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Studio 9 | Beitrag vom 05.04.2016

Schutzengelhaus in BerlinEine Insel im Großstadtmeer

Von Susanne Nessler

Kinderhände (picture alliance / dpa  / Fredrik von Erichsen)
Viele Kinder im Schutzengelhaus haben Migrationshintergrund oder kommen aus Familien mit wenig Geld. (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Auch in Berlin-Steglitz, einem eher bürgerlichen Stadtteil, gibt es viele Kinder, um die sich die Eltern eher schlecht als recht kümmern. Im "Schutzengelhaus" können sie spielen, Hausaufgaben machen - vor allem ihr Selbstvertrauen stärken.

Ebenerdig, direkt an einer Straßenecke liegt das Schutzengelhaus in Berlin-Steglitz. Eine breite Glasfront lässt viel Licht in die 400 Quadratmeter großen Geschäftsräume. Die Wände sind bunt bemalt -  grün, orange, gelb und 30 Kinder toben auf der Fläche.

Mädchen: "Wir kommen hier her, erst essen wir, dann machen wir Hausaufgaben."
Junge: "Und wir können auch in den Keller und über private Sachen reden. Hier ist es cool, ich finde es sehr cool."

Ein Haus voller Spiel- und Kontaktmöglichkeiten

Viele der Kinder haben Migrationshintergrund oder kommen aus Familien mit wenig Geld. Nach der Schule gehen sie ins Schutzengelhaus, weil zuhause niemand ist, weil sie hier viele Spiel- und Kontaktmöglichkeiten haben, und ... 
 
Junge: "Wir müssen nichts zahlen."

Das Schutzengelhaus liegt in einem gut-bürgerlichen Stadtteil. Steglitz ist kein Brennpunkt und trotzdem, auch hier leben Kinder, um die sich niemand kümmert, mit denen nachmittags keiner spielt, bastelt oder Hausaufgaben macht.

Aydiner: "Das ist auch unter anderem unser Ziel, dass das familiäre, was zuhause nicht so ist, weil jeder allein vorm Fernseher sitzt und isst oder so, dass das hier wieder so ein bisschen Tradition bekommt. Dass die Kinder merken, gesellig sein, zusammen sein, kann auch ganz schön sein.

Murat Aydiner ist der Chef hier, alle sagen Murat zu ihm, er ist für die Kinder Ansprechpartner und Respektsperson. Ein Onkeltyp, Mitte 30, der Ruhe ausstrahlt. Die Kinder finden bei ihm immer ein offenes Ohr.

"Mehr als die Hälfte der Kinder hat kein Selbstvertrauen"

Mindestens der Hälfte der Kinder hier fehle Selbstvertrauen, sagt Murat. Häufig müssten sie erst einmal lernen, miteinander zu reden.

"Entweder hängen sie zu Hause  vor der Spielkonsole oder am Bahnhof. … und wenn wir es schaffen, sie auf eine gute Bahn zu lenken, dann werden sie auch nicht mit 14 oder 15 am Bahnhof enden."

Jeden Tag wird im Schutzengelhaus gekocht, bis in den späten Nachmittag gibt es warmes Essen.  Gemüse, Obst, Wasser und Tee. Eine gesunde Ernährung gehört hier ebenso zum Programm wie klare Regeln, sagt Murats Kollegin Bianca Sommerfeld.

"Das haben wir schon bei einigen Kindern gemerkt, dass man das Thema gesunde Ernährung sehr vorsichtig angehen muss."

Bianca lacht, sie winkt einer älteren Frau zu, die von draußen in den großen Raum gekommen ist. Maria, die Hausaufgaben-Hilfe. Jeden Nachmittag setzt sie sich ein wenig abseits des großen Trubels an einen Tisch im hinteren Teil des großen Raumes.

Vier Ranzen stehen dort schon, die Mathe-, Deutsch- und Englisch-Hefte sind aufgeklappt.

"Geschichte habe ich schon gemacht, und einmal hier Mathe, da müssen wir einen Roboter malen mit 90 Grad Winkeln",

sagt Alina, die Neunjährige kommt gerade aus der Spielecke am anderen Ende des Raumes und setzt sich an den Hausaufgaben-Tisch.  Maria soll ihr helfen. Auch Melissa braucht Unterstützung. In Deutsch muss sie einen Brief mit mindestens 150 Wörtern verfassen. Maria zählt mit. 

Die Eltern geben Verantwortung ab - und sind dankbar

Maria: "Ich gebe mein Bestes … soweit ich auch helfen kann, das macht mir auch Freude und besonders, wenn die Kinder sagen, dass sie gute Ergebnisse bekommen haben, das freut mich sehr."

Maria kommt aus Russland, hat dort viele Jahre als Lehrerin gearbeitet. Für die Kindern im Schutzengelhaus  ist sie die einzige Person, die sich wirklich mit Zeit und Ruhe um die Aufgaben kümmert. Die Eltern sind dazu oft nicht in der Lage oder sie haben einfach keine Zeit und sind dankbar, dass sie diese Verantwortung abgeben können.

Bianca: "Es war wirklich auch so, dass Eltern hier angerufen haben und gesagt haben, bittet achtet drauf, dass die hier ihre Hausaufgaben machen. Weil manchmal erzählen die uns, wir haben keine auf. Und deswegen ist der Tisch auch voll, das ist ganz wichtige Hilfe. Noten verbessern sich sichtbar durch Marias Hilfe, was will man mehr."

Der Verein Schutzengel erfüllt Aufgaben, die eigentlich Eltern oder das Jugendamt übernehmen müssten. Finanziert wird die Hilfe mit Spenden von Unternehmen und Bewohner aus dem Bezirk. 

"Privat wären die nie zum Zumba-Kurs gegangen."

"Das sind …... Adessua, Melissa, …. Joel und Atlan."

Atman und sein Kumpel Ramon, beide elf Jahre alt, sitzen in der Spielerunde am großen Tisch und sind bei dem Ratespiel Feuer und Flamme. Atman ist Kurde , Ramon kommt aus Südafrika.

Am liebsten kommen die beiden Jungs am Dienstag, da ist Schwimmtag. Auch dafür haben die Eltern immer seltener Zeit. Mittwochs spielen die Kinder Fußball im Schutzengelhaus, montags ist Chor und donnerstags wird Zumba angeboten.

Bianca: "Und da haben auch manche schon beim Zumba, Kinder, die ein bisschen übergewichtig sind, die aber Mut gekriegt haben, sich in der Gruppe etwas zu verstecken, und dann mitgetanzt haben und sich dann als totales Talent entpuppt haben. Das wäre so in der Schule nie aufgefallen und privat wären die nie zum Zumba-Kurs gegangen."

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