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Interview | Beitrag vom 02.01.2019

Schulleiter widerspricht BildungsforscherLehrer sind keine „Fließbandarbeiter“

Henning Rußbült im Gespräch mit Dieter Kassel

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Luzie Niedworok hockt vor einem Schreibtisch von zwei Erstklässlern und erklärt ihnen eine Aufgabe. Die Masterstudentin Niedworok hat gemeinsam mit 13 weiteren Studierenden für eine Woche lang die Grundschule Jübek / Schleswig-Holstein adoptiert und meistert den Schulalltag allein. | Foto: Birgitta von Gyldenfeldt/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Lehrerin im Einsatz an der Grundschule Jübek: Sieht das wie "Fließbandarbeit" aus? (dpa)

Sind die deutschen Schulen wie "Fabrikhallen"? Der Berliner Schulleiter Henning Rußbült widerspricht dem OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher - und lobt die Gestaltungsspielräume an den Schulen wie auch die aktive Mitarbeit der Lehrer.

Der Bildungsforscher Andreas Schleicher hat den Umgang mit Lehrern in Deutschland scharf kritisiert, aber auch die Lehrer selbst. "In Deutschland ist der Schulbetrieb wie eine Fabrikhalle organisiert", sagte Schleicher, Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und Chef der Pisa-Studie, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Die Lehrer würden viel zu oft wie Fließbandarbeiter behandelt, deren Meinung nicht gefragt sei, so Schleicher. Der Beruf sei in der Bundesrepublik zwar finanziell interessant, aber intellektuell zu unattraktiv. Es gelte das Prinzip: "Mach deine Klassentür zu und zieh den Lehrplan nach Vorschrift durch - Hauptsache, die Eltern beschweren sich nicht."

Eigene Lehrpläne an den Schulen

Ist die Situation an deutschen Schulen damit tatsächlich treffend beschrieben? Wir haben einen Schulleiter und Lehrer gefragt - und der widerspricht deutlich.

Er fühle sich nicht als Fließbandarbeiter, sagte Henning Rußbült im Deutschlandfunk Kultur. Der Schulleiter am Hans-Carossa- Gymnasium in Berlin-Spandau, der auch in der Schulaufsicht mitarbeitet, beschrieb die Schulpraxis vielmehr so: "Wir haben natürlich Rahmenplanvorgaben, es geht darum, Kompetenzen und Standards für die Schüler und Schülerinnen zu entwickeln." Aber jede Schule habe auch eigene Lehrpläne, an denen die Lehrer aktiv mitwirkten, ihre Ideen und Sichtweisen einbrächten. Rußbült widersprach auch dem Vorwurf, es gebe keine Teamarbeit.

Hervorragende Fortbildungsangebote

Wer mit Menschen arbeite, müsse sich auf Menschen einstellen können, sagte der Schulleiter. Die Lehrerpersönlichkeit spiele eine wichtige Rolle, damit Schüler und Schülerinnen den Unterricht spannend fänden. Es gebe im Übrigen hervorragende Aus- und Fortbildungen für das Lehrpersonal. Und es sei auch die Aufgabe von Schulleitern, sich Unterrichtsstunden anzusehen und mit den Lehrern über Verbesserungen zu sprechen.

(gem)

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