bisschen mehr und im Sommer kann es dir schon mal passieren, dass der Nachbar früh um halb drei kommt und sich ´ne Kettensäge borgt." (lacht) "Ist so!"

Nächstes Ziel: das 500 Kilometer lange Finnmark-Rennen

Andreas Barth macht mit zwei Eimern seine Runde. Röde, Batida und die anderen bekommen je eine große Kelle Futter in ihre Schüsseln. In weniger als einer Minute haben sie alles vertilgt. Der Hundetrainer stellt die leeren Eimer ab und macht einen Ausflug in die Geschichte des Schlittenhundesports

"Ist geschichtlich entstanden irgendwann mal in Alaska und Sibirien. Also in Gegenden, wo man wenig Straßen hatte, und da sind Huskys benutzt worden zum Transport von allen möglichen Sachen. Und mit zunehmender Industrialisierung ist dieser Hintergrund natürlich verschwunden, in Alaska und Sibirien werden solche Strecke geflogen. Da braucht man weniger Hunde, und die Tendenz hin zur Freizeitbeschäftigung mit Hund oder zur Teilnahme an Rennen oder Wettbewerben mit Hund hat dann zugenommen. Aber der Hund an sich ist derselbe. Und der Ursprung für Rennen lag in der Goldgräberzeit. Und der Yukon-Quest und Idiatarod sind ja Rennen, die auf historischen Goldgräberrouten stattfinden. Bzw. Idiatarod auf der Geschichte des Serums zur Goldgräberzeit, wo in Nome Diphtherie ausgebrochen war, zu wenig Medikamente da waren und über diese Strecke von über 1000 Meilen mit einer Hundeschlittenstaffel die Medikamente nach Nome gebracht wurden. Das ist der geschichtliche Hintergrund für diese 1000-Meilen-Rennen."

An diesen Rennen in den USA und Kanada hat Andreas Barth noch nicht teilgenommen. Der 300 Kilometer lange Alpentrail in der Schweiz und die Weltmeisterschaften in Norwegen und Schweden waren - seit seiner Zeit als Marathonläufer - bisher seine größten sportlichen Herausforderungen. Sein nächstes Ziel: das 500 Kilometer lange Finnmark-Rennen am Polarkreis in Norwegen und die Weltmeisterschaft 2016 in Schweden.

"Die Hunde sorgen dafür, dass ich mich auch wieder ein bisschen mehr bewege. Du mußt dann schon fit sein. Wenn dann der, der hinten auf dem Schlitten steht, das schwächste Glied in der Kette ist, ist das nicht so prickelnd. Wenn sich dein Leithund umdreht und dich vorwurfsvoll anguckt, dass du hinten am Berg ein bisschen mehr machen könntest...." (lacht) "... dann sollte man das ernst nehmen!"

Ein Musher - so heißt ein Schlittenhundefahrer - sitzt nicht gemütlich im Schlitten, sondern steht darin. Allein das über hundert Kilometer in hochalpinem Gelände durchzustehen, ist schon eine Leistung. Und bei großen Steigungen steigt ein Musher ab oder schiebt mit seinem Fuß - wie beim Rollerfahren - den Schlitten immer wieder mit an. Mit Ausdauerlauf im Sommer und Skianglauf im Winter hält sich Andreas Barth fit. Natürlich - wie es sich für einen ehemaligen Trainer gehört - geht das Training exakt nach Plan. Für Mensch und Hund. Wenn Andreas "wir" sagt, meint er sich und seine Huskys - das Team eben.

"Als wir vor ein paar Jahren angefangen haben, das relativ professionell zu machen im Wettkampfbereich, da haben wir von der Trainingsstruktur, vom Saisonaufbau und viele Trainingselemente - da habe ich komplett Elemente aus dem Training mit dem Sportler auf die Hunde übertragen, Und deswegen waren wir auch relativ schnell im Spitzenbereich bei der EM oder WM vorne mit drin. Da haben die Leute schon ein bisschen geguckt: Wo kommt der denn her? Funktioniert, klar. Es sind ähnliche Stoffwechselvorgänge, ähnliches Herz-Kreislaufsystem. Es gibt natürlich ein paar Unterschiede. Ein Sportler kann dir sagen: Heute bin ich platt. Das kann ein Hund dir nicht sagen. Da mußt du einen Hund lesen können. Anuk!" (pfeift)

Eine kurze Ermahnung für einen Unruhestifter. Ein Kraulen für den Schmusebedürftigen. Viel Lob. Ohne Leckerli. Genaues Beobachten: Wer taugt für welche Position im Team? Wer kann mit wem? Und: Wie viel schafft er, wo ist Schluss?

"Es gibt ja von Tierschutzseite immer wieder Vorwürfe, gerade gegen Schlittenhundeleute. Wo Tierschützer meinen, die Hunde werden angetrieben. Nicht ein einziger Schlittenhund auf diesem Planeten würde sich auch nur einen Moment von einem Musher, also dem, der hinten drauf steht, treiben lassen. Null. Wenn der Hund meint, es ist genug, das ist es genug. Dann kriegst du den Hund auch nicht bewegt, weiter zu gehen. Die rennen aus Spaß. die rennen aus Freude. Born to run. Und wenn man den Hunden am Start oder unterwegs einmal nur in die Augen guckt, dann siehst du, wieviel Spaß die am Rennen haben. Und wenn die keinen Spaß haben, dann hast du im Training was falsch gemacht oder sie sind nicht genügend vorbereitet für so ein Rennen. Aber selbst dann ist die Gefahr einer Überlastung eigentlich nicht gegeben, weil du diesen Hund nicht bewegt kriegst, weiter zu laufen, wenn er keinen Bock mehr hat oder wenn er müde ist. Die legen sich hin und dann ist gut. Dann kannst du da rumtanzen oder Sachen veranstalten - passiert nichts."

Sind die Häufchen gefroren, geht die Reinigung schnell

Verantwortungsvoll an den Start zu gehen, das heißt für einen Schlittenhundefahrer auch, nur an solchen Rennen teilzunehmen, für die er genügend trainieren konnte. Da war der winterliche Matsch in Vorpommern, der weiche und schwere Boden dort beim Training mit dem Wagen zwar gut, um Kondition aufzubauen - aber den Schnee ersetzen konnte das nicht. Auch das war ein Grund, endgültig gen Norden zu ziehen.

Nach dem Füttern müssen die Gehege gereinigt werden. Sind die Häufchen wie jetzt gefroren, geht das schnell. Andreas schaut zum Himmel: Es ist bedeckt. Das ist schon mal gut, wartet er doch seit Tagen auf Schnee. Ein später Winter nach einem heißen Sommer - am Polarkreis in Lappland wurden in diesem Sommer bis zu 30 Grad gemessen. Zur Zeit liegt nur wenig Schnee, darunter ist Eis. Ein schlechter Untergrund für den Schlitten. Und keiner für den Schlittenhunde-Wagen mit den dünnen Reifen. Bleibt nur, den Quad mit den breiten Reifen anzuspannen. Um ihn leichter zu machen, hat Andreas den Motor ausgebaut.

Er holt acht Hundegeschirre. Eine junge Frau hilft ihm beim Anspannen: Jette König. Gemeinsam mit ihrem Freund reist sie nach dem Abitur durch Schweden und hilft gegen Kost und Logis auf Schlittenhundehöfen aus. Und das als "Katzenmensch", wie sie sagt. Umso mehr lernte sie hier über Hunde.

"Erstmal, dass man selbstbewusst auf sie zugehen soll. Dass man keine Angst vor ihnen haben soll. Wenn jemand jetzt nicht so den besten Draht dazu hat und es springen auf einmal sechs wilde Hunde auf einen zu und wollen einen alle irgendwo anspringen und ablutschen - aber ich hatte überhaupt keine Angst vor denen. Sind schon ein bisschen größer, sind halt die Huskys!"

"Einmal beides übern Kopf, dann die beiden Pfötchen dann da durch. Dann Gucken, ob das Halsband da drüber liegt. So. Schon fertig..."

Acht Hunde werden vor den Quad gespannt, in Paaren hintereinander. Zügel wie bei einer Pferdekutsche gibt es nicht. Die Hunde müssen allein auf die Stimme reagieren. Da heißt es nicht rechts und links, sondern die Hunde hören auf internationale Kunstwörter, die sich ganz gegensätzlich anhören.

Ho und Dschi. Wenn du jetzt z.B. rechts und links sagst im Schneesturm, dann muss der Hund das nicht unbedingt verstehen. Die sind ja ein paar Meter weg von dir. Und Ho und Dschi sind Kommandos, da kannst du einen Hund von Norwegen nach Kanada bringen und der versteht das. Da können die in einem Team laufen und der versteht das. Wenn jeder in seiner Landessprache sprechen würde, wäre es schwierig.

"Man hat ja wirklich nur seine Stimme und seine Kommandos. Mehr hat man nicht. Und es ist eigentlich so ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Hund, das ist bemerkenswert. Die Leithunde fangen dann an, in die Richtung zu rennen, und die anderen folgen. Und dann musst du gucken, dass du hinten nicht gerade mit deinem Schlitten gegen einen Baum knallst. Und dann musst du lenken wie beim Skifahren. Beim ersten Mal dachte ich: Oh Gott, wir fahren bestimmt gegen einen Baum oder so." (lacht) "Ich hoffe mal, das passiert nicht!"

Der Lautstärkepegel hat inzwischen seinen Höhepunkt erreicht. Es bellen nicht nur die acht Huskys, die angespannt sind und die nur noch ein starker Karabiner zurückhält, sofort loszurennen. Es bellt vor Aufregung gleich die gesamte Meute mit, die zuhause bleiben muss. Dann der erlösende Moment - der Karabiner wird gelöst und Andreas ruft: Okay - das Zeichen zum Start.

Ruhe und Konzentration im Gespann

Von nun an ist nur noch das Geräusch der Reifen auf dem Schnee zu hören und noch eine Weile das Bellen jener Hunde, die heute nicht mit durften. Im Gespann selbst: Ruhe und Konzentration. Acht Hunde ziehen einen Quad mit zwei Menschen darauf. Auch wenn bei Ansteigen einer der Mitfahrer abspringt, ist das Krafttraining pur.

"So ist fein, okay. Okay."

Immer wieder ein Lob. Es geht durch den Wald, der hier fast ausschließlich aus Taigafichten und Birken besteht. Dann eine Lichtung. Der Blick auf den vereisten See und die Berglandschaft dahinter. Fjäll heißen hier die Berge. Im tiefen Winter werden die Spuren für die Hundeschlitten mit Schneemobilen bis ins Fjäll gezogen. Dann brechen Kerstin und Andreas mit ihren Gästen nicht nur zu Tagestouren auf, sondern bleiben fünf Tage in den Bergen und übernachten in Zelten. Nach etwa zwei Tagen kann auch ein Anfänger ein Hundegespann lenken. Natürlich nur, weil die Huskys das vorher hunderte Mal trainiert haben. Und weil sie dabei nicht nur die Kommandos und die Ausdauer, sondern auch das Vertrauen in den Menschen gelernt haben.

"Für mich sind es die größten Athleten auf diesem Planeten. Was diese Hunde leisten, ist unglaublich. Und wenn du ein bisschen tiefer im Leistungssport drinsteckst wie wir durch unsere Vergangenheit, und du Sachen einschätzen kannst, dann stehst du nur immer staunend daneben, was diese Hunde reißen. Was sie leisten und wie lange sie laufen können. Das ist schon irre."

An diesem Tag sind es nur acht Kilometer. Zu vereist waren die Wege. Wieder zurück auf dem Hof in Gasa, schaut sich Andreas jede Hundepfote genau an. Die Wassernäpfe bleiben fast unberührt.

"Diese Hunde ziehen bis zum Neunfachen ihres Körpergewichts. Verballern an einem Renntag zwischen zehn- und zwölftausend Kilokalorien, die da mal durch so einen kleinen Hund durchgehen an Energie. Das sind schon Leistungen, das ist Wahnsinn. Und unabhängig von Witterungsbedingungen, ob wir Minus 30 haben und Schneesturm oder Minus 40 und Schneesturm: Die Hunde arbeiten. Und die machen das teilweise auch für den Menschen, der da hinten drauf steht. Das sind schon Athleten - bisschen von einem anderen Stern eigentlich."

Mehr zum Thema:

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