Schwarz und jüdisch

    Das äthiopische Judentum und das Heilige Land

    12:26 Minuten
    Die Schwarzweißfotografie zeigt eine schwarze Familie. Zu sehen sind Mutter, Vater (mit weißer Kopfbedeckung) und drei Söhne.
    David Avate (untere Reihe, Mitte) mit seiner Familie 1990 in Berlin: Die Familie kam erst 1991 im Rahmen der "Operation Salomon" nach Israel. © privat
    Von Igal Avidan · 26.02.2021
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    Für die "Beta Israel", jüdische Menschen aus Äthiopien, ist die Einwanderung nach Israel nicht selbstverständlich. Teils wurden sie in geheimen Missionen nach Israel ausgeflogen. Dort werden sie bis heute nur selten wahr- und ernst genommen. Manche wandern wieder aus.
    Das letzte jüdische Lichterfest Chanukka feierte der Israeli David Dresli Avate im vergangenen Dezember auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Der Vize-Generaldirektor des Integrationsministeriums nahm an einer staatlichen Zeremonie zu Ehren von 316 Neueinwanderern aus Äthiopien teil.
    David Dresli Avate hatte dabei ein Dé·jà-vu:
    "Als Kind war ich 1991 am gleichen Ort und in der gleichen Situation. Nun konnte ich den Kreis schließen. Die Operation gelang nur dank der hartnäckigen Arbeit der Ministerin, Pnina Tamano-Shete, die selbst als Dreijährige aus Äthiopien kam. Ich bekam Gänsehaut, als ich sah, wie die Einwanderer die Treppen der Maschine herunterkamen und den Boden küssten. Denn dass erinnerte mich daran, dass auch mein Vater auf der gleichen Rollbahn den Boden geküsst hatte."

    Der Flügel eines Engels

    Kurz nach der Staatsgründung besuchten Emissäre der Jewish Agency die äthiopischen Juden und nahmen 13 Jugendliche mit nach Israel. Sie wurden dort als Hebräisch- und Judaistiklehrer für ihre Gemeinden in Äthiopien ausgebildet.
    Der jüdisch-amerikanische Pädagoge und Aktivist Graenum Berger traf sie bei einer Israelreise 1955. Diese Begegnung motivierte ihn, Juden in Äthiopien zu besuchen.
    1989 wurde er in einem Interview gefragt, warum sich der junge Staat Israel für die Rettung der äthiopischen Juden nicht interessierte:
    "Das lag wohl daran, dass sie arm waren, ungebildet, unqualifiziert und vielleicht, weil sie schwarz waren. Israel suchte damals nach technologisch kompetenten und einigermaßen autarken Menschen, die Geld ins Land bringen und die man nicht ausbilden müsste.
    1965 besuchte ich zum ersten Mal die Juden in Äthiopien, vor allem in den Dörfern. 30 ihrer Gemeindepriester kamen in die Synagoge – jeder trug einen Gebetschal, sie waren jedoch barfuß. Sie gaben mir einen Brief, den sie an den Staatspräsidenten Israels adressierten. Sie baten darum, dass sie - wie ihre Brüder im Jemen nur wenige Jahre zuvor - auf die Flügel eines Engels nach Israel gehoben werden, seit Jahrtausenden das Land ihrer Gebete. Ich übergab den Brief später, bin aber sicher, dass daraufhin nichts unternommen wurde".

    US-Abgeordnete übten Druck aus

    1969 gründete Graenum Berger die American Association for Ethiopian Jews (AAEJ) und setzte sich jahrelang für die äthiopischen Juden ein. Auch nachdem 1973 der sephardische Oberrabbiners Ovadia Josef diese als Juden anerkannte, war Israel nicht an ihrer Einwanderung interessiert. Die American Association for Ethiopian Jews konnte das Leiden der äthiopischen Juden in die amerikanischen Fernsehsender bringen und somit die Unterstützung von Kongress-Abgeordneten gewinnen, die Israel unter Druck setzten.
    Ab 1977 begann die konservative Regierung unter Menachem Begin, heimlich äthiopische Juden ins Land zu holen. Weitere Rettungsaktionen des Geheimdienstes Mossad kulminierten 1984 in der "Operation Moses": Binnen sechs Wochen wurden bei mehreren Nacht- und Nebel-Aktionen heimlich 6700 äthiopische Juden nach Israel gebracht. David Avates Familie gehörte nicht dazu.
    Wegen Unklarheiten zu den äthiopischen Stammbäumen forderte Oberrabbiner Ovadia Josef zugleich symbolische Übertritte zum Judentum der äthiopischen Geschwister: Sie sollten in das jüdische Ritualbad, die Mikwe, tauchen und die Männer eine symbolische Beschneidung durchführen. Denn beschnitten waren sie ja schon.
    David Dresli Avate: "Meine Familie lebte in einem rein jüdischen Dorf und die Männer bei uns waren seit zehn Generationen die religiösen Anführer der Gemeinde. Als Gesandte der Jewish Agency meinen Urgroßvater baten, seine Gemeinde zu überreden, sie sollten die beiden Rituale des Übertritts akzeptieren, weigerte er sich. Er wollte nur als anerkannter Jude auswandern und deswegen blieb die ganze Gemeinde weiterhin in Äthiopien."
    David Avate, ein schwarzer junger Mann mit kahlem Kopf und Brille, der freundlich guckt. Er hat ein hellblaues Hemd an.
    David Avate: "2500 Jahre bewahrten diese Juden ihre jüdische Identität, aber als sie in ihre Heimat zurückkehrten, sagte man ihnen, sie seien nicht jüdisch genug."© privat
    Die Familie Avate kam erst 1991 im Rahmen der "Operation Salomon" nach Israel. 14.000 Juden wurden binnen 36 Stunden vor dem bevorstehenden Bürgerkrieg in Äthiopien gerettet und aus dem besetzten Addis Abeba ausgeflogen.
    "Die Forderung nach einer Konversion löste eine der größten Krisen in der Gemeinde aus und beeinflusste deren Beziehung zur israelischen Gesellschaft und zum religiösen Establishment. 2500 Jahre bewahrten diese Juden ihre jüdische Identität, aber als sie in ihre Heimat zurückkehrten, sagte man ihnen, sie seien nicht jüdisch genug. Zum Glück musste meine Familie diese Prozedur nicht durchmachen. Denn wir konnten gleich beweisen, dass unsere Familie jüdisch ist. Zudem kamen wir mit der zweiten Einwanderungswelle, bei der man nach langen Protesten auf diese Forderung verzichtet hatte."

    In Israel geboren, doch oft nicht willkommen

    Mit der gleichen Rettungsaktion kam auch Shmuel Chekols Familie nach Israel. Ein Jahr später wurde er in Israel geboren. Der 28-Jährige wuchs nach der Scheidung seiner Eltern bei seiner Mutter und mit sechs von insgesamt acht Geschwistern in einem überwiegend von Äthiopiern bewohnten Stadtteil der Stadt Rehovot auf. Mittlerweile lebt er in Berlin.
    "Dort litten wir unter ständigen Polizeikontrollen. Die Polizisten patrollierten, verlangten immer nach einem Personalausweis und fragten mich und meine Freunde, wohin wir gehen, woher wir kommen und ob wir eine polizeiliche Akte hätten. Ein weißer Israeli hätte sich durch die Polizeipräsenz sicherer fühlen. Wenn ich einen Polizeiwagen sah, befürchtete ich immer einen Verhör.
    Denn die Polizisten – manche in Zivil – waren grob und versuchten zu provozieren, damit wir falsch reagierten und sie uns verhaften konnten. Sie sagten zwar immer, es ginge um eine Routinekontrolle. Aber mich machte das mich wütend, denn ihr Verhalten war für mich erniedrigend und abstoßend. Jedes Mal, wenn hier in Berlin ein Streifenwagen an mir vorbeifährt, dann bin ich immer wieder erstaunt, dass das für mich keine Folgen hat. Weder schauen mich die Polizisten an noch wollen sie etwas von mir. Sie fahren einfach weiter."
    Erniedrigende Erfahrungen mit Polizisten blieben auch David Avate nicht erspart:
    "Unmittelbar nach meinem Militärdienst hielten sie mich im Auto an. Der Wagen, den mein Vater gekauft hatte, war neu und daher dachten sie, dass ich ihn geklaut hätte. Eine solche Polizeikontrolle wäre einem gewöhnlichen Menschen erspart geblieben. Sie ließen mich erst gehen, als ich meinen Ausweis als Reserveoffizier vorgezeigt hatte."
    Shmuel Chekol im Februar 2021 in Berlin: Ein junger schwarzer Mann mit Wintermütze in einer verschneiten Straße
    Shmuel Chekol im Februar 2021 in Berlin: Der 28-Jährige wuchs in einem überwiegend von Äthiopiern bewohnten Stadtteil im israelischen Rehovot auf und litt dort unter den ständigen Polizeikontrollen.© Deutschlandradio / Igal Avidan
    Wie die meisten äthiopischen Juden praktiziert David Avate seinen Glauben nach sephardischem Ritus. Dennoch absolvierte er eine aschkenasische Religionsschule. Er hat sie ausgesucht, weil sie zu den besten Schulen landesweit zählte. Außerdem heiratete Avate eine aschkenasische Jüdin – eine große Ausnahme. Nach aktuellen Zahlen des israelischen Amts für Statistik heiraten 92 Prozent der israelischen Männer mit äthiopischem Hintergrund innerhalb der eigenen Gemeinschaft.
    2015 wurde ein Überfall eines Soldaten äthiopischer Herkunft durch einen Polizisten per Video dokumentiert. Dies führte zu zahlreichen Demonstrationen im ganzen Land. Den jüdischen Regisseur Raphael Bondy aus Zürich veranlassten die Proteste, den Dokumentarfilm "No Promised Land" über die Diskriminierung der äthiopischen Juden in Israel zu drehen.
    David Avate: "Bei der Demonstration fiel mir auf, dass fast alle Teilnehmer aus Äthiopien stammten. Ich begriff, dass wir allein gegen ein Problem kämpfen, das die ganze Gesellschaft betrifft und dass wir nur gemeinsam mit anderen Israelis eine Veränderung herbeiführen könnten.
    Nicht nur die Geheimdienstler und Soldaten, die die äthiopischen Juden retteten, waren die Helden dieser Geschichte, sondern die Geretteten selbst, die den Weg nach Israel suchten.
    Ich lud daraufhin Nachbarn und Bekannte zu uns nach Hause ein, um meine Einwanderungsgeschichte und die der äthiopischen Juden aus unserer Sicht zu erzählen."

    In Berlin israelischer als in Israel

    Die dreistündige Veranstaltung unter dem Motto "Eine Geschichte unterwegs" war so erfolgreich, dass inzwischen rund 500 äthiopische Zuwanderer ihre Geschichte vor rund 130.000 Israelis präsentierten.
    2017 kam Shmuel Chekol nach Berlin. Hier kann er in zwei Welten leben. Stolz ist er auf sein Engagement innerhalb der schwarzen Community in Berlin und bei den "Black Lifes Matter"-Demonstrationen.
    "Hier fühlte ich mich auffällig, weil ich ein Schwarzer aus Israel bin. Als sie mich danach fragten, erzählte ich über die äthiopische Gemeinde und wie wir nach Israel kamen. Zugleich fühle ich mich hier viel israelischer als in Israel.
    An Freitagabenden ging ich anfangs zur Chabad-Bewegung oder zu 'Zusammen', einer Organisation für Israelis in Berlin. Dort fühlte ich mich super unter warmherzigen Menschen, die Ivrit sprechen. Dennoch hörte ich auch Bemerkungen wie: Wo kommen wir denn hin, wenn jetzt sogar Äthiopier nach Berlin einwandern?"
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