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Zeitfragen | Beitrag vom 02.09.2019

SchulsozialarbeitEin Schlüssel zu mehr Chancengleichheit

Von Philip Banse

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Eine Sozialarbeiterin diskutiert mit Schülerinnen, die auf einem Sofa sitzen. (imago images / Busse)
Eine Sozialarbeiterin diskutiert mit Schülerinnen: Mehr Geld für Schulsozialarbeit fordert die Schulleiterin der Kurt-Schwitters-Schule in Berlin. (imago images / Busse)

Das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes wurde nun nachgebessert: An der Berliner Kurt-Schwitters-Schule hält man davon nicht viel. Dort gilt Schulsozialarbeit als die bessere Investition in die Zukunft benachteiligter Schülerinnen und Schüler.

"Insgesamt ist das Problem der Förderung von benachteiligten Kindern riesengroß", sagt Katrin Kundel, "denn das geht durch alle sozialen Schichten."

Katrin Kundel ist Leiterin der Kurt-Schwitters-Schule in Berlin: 7. bis 13. Klasse, Ganztag, sehr beliebt. Die Kurt-Schwitters-Schule ist keine Brennpunkt-Schule und doch habe die Hälfte der Schüler Probleme, sagt sie:

"Das sind massiv zunehmend psychische Probleme. Das sind aber auch einfach Schicksalsschläge, die Kinder ja auch ereilen, sowas wie Tod oder Verlust von Freunden oder Wegziehen. Das sind im Prinzip die Altersprobleme von Jugendlichen, die aber nicht jeder Jugendliche mal so locker bewältigen kann."

Diese Probleme zeigen sich in der Schule auf viele Arten: "Das beginnt mit Schulversäumnissen, das beginnt durchaus auch mit extrem schlechten Leistungen oder einer Unterrichtsverweigerung, mit denen Schüler anzeigen, dass sie ein Problem haben. Wenn einer den Unterricht permanent und pausenlos stört, dann tut er das in der Regel, weil er irgendein anderes Problem hat."

Diese Probleme hätten auch Kinder aus wohlhabenden Familien, sagt Schulleiterin Kundel.

Einkommen und Bildungsgrad der Eltern bestimmen Chancen

Aber je weniger die Eltern verdienen, je geringer ihr formaler Bildungsgrad, desto schlechter die Aussicht der Kinder, dass sie ihre Probleme lösen können und einen guten Start ins Leben bekommen, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung:

"Das Einkommen und der Bildungsgrad ihrer Eltern, das bestimmt über die Hälfte ihres Lebenseinkommens. Also wie viel Erfolg sie im Berufsleben nachher haben, hängt ganz entscheidend von diesen zwei Dingen ab. Das ist eigentlich für eine soziale Marktwirtschaft, für jede Demokratie eine katastrophale Aussage, dass sie eben nicht die gleichen Chancen haben, sondern dass das davon abhängt, in welche Familie sie geboren werden."

Um für mehr Chancengleichheit zu sorgen, hat die Bundesregierung vor einigen Jahren das Bildungs- und Teilhabepaket geschnürt, daraus werden Hilfen für sozial schwache Familien finanziert, für Klassenfahrten, gemeinsame Mittagessen, Sport, Nachhilfe und Schulbedarf wie Stifte und Hefte.

Bildungs- und Teilhabepaket wurde nachgebessert

Und zum 1. August dieses Jahres hat der Bund das Paket noch einmal nachgebessert: Statt 10 Euro für Freizeitaktivitäten gibt es jetzt 15 Euro pro Monat, statt 100 Euro pro Jahr für Schulmaterial kann es jetzt 150 Euro geben, Mittagessen in der Schule ist kostenlos. Nachhilfe kann früher beantragt werden. Immer noch müssen Anträge gestellt werden, immer noch ist die Bürokratie eine Hürde.

"Aber die Wege sind deutlich einfacher geworden, das muss ich wirklich sagen. Es ist viel leichter geworden, an das Geld ranzukommen, und es ist auch leichter geworden, die Kosten, die man hatte, darüber abzurechnen. Das ist schon ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung", sagt Maria Lingens von der Arbeiterwohlfahrt Berlin.

So kann zum Beispiel Nachhilfe jetzt viel früher und auch länger beantragt werden, um Schülern mit Problem zu helfen. Eigentlich eine gute Nachricht auch für die Kurt-Schwitters-Schule, deren Leiterin sagt: "Ich würde sagen, die Hälfte der Schüler, obwohl das hier eine übernachgefragte Schule ist, hat eigentlich besondere Zuwendungsbedarfe."

Die Hälfte der Schüler braucht Unterstützung

Selbst an einer der beliebtesten Schulen Berlins braucht über die Hälfte der Schüler und Schülerinnen Unterstützung. Dennoch hätten keine 5 Prozent der Schüler Nachhilfe beantragt.

"Ich setze nicht auf Nachhilfe", sagt Katrin Kundel. "Ich halte Nachhilfe nicht für die Methode, dass wir aus unseren Problemen rauskommen, dass wir in den Statistiken quasi immer im Bereich der sozial benachteiligten Kinder schlechte Lernergebnisse haben. Das wird das Problem nicht lösen."

Kundel hält den Ansatz des Teilhabepakets für völlig verkehrt. Gebt das ganze Geld lieber den Schulen, fordert sie. Für mehr Lehrer und Lehrerinnen, für mehr Räume, bessere Ausstattung - und Schulsozialarbeiter.

Die Schulsozialarbeiter sollen keine Lehrer sein, die Noten vergeben, sondern Ansprechpartner auf Augenhöhe, sagt Kurt Barabas, er ist Teamleiter der Schulsozialarbeiter an der Kurt-Schwitters-Schule: "Ich glaube, das Problem liegt darin, dass wir dieses Phänomen der schlechten Leistungen den Kindern und Jugendlichen zuschreiben. Wir machen aus einem gesellschaftlichen Problem, ein individuelles Problem."

Schulsozialarbeiter als Freunde und Ansprechpartner

Die Ursachen für schlechte Leistungen seien vielfältig: Stress zu Hause, arme Eltern, Stigmatisierung, aber auch hoher Leistungsdruck. 20-30 Prozent der Kinder an der Schule seien schon Mal bei einem Psychotherapeuten gewesen, viele von ihnen auch in stationärer Behandlung.

"Es sind längst nicht nur die Kinder, die unter besonders schwierigen familiären Verhältnissen leiden", erklärt Kurt Barabas. "Nein, es sind ganz normale Kinder, oftmals Mädchen, die gute Schülerinnen sind, mit Durchschnitt oft unter der 2,0, die dann an irgendeinem Punkt merken: Scheiße, ich funktioniere nicht mehr. Die Essstörungen entwickeln, die Depressionen entwickeln, die Suizid-Gedanken entwickeln. Ganz deutlich: 10 Prozent eines Jahrgangs in Klasse 10, das kann ich auch statistisch hier für unsere Schule nachweisen, haben massive psychische Problem. Die kommen an ihre Grenzen."

An der Kurt-Schwitters-Schule gibt es für jeden Jahrgang ein bis zwei Schulsozialarbeiter – fast eine ideale Quote.

"Das ist mein Büro, das steht den Schülern und Schülerinnen zu jederzeit offen, wenn ich hier bin." Im Büro von Kurt Barabas steht ein gemütliches Sofa. Die Schulsozialarbeiter sind für die Kinder jederzeit ansprechbar, sind eher ältere Freunde, als Autoritätsperson.

"Und dafür schaffen wir eben auch Räume", sagt Kurt Barabas, "dass wirklich klar ist: Was in diesem Raum besprochen wird, bleibt in diesem Raum. Und deswegen sollte der Raum auch ein bisschen angenehm sein, sonst würden die einem auch nichts erzählen."

Ein Beispiel: Ein Schüler wollte dem anderen die Haare abschneiden, nur zum Spaß, aber ein Konflikt, der eskalieren und den Schulalltag für das Kind mit den langen Haaren zur Hölle machen kann. Eine Schulsozialarbeiterin nahm sich viel Zeit für Gespräche, konnte vermitteln und den Konflikt entschärfen.

Anwälte für die Schüler auch gegenüber der Schule

Die Schulsozialarbeiter sind aber auch Anwälte der Schüler gegenüber der Schule, etwa, wenn ein Schüler aus einer psychiatrischen Klinik in die Schule zurückkommt und Lehrer so tun, als wäre nichts gewesen:

"Da muss man halt deutlich sagen", sagt Kurt Barabas, "Benotung aussetzen. Kommt er jetzt jeden Tag pünktlich? Nicht so wichtig. Sondern wichtig: Gesunden, hier wieder die Erfahrung machen, ich kann hier ankommen, hier ist ein Rahmen, wo ich keinen Druck kriege, sondern, wo ich erst gesunden kann - und dann wieder Schule machen kann."

Dieser Widerspruch ist von der Schulleiterin Katrin Kundel ausdrücklich gewünscht: "Für uns an der Schule ist das ganz existenziell und absolut wichtig und das von Anfang an. Denn Schulsozialarbeiter sind nicht Eltern, sie sind nicht Lehrer. Sie sind Personen, die in der Schule absolut und 100 Prozent auf die Kinder gucken können. Schulsozialarbeit gehört in jede Schule – ob sie jetzt ganztags ist oder nicht."

Schulsozialarbeiter seien die beste Investition, um allen Kindern möglichst gleiche Startchancen zu geben.

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