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Weltzeit | Beitrag vom 11.02.2020

Schulregeln in JapanProtest gegen schwarze Haare und geistige Enge

Von Kathrin Erdmann

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Schülerinnen in Japan. Mädchen gekleidet in Schuluniform überqueren einen Zebrastreifen. (picture alliance/dpa/The Canadian Press/empic/Keith Levit)
Schuluniform ist an Japans Schulen Pflicht und Individualität unerwünscht. (picture alliance/dpa/The Canadian Press/empic/Keith Levit)

Helle Haare sind verboten und Mädchen müssen weiße Schlüpfer tragen. Gegen diese Regeln in japanischen Schulen gibt es immer mehr Widerstand. Querdenker suchen schon lange andere Wege, nun drängt auch die Regierung auf Reformen.

Ein Junge in Anzug und Krawatte steht auf dem Schulhof und protestiert gegen die strengen Regeln – der Ausschnitt eines japanischen Films. Ein brisantes Thema, denn Japans Schulen bestehen aus jeder Menge Vorschriften, die es zu beachten gilt. Vor allem bei der Kleidung.

Besuch in Harajuku in Tokio. Das Viertel ist bekannt für seine Kawaii-Kitschkultur. Harajuku ist deshalb besonders beliebt bei jungen Leuten. Schulregeln kennen alle – eine 13-Jährige erzählt: "Sobald die Haare die Schulter berühren, müssen wir sie zusammenbinden. Dabei darf das Gummiband nicht über der Oberkante des Ohres festgemacht werden."

Unter dem Schulrock muss sie weiße Schlüpfer tragen. Das gilt übrigens nur für Mädchen. Strumpfhosen sind selbst im Winter verboten. Wer sich nicht an die Regeln – im Japanischen "kosuku" genannt – hält, muss mit einer Strafe rechnen, berichtet ein Junge: "Ich hatte mal einen Undercut, da musste ich mir den Kopf rasieren lassen. Ich hätte gerne blaue Haare." Bisher sind nur schwarze, glatte Haare erlaubt. Wer Locken hat, hilft besser mit dem Glätteisen nach.

Ryo Uchida ist Assistenzprofessor an der Universität von Nagoya. Wäre er noch Schüler, müsste er wohl dringend zum Friseur. Seine Haare sind fast schulterlang und wasserstoffblond gefärbt.

"Diese Schulregeln stammen ja aus den 80er-Jahren. Wir Experten dachten, dass sie nur kurze Zeit und nicht so lange gelten würden. Aber sie wurden immer strenger und sind total ungerecht."

Yoji Maruyama ist im japanischen Bildungsministerium für die Grund- und Mittelschulen zuständig, ein Mann mit einem runden Gesicht. Während er spricht, schaut er immer wieder auf seine Zettel. Darauf haben ihm seine Mitarbeiter in großer Schrift sämtliche Antworten auf die zuvor eingereichten Fragen geschrieben. Die Antwort auf die Frage nach Sinn und Zweck der Schulregeln erzählt viel über Japan: "In der Schule wird ein kollektives Leben geführt, und dafür sind gleiche Regeln für alle notwendig."

Das Kollektiv und die Gleichheit sind wichtiger als Individualismus. Manche Vorgaben, räumt er ein, findet er selbst völlig überholt.

"Zum Beispiel, dass Mädchen nur weiße Socken tragen und die auch nur eine bestimmte Länge haben dürfen. Das finde ich übertrieben. Es muss alles im Rahmen bleiben, aber das ist meine Privatmeinung."

Strengere Regeln als vor 30 Jahren

Doch es bleibt nichts im, sondern fällt immer mehr aus dem Rahmen, sagen Vertreter von zwei Nichtregierungsorganisationen, die vergangenes Jahr Unterschriften gegen die Black Kosuku, die schwarzen Regeln, wie sie auch genannt werden, gesammelt haben.

Chiki Ogiue: "Wir haben durch die Untersuchung festgestellt, dass die Schulregeln in den letzten 30 Jahren sogar noch strenger geworden sind."

Das gilt vor allem für die Kleidervorschriften, aber nicht nur. So gibt es auch Regeln, die vorsehen, wie viele Minuten vor Unterrichtsbeginn ein Kind im Klassenraum zu sein hat, dass auf dem Schulweg nichts getrunken und auf dem Flur nicht gerannt werden darf.

"Die Schulregeln verstoßen gegen die Menschenrechte der Kinder. Sie dienen nur dazu, dass die Schule im Bezirk einen guten Eindruck macht und Lehrer Kinder besser kontrollieren können."

Zwischen Dezember 2017 und August 2019 haben die NGOs mehr als 60.000 Unterschriften für die Abschaffung der Vorschriften gesammelt und diese Petition beim Bildungsministerium abgegeben. Auslöser war eine braunhaarige Schülerin in Osaka, die sich ihre Haare schwarz färben musste und das so diskriminierend fand, dass sie fortan die Schule verweigerte. Bisher legt jede Schule ihre eigenen Regeln fest. Und so soll es laut Bildungsministerium auch bleiben.

Erziehungswissenschaftler Ryo Uchida: "Einerseits wird die Kritik an den bestehenden Vorschriften immer lauter. Aber diese Kritik kommt nicht in der Schule an. Das könnte sich durch das Beispiel in Setagaya ändern, die ja die Regeln abgeschafft haben. Wenn man dort sieht, dass es auch so gut funktioniert, könnte das auf andere Schulen ausstrahlen. Das hoffe ich sehr."

Erfolgreicher Querkopf im japanischen Bildungssystem

Das Beispiel Setagaya. Gemeint ist die Sakuragaoka-Mittelschule im Westen Tokios. Takahiko Saigo hat als einziger Schulleiter aller rund 9500 Mittelschulen vor vier Jahren das Regelheft mit den 80 Vorschriften komplett begraben. Er hat dafür sechs Jahre gebraucht. Entspannt hat der Schuldirektor seinen Kopf auf die Hand gestützt, lacht laut mit zwei seiner Schülerinnen: "Früher war es hier so, dass die Schule Kinder verwaltete und da gab es Kinder, die dagegen Widerstand geleistet haben."

Als er kam, habe er eine Schule vorgefunden, in der es alle möglichen Regeln gab. Vorschriften, die nur die Kontrolle der Lehrer verbessern sollen und Schüler stressen – und damit, so Saigo, völliger Unsinn sind. "Es gab damals ein 20-seitiges Regelheft, in dem standen so Dinge wie: Die Strümpfe müssen weiß sein, Pullover müssen dunkelblau sein und fremde Klassenräume dürfen nicht betreten werden."

Als früherer Wissenschaftslehrer denke er vor allem logisch und Vorschriften wie diese seien alles andere als das, sagt Saigo mit leiser, fester Stimme. Im traditionsbewussten Japan, wo am besten immer alles so bleiben soll wie bisher, stieß sein Vorhaben auf ein zweigeteiltes Echo: Ältere Lehrkräfte lehnten es ab, junge waren begeistert.

"Alle, die mit meiner Philosophie nicht zurechtkamen, habe ich gebeten, sich versetzen zu lassen. Wir nehmen jetzt grundsätzlich nur Lehrer, die vorher noch nie woanders gearbeitet haben. Deshalb sind die Pädagogen bei uns auch ziemlich jung."

Und die Kinder offenbar deutlich entspannter, wie man an den beiden Mädchen Momoka und Chiharu sehen kann. Die 12-Jährigen, die fröhlich mit ihrem Direktor plaudern, waren zuvor auf einer der feinsten Privatschulen Tokios. Und kreuzunglücklich: "Wer über den Flur rannte, musste danach eine Art Entschuldigungsbrief abgeben. Wer nicht sauber genug geschrieben hatte, musste alles neu schreiben."

Kniestrümpfe waren nicht erlaubt bzw. mussten immer drei Mal gefaltet werden, erzählen sie kichernd. Chiharu, die kerzengerade am Tisch sitzt und die in ihren ganzen Gesten etwas Vornehmes hat, litt besonders an der Enge ihrer alten Schule.

"Ich hatte den Eindruck, dass ich vor lauter Lernen gar keine Zeit mehr für mich hatte und auch nicht besser wurde in der Schule. Meine Mutter hat gemerkt, dass ich immer stiller wurde und hat mich gefragt, was los ist. Sie wollte mich wieder lachen sehen, und deshalb bin ich hierhergekommen."

Wir sind jetzt viel fröhlicher und positiver, weil wir so sein können wie wir sind: "Ich denke, ich werde mich immer an diese drei Jahre erinnern, die mir so einen riesigen Spaß gemacht haben und in denen ich so viel gelernt habe."

Powernap und Flextime statt Regelheft

Takahiko Saigo führt durch seine Schule. Im zweiten Stock üben mehrere Neuntklässlerinnen gerade ein Lied. Eine Schülerin sitzt am Klavier, eine andere dirigiert. Einige haben einen Notenständer vor sich, andere ein Buch in der Hand. Was auffällt: Obwohl Schulkleidung nicht notwendig ist, tragen die meisten Mädchen einen ultrakurzen Rock, Bluse und Blazer.

"Ich mag dieses Outfit", sagt Yuka. Misaki neben ihr trägt Sportklamotten: "Ich mag auch die Uniform, aber weil ich heute Sportunterricht hatte, bin ich gleich im Trainingsanzug gekommen."

Direktor Takahiko Saigo lächelt. Er selbst geht im Grunde mit gutem Beispiel voran. Trotz seiner 65 Jahre trägt er zu seiner Anzughose Turnschuhe und eine dunkelblaue Bikerjacke, die völlig verquer geknöpft ist. Sinnbild seiner Person, denn Saigo ist ein Querkopf im japanischen Bildungssystem.

So dürfen Schüler zum Beispiel auch im Unterricht schlafen: "Wissenschaftlich ist das ja erwiesen. Wenn man müde ist, soll man schlafen und so ein Powernap kann dabei helfen, sich danach wieder zu konzentrieren." Und tatsächlich – in einer Klasse hat ein Mädchen den Kopf auf den Tisch gelegt und schläft. Passiert ihr das oft?

"Yes, Yes, Yes." Dass sie so müde ist, liege an der Juku. Das sind die japanischen Paukschulen, in die die meisten Kinder nach dem regulären Unterricht gehen.

"Ich bereite mich auf die Eintrittsprüfung für die Oberschule vor, und da muss ich viel lernen und schlafe wenig." Schlafen im Unterricht, keine Schulglocke, Handys darf man mitbringen. In der Mittelschule ist nicht nur das anders, sagt eine 14-Jährige aus derselben Klasse: "Es gibt hier keine Tests."

Und eine Art Flextime, die vor allem hilfreich für Schulverweigerer sei. Anders als sonst üblich, müssen die Kinder an der Tokioter Mittelschule erst zum Unterrichtsbeginn erscheinen und nicht schon lange vorher. Das kann eben auch mal erst um neun Uhr morgens sein.

Entspannte Stimmung, weniger Schulverweigerer

Eine Schule ohne strenge Vorschriften – da ist es dann auch nicht immer so vorbildlich ruhig im Klassenraum. Das müsse man in Kauf nehmen, sagt Lehrer Eiji Matsuo. Er ist auch Jahrgangsleiter und zieht nach vier Jahren ohne Vorschriften eine positive Bilanz.

"Ich als Kunstlehrer kann das, denke ich, besonders gut beurteilen, denn ich sehe, wie sich die Kinder entfalten. Und genau das passiert. Ich glaube, es ist die bessere Methode." Und eine, die sich inzwischen rumgesprochen hat. Die Mittelschule erlebt einen regelrechten Run und muss jetzt einen Aufnahmestopp für Kinder aus anderen Vierteln verlängern. Takahiko Saigo ist stolz auf das Erreichte:

"Die Eltern freuen sich, denn selbst Kinder, die bisher ungern oder gar nicht zur Schule gegangen sind, gehen nun mit großer Freude." Es gebe weniger Schulverweigerer, die Stimmung sei viel entspannter. Takahiko Saigo geht dieses Jahr in den Ruhestand und muss sich dabei auch eingestehen: Eines hat er nicht geschafft. Die Arbeitszeit der Lehrkräfte zu reduzieren.

"Es gibt Leute, die denken, der Lehrerberuf sei genau dasselbe wie Feuerwehrmann oder Polizist, die 24 Stunden im Dienst sind. Aber das ist natürlich nicht der Fall, das muss sich in der Gesellschaft ändern."

Und ganz viel in den Köpfen der Lehrkräfte, wie sich am Beispiel von Englischlehrer Takayushi Miyata zeigt. Der 27-Jährige unterrichtet seit fünf Jahren an der Mittelschule in Setagaya. Es ist sein erster Job als Lehrer.  

Aufopferung ist "das Tollste" für Lehrkräfte

"Als Lehrer in Japan ist es für mich das Tollste, mich für meine Schüler zu opfern. Und das ist für alle Lehrer so." Gleichzeitig sagt er: "Meine Frau ist immer sauer, weil ich nie zu Hause bin."

Die Schule hat sein Leben fest im Griff: "Ich komme normalerweise morgens um acht und gehe abends gegen 21 Uhr wieder nach Hause, ich arbeite also täglich 13 Stunden."

Und auch mindestens einen Tag am Wochenende, denn neben dem Unterricht müssen Lehrkräfte noch jede Menge Arbeitsgruppen betreuen. Und das alles mit einem 40-Stunden Vertrag und fast unbezahlten Überstunden.

Ähnlich geht es Satoshi Natsuhara. Er unterrichtet Mathematik und betreut die Basketball-AG an der Tama Oberschule für Wissenschaft und Technik in Koganei, einem Vorort von Tokio. 

Matheunterricht in der Tama Oberschule. In einem Klassenraum sitzen Jungen und Mädchen gekleidet in Schuluniform – weiße Blusen, schwarze Jacken. (Kathrin Erdmann)Matheunterricht in der Tama Oberschule. In Flipflops steht der Lehrer vor den Schülern. (Kathrin Erdmann)
Die Stoppuhr steht auf 4’00 Minuten – so viel Zeit haben die 15-jährigen Schüler, um die gerade verteilte Matheaufgabe zu lösen. Es geht um Statistik. Ein Junge ist schon nach zwei Minuten fertig und schreibt die Lösung an die Tafel.

In Flipflops steht der 31-Jährige vor den 26 Schülern seiner Klasse. Immer wieder macht er einen Witz, die Jugendlichen lachen. Der Job macht ihm sichtlich Spaß, dabei ist auch er fast rund um die Uhr im Einsatz.

"Es ist schon ein harter Job, aber mich haben viele Menschen auf meinem Weg unterstützt, deshalb nehme ich das jetzt in Kauf. Der Beruf des Lehrers ist eben so in Japan. Die Basketball-AG macht mir Spaß, und ich wollte auch immer Mathelehrer werden. Bisher komme ich mit der Arbeitsbelastung zurecht, aber natürlich weiß ich nicht, ob das auch in Zukunft so sein wird."

Elf Stunden tägliche Arbeitszeit: Spitze in der OECD

Elf Stunden täglich arbeiten Japans Lehrkräfte im Durchschnitt und sind damit Spitzenreiter in der OECD. Das liegt aus Sicht von Schuldirektor Yasushi Shiratori nicht nur am Personalmangel.

"Ich denke, es gibt einen großen Unterschied zwischen den Lehrkräften in Deutschland und denen in Japan. Hier ist die Erwartung an die Pädagogen eine ganz andere. Sie sollen den Kindern nicht nur den Lernstoff beibringen, sondern sie auch zu guten Menschen erziehen. Sie haben auch eine moralische Verantwortung."

Deutlicher wird Teruyuki Kuniyasu von der Lehrergewerkschaft. Er ist seit mehr als 30 Jahren Grundschullehrer und geht fast immer direkt nach dem Unterricht nach Hause. "Ich mache das ganz bewusst, denn jemand muss mal zeigen, dass es auch so geht. Wenn es keiner macht, dann ändert sich auch nichts." Er sieht vor allem die Lehrkräfte selbst am Zug.

"Im Unterschied zu deutschen Lehrern fehlt den Japanern das Bewusstsein, ihr Recht einzufordern. Und das ist ein Problem, denn wie sollen sie das den Kindern beibringen, wenn sie es nicht mal für sich selbst schaffen?"

70 Prozent steigen nach drei Dienstjahren aus

Ein täglicher Spagat, an dem Yoshio Kudo zerbrochen ist. Der Lehrer aus Yokohama bei Tokio starb mit 40 Jahren an Überarbeitung, im Japanischen karoshi genannt.

"Am Wochenende hatte er zusätzlich noch die Fußball-AG und übernahm Aufgaben im Schulbezirk. In einem ganzen Monat hatte er vielleicht ein bis zwei Tage frei. Er hatte auch immer seinen Laptop dabei und hat dann zu Hause weitergearbeitet. Dazu kamen Anrufe und Mails von Eltern. Manchmal ist er beim Tippen am Rechner eingeschlafen."

Obwohl das jetzt dreizehn Jahre her ist, steht im Wohnzimmer von Sachiko Kudo noch heute ein kleiner Altar für ihren Mann. Darin liegen in einem Kästchen die Eheringe der beiden. Dahinter stehen drei kleine Schüsselchen – mit Reis, Wasser und Misosuppe. Ihrem verstorbenen Ehemann soll es an nichts fehlen.

"Mein Mann hat gesagt, es gibt keine anderen Mitarbeiter, da könne man nichts machen. Es sei schwierig."

Shoganai – da kann man nichts machen – fast ein geflügeltes Wort in Japan. Was kaum zu glauben ist: Sachiko Kudo, selbst Lehrerin, arbeitete nach dem Tod ihres Mannes drei Jahre bis zum völligen Zusammenbruch und vergaß darüber fast die beiden Töchter.

Wegen psychischer Probleme werden jährlich rund 5000 Lehrkräfte krankgeschrieben. 70 Prozent steigen nach drei Dienstjahren aus. Im Jahr 2017 starben nach offiziellen Angaben 63 durch Überarbeitung.

Bildungsministerium will Arbeitszeit reduzieren

Das Bildungsministerium weiß um die vielen Überstunden und arbeitet derzeit an einer Reform. Japanische Lehrkräfte, sagt Yoji Maruyama, der für die Grund- und Mittelschulen zuständig ist, würden sich zu 60 Prozent mit unterrichtsfremden Dingen beschäftigen. Zum Vergleich: Englische nur zu 30 Prozent. 

"Und dann muss man gucken, welche Arbeiten notwendig sind und welche nicht, wo es vielleicht auch übertrieben ist. Und dementsprechend müssen wir dann auch hier im Ministerium sehen, wie wir die Arbeitszeit reduzieren können."

Doch genau da liegt aus Sicht von Erziehungswissenschaftler Ryo Uchida das Problem. Das Ministerium wisse überhaupt nicht, was es streichen solle: "Japan investiert innerhalb der OECD-Staaten ganz wenig in die Erziehung. Dabei bräuchten wir dringend mehr Lehrer. Doch was der Staat macht, ist etwas anderes.

Statt mehr Geld in die Hand zu nehmen, fordert er die Lehrer einfach auf, weniger zu arbeiten. Doch das ist nicht so einfach, denn die sind es seit Jahren so gewohnt." Oder Überstunden in den Ferien abzubummeln, was aber – das bestätigen mehrere Lehrer und Schulleiter – wegen diverser Verpflichtungen gar nicht möglich sei.

Monstereltern und schlechte Bezahlung

Der Beamte aus dem Bildungsministerium weist den Vorwurf zurück, Japan gebe wenig Geld für seine Kinder aus. Tatsächlich zeigt die OECD-Statistik: Japans Ausgaben für Bildung machen vom Bruttoinlandsprodukt nicht einmal drei Prozent aus und liegen damit unter dem Durchschnitt. Yoji Maruyama vom Bildungsministerium:

"Die Ausgaben sind so gering, weil es in Japan nicht so viele Kinder gibt. Und pro Kopf und Kind sind die Ausgaben tatsächlich höher als in Deutschland und sogar den USA. Sie liegen im OECD-Durchschnitt." So habe man im vergangenen Jahr auch fast 1500 neue Lehrer eingestellt. Dieses Jahr sollen es doppelt so viele werden. Doch Nachwuchs zu finden wird immer schwerer, gibt er zu. Japan wird neue Wege gehen müssen.

"Wir müssen in der Uni mehr für den Lehrerberuf werben, ihn attraktiver machen. Und wir müssen verstärkt Menschen, die eine fachliche Qualifikation besitzen ohne Pädagogen zu sein, den Zugang in die Schulen ermöglichen." Statt auf Seiteneinsteiger zu spekulieren, sollte der Staat die rosa Brille abnehmen und die Realität sehen, wie sie ist, sagt Grundschullehrer Kenichiro Musha.

"In Tokio schmeißen jährlich 100 Lehrer bereits im ersten Lehrjahr den Job hin. Da sind zum einen die so genannten Monstereltern, dann die vielen Überstunden und die schlechte Bezahlung. Das will keiner auf Dauer machen. Der Lehrerberuf hat einfach einen schlechten Ruf."

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