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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.09.2017

Schulen in BayernAn Grundschulen zu wenige Lehrer, an Gymnasien zu viele

Von Michael Watzke

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Eine leere Schultafel und eine Schultasche.  (imago / Ute Grabowsky)
In Bayern herrscht Lehrermangel - allerdings nicht in allen Schularten. (imago / Ute Grabowsky)

Die Zahl der Erstklässler in Bayern hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Die Klassen sind größer geworden, womit viele Eltern unzufrieden sind. In den Schulen wird die dünne Personaldecke beklagt. In anderen Schularten hingegen gibt es zu viele Lehrer. Braucht die Politik externe Beratung?

Erster Schultag an einer Münchner Grundschule.

"Liebe Schulkinder, liebe Eltern, ich begrüße Euch ganz herzlich."

Vor der Rektorin sitzen mehr als 100 Kinder in der Schulturnhalle. Rekord. Vor fünf Jahren waren es halb so viele Erstklässler. Nun, durch Flüchtlingszuzug und Wirtschaftsboom, drängen sich in manchen Klassen fast 30 Schüler. Viele Eltern sind damit unzufrieden.

"Die ganze Planung verwundert einen dann doch. Warum kann man das nicht vorhersehen? Ist ja nicht so überraschend: alles wächst, immer mehr Zuzügler. Das hätte man auch vor Jahren schon wissen können."

Die Schüler bilden eine lange Reihe und gehen hinter ihren Lehrerinnen ins Klassenzimmer. Noch läuft alles nach Plan, sagt eine Pädagogin:

"Der erste Schultag – wenn keiner krank wird – ist gesichert. Aber dann hab' ich ein schlechtes Gefühl, weil die Personaldecke so eng ist, dass – wenn irgendjemand ausfällt – wir eigentlich nicht wissen, wie wir das bewerkstelligen sollen."

Lehrermangel im reichen Bayern? Kultusminister Ludwig Spaenle, CSU, nennt das schlicht:

"Nonsens! Die Versorgung ist sichergestellt zum Schuljahresbeginn. Auch die mobile Reserve in vollem Umfang aufgestellt."

Bayerische Gymnasiallehrer in Berlin

Die mobile Reserve – das sind Lehrerinnen und Lehrer, die einspringen, wenn es irgendwo in Bayern an Lehrkräften mangelt – etwa wegen einer Grippewelle. Doch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) behauptet: Mit dieser mobilen Reserve stopfe das Kultusministerium dauerhafte Löcher. Die entstünden, weil in Bayern 400 Stellen an Grund- und Mittelschulen nicht besetzt seien.

"Diese 400 fehlen. Die werden aus der mobilen Reserve ersetzt. Sie fehlen dann später umso mehr",

sagt GEW-Sprecher Bernhard Baudler. Und Michael Piazolo, Bildungs-Experte der Freien-Wähler-Opposition im bayerischen Landtag, spricht von dilettantischer Personalplanung:

"Da wird immer auf Kante genäht. Man startet mit so vielen Lehrern, dass es gerade so reicht. Und dann ist man jedes Jahr überrascht, dass eine Grippewelle kommt, dass es Erkältungen gibt, dass Lehrerinnen schwanger werden und es Frühpensionierungen gibt. Dann versucht man, verzweifelt nachzusteuern. Und im nächsten Jahr macht man es wieder so. Das ist eine verfehlte Personalpolitik!"

Dabei gibt es in Bayern keinen generellen Lehrermangel - im Gegenteil. Im Gymnasial-Bereich gibt es zu viele Pädagogen. So viele, dass Bayern Gymnasial -Lehrer exportiert. Sieben Prozent aller Lehrkräfte in Berlin kommen mittlerweile aus bayerischen Universitäten, sagt Bildungs-Experte Piazolo.

"Das ist eine Fehl-Entwicklung. Weil hier sehr gut ausgebildete und engagierte Menschen durch die Schulpolitik des Kultusministeriums aus Bayern vertrieben werden. Junge Menschen, die wir dringend für die Ausbildung unserer Kinder in Bayern bräuchten."

Attraktiverer Wechsel an Grundschulen

Aber warum unterrichten in Bayern ausgebildete Gymnasiallehrer nicht an bayerischen Hauptschulen, die hierzulande Mittelschulen heißen? Ein Grund: Weil sie dort 500 Euro im Monat weniger verdienen als am Gymnasium. Ein Unding, klagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verbandes (BLLV).

"Die klare Forderung ist: Wir müssen endlich aufhören mit dem nicht erklärbaren Unterschied in der Besoldung zwischen Grund- und Mittelschul-Lehrern und anderen. Wir fordern als BLLV die Eingangsbesoldung A13 für alle."

A13 – das sind in Bayern, gestaffelt nach Dienstjahren. zwischen 4000 und 5000 Euro. Bayerns Kultusminister Spaenle lehnt das ab. Schon jetzt zahle der Freistaat im Bundesvergleich die besten Lehrergehälter. Spaenle will es Gymnasiallehrern stattdessen erleichtern, erstmal an eine Grundschule zu gehen und dann ans Gymnasium zu wechseln.

"Es besteht die Möglichkeit des Zurückkehrens. Das heißt, der Freistaat garantiert, wenn theoretisch in fünf oder sieben Jahren Lehrerbedarf in der Kombination, die die Lehrkraft ursprünglich studiert hat, am Gymnasium entsteht, dann ist eine Bewerbung für solche Stellen garantiert möglich. Das hat's vorher noch nie gegeben. Deshalb haben wir zu diesem Schuljahr 600 neue Leute an den Grund- und Mittelschulen gewinnen können. Und noch einmal 1800 stecken in der Fortbildung."

Denn eine Fortbildung braucht jeder Gymnasiallehrer, der an eine Grund- oder Mittelschule wechselt. Denn dort ist er Klassenlehrer und unterrichtet mehr Fächer als am Gymnasium. Das ist nicht zwingend die größere, aber doch eine andere Herausforderung. Die Belastung sei enorm, sagt BLLV-Präsidentin Fleischmann. Auch, weil zu wenig Lehrer zu viele Aufgaben bewältigen müssten: von Inklusion über Flüchtlingsbeschulung bis zu neuen Lehrformen.

"Und das können wir uns auf Dauer nicht leisten. Das frustriert die Kinder, das enttäuscht die Eltern, und das lässt die Lehrerinnen und Lehrer ausgepowert zurück."

Braucht es Personalplaner aus der Wirtschaft?

Burnout ist auch an bayerischen Schulen ein wachsendes Problem und führt zu mehr Unterrichtsausfall. Offiziell liegt die Ausfallquote bei 1,7 Prozent. Aber Simone Fleischmann bezweifelt diese niedrige Zahl.

"Es fallen fast neun Prozent Unterricht aus, wenn wir dazu nehmen, dass eine Lehrerin zwei Klassen nimmt. Dass ich als Schulleiterin drei Klassen in der Aula bespaßt habe. Dass wir Doppelführungen hatten, dass wir Kinder verteilt haben. Dass wir dem Sportlehrer sagen: Ach, nimmst halt noch eine Klasse mit, das wird schon irgendwie funktionieren. Ehrlich diskutieren heißt: Fie Realität an den Schulen sehen und nicht die geschönte Statistik."

Tatsache ist: In Bayern herrscht Lehrermangel für bestimmte Fächer und bestimmte Schularten. In anderen Schularten und Fächerkombinationen wiederum gibt es zu viele. Das führt dazu, dass in Bayern schon ein Examens-Durchschnitt von 3,4 reicht, um Realschullehrer zu werden. Ans Gymnasium dagegen kommen Referendare bisweilen nicht mal mit einem Einser-Notenschnitt. Kultusminister Spaenle gelobt Besserung.

"Natürlich ist es so, dass wir mit einer sogenannten Lehrerbedarfs-Prognose darauf hinweisen: Mit welcher Fächer-Kombination ist es schwieriger und mit welcher günstiger, was die Anstellung angeht."

Reicht das, um den fehlgesteuerten Lehrermangel in Bayern zu beheben? Nein, sagt Michael Piazolo, der Bildungs-Experte von den Freien Wählern. Er schlägt vor,

"… ob man nicht bei der Personalplanung im Kultusministerium sich mal Rat von außen holt? Von professionellen Personalplanern aus der Wirtschaft, die neue Ideen einbringen."

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