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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.03.2017

Schulreform in FinnlandWeg vom traditionellen Fachunterricht

Von Carsten Schmiester

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Unterricht in einer finnischen Schule (dpa / picture alliance / Kuvatoimisto Rodeo / Tero Sivula)
Unterricht in einer finnischen Schule (dpa / picture alliance / Kuvatoimisto Rodeo / Tero Sivula)

Das finnische Schulsystem gilt als weltweit führend – nicht zuletzt wegen der wiederholten Spitzenplätze bei den Pisa-Studien der vergangenen Jahre. Jetzt erproben die finnischen Lehrer eine neue Idee: Schulfächer werden durch "Phänomene" ersetzt.

Sie sitzen im Kreis, die Köpfe über Tageszeitungen zusammengesteckt und diskutieren die Flüchtlingsproblematik. Sind wir überfordert oder "schaffen wir das"? Wie können wir sie integrieren, wo sollen wir sie unterbringen? Sprachunterricht in einer finnischen siebten Klasse. Aber eben nicht nur, es geht auch um eine der drängendsten sozialen Fragen dieser Zeit, und um Medien und deren kritische Nutzung.

Wenn Lernen zum Phänomen wird

"PBL" ist das Zauberwort, "Phenomenon-Based Learning", in Finnland seit Beginn des Schuljahres 2016/17 Pflicht für alle Schüler im Alter zwischen sieben und 16 Jahren, der "Phänomen-Unterricht". Als Ergänzung des bisherigen Lehrplanes, auf diese Feststellung legt das Bildungsministerium in Helsinki besonderen Wert.

Es hatte Schlagzeilen wie "Finnland schafft Unterrichtsfächer ab" gegeben und die seien so einfach falsch. Aber – der fächerübergreifende Unterricht wird deutlich erweitert und mehr auf eine projektorientierte Basis gestellt. Eija Kauppinen von der nationalen Schulentwicklungsbehörde sagt, warum:

"Die Welt um uns herum verändert sich und ich denke, dass diese Veränderungen auch das Leben und das Lernumfeld der Schüler betreffen. Wir müssen also darüber nachdenken, welches Wissen und welche Fähigkeiten sie in Zukunft benötigen."

Wissen für die Zukunft

Da zeichnet sich ein Grundkonsens in Finnland ab: Auch wenn niemand über die völlige Abschaffung traditioneller Fächer redet, in einer zunehmend komplexen Welt geht es mehr und mehr darum, Zusammenhänge zu erkennen, Phänomene eben, und nicht nur deren isolierte Einzelaspekte.

Beispiele? Themen wie "Europäische Union", "Klimawandel" oder auch – ganz aktuell - "100 Jahre finnische Unabhängigkeit" werden nach dem "PBL"-Modell künftig interdisziplinär unterrichtet oder besser: In entsprechenden Projekten, die Fächer wie "Geschichte", "Kunst", "Mathematik", "Chemie", "Physik" oder auch "Wirtschaft" zusammenführen. Lena Krokfors ist Professorin für Lehrerausbildung...

"Natürlich kümmern wir uns weiter um Grundlagenwissen, sagen wir in Mathematik. Aber wir suchen nach neuen Anwendungen, so dass wir dieses Wissen in ein gutes Gleichgewicht mit dem Wissen aus anderen Bereichen bringen."

Zusammenhänge erkennen

Klingt kompliziert, sagt im Grunde aber nur, dass man versucht, nötige Kenntnisse aus den einzelnen Fächern auch weiterhin zu vermitteln, dazu aber verstärkt deren Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Der Phänomen-Unterricht soll nach dem Willen der Planer spätestens in vier Jahren an allen finnischen Schulen angeboten werden. Diese Schulen haben aber große Freiheit in der Gestaltung ihrer Lehrpläne und entscheiden selbst, in welchem Umfang sie künftig auf "PBL" setzen.

Wie benoten?

Während dieses "Experiment" weltweit aufmerksam beobachtet wird, aber nicht so ganz einfach auf andere Schulsysteme übertragbar ist, sagt Petteri Elo, Experte für Schulreformen. Eine der Kernfragen ist etwa, wie wird dieses neue "weichere", weil komplexere Wissen abgefragt und benotet?

"In Ländern mit sehr faktenorientierten Standardtests wird der Phänomen-Unterricht wohl eher nicht funktionieren."

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