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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.11.2014

SchuleBrave Jungs kommen in den Himmel

Wie Jungs in der Schule benachteiligt werden

Von Susanne Schädlich

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Schüler malen an einer Hauptschule in Arnsberg (Sauerland). (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)
Still sitzen und zuhören? Vielen Jungs liegt das nicht. (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)

Raufen, toben, laut sein? Alles verboten. Am besten wäre es, Jungs wären Mädchen! Besonders in der Schule. Denn unser Schulsystem ist jungenunfreundlich, der Unterricht meist jungenuntauglich, beklagt die Schriftstellerin Susanne Schädlich.

Eine neue Klassenleiterin. Der erste Elternabend. Sie möge die Klasse, es herrsche Harmonie unter den Kindern. Nur die Jungs, ja die Jungs, die müssen noch ruhiger werden. Aber das kriege sie auch noch hin. Hinkriegen. Im übertragenen Sinne heißt das: heilen, gesund pflegen. Sind unsere Jungs etwa krank?

Vielleicht. Am besten wäre es, Jungs wären Mädchen! Besonders in der Schule. Das Schulsystem ist jungenunfreundlich, der Unterricht zumeist jungenuntauglich. Kunst und Musik – die Mädchen lieben das. Jungs machen meistens wohl oder übel mit.

Mathe, Deutsch Biologie, egal in welchem Fach, es wird gesessen, zugehört und geschrieben. Mädchen können das - besser als Jungs, sie begreifen die Welt eher über das Sehen. Wie wäre es mit Holzwerkstätten. Wieviel Kubikmeter Holz braucht man nochmal für den Schulschuppen? Erst rechnen, dann bauen. Oder im Biounterricht hinaus in die Wälder. Chemie an der Spree? Anschaulich und bewegend für Mädchen und Jungs.

Bauen, entdecken, experimentieren, wieder kaputt machen

Schon rein biologisch sind Jungs aufgrund des höheren Testosterongehalts lebhafter als Mädchen, sie haben einen größeren Bewegungsdrang. Weil sie nicht stillsitzen, bekommen sie Disziplinarmmaßnahmen, werden gemaßregelt. "Ihr Sohn kann sich nicht konzentrieren und zappelt dauernd rum." Jungs ecken an, weil die Welt eng geworden ist. Normiert. Uninteressant. Zumindest, oder vor allem, in der Schule. "Ihr Sohn fragt zuviel."

Bauen, entdecken, experimentieren, wieder kaputt machen, neu versuchen. All das kommt im Jungen-Schulalltag nicht vor. Auch selbständiges Denken ist nicht gern gesehen. Da wird auch schon mal ein Arbeitsblatt vom Lehrer zerrissen, wenn der Junge die Aufgabe einmal wieder nicht genauso gelöst hat wie vorgegeben, und noch dazu schneller als die anderen.

Raufen ist sowieso verboten. Sollte es doch vorkommen, wird sogleich eine kriminelle Zukunft vorhergesagt. "Morgen kommt Ihr Sohn mit einem Messer an." Es herrschen Harmoniesucht- und seligkeit, Gleichmachung und Langeweile. Jungen rebellieren eher als Mädchen. Und wenn sie es tun, sind sie gleich aggressiv und uneinsichtig. Kinder sollen gehorchen.

Mädchenbonus für angepasstes Verhalten

Der Mädchenbonus für angepasstes Verhalten, aktive Mitarbeit und "selbstgesteuertes Lernen" bei gleicher Leistung, so belegen Studien, rangiert um durchschnittlich eine Note höher. Jungs sind also die Verlierer im Bildungssystem?

Wahr ist, es gibt deutlich mehr Schulabbrecher, Sitzenbleiber und Förderschüler unter ihnen. Wahr ist auch, die Anzahl der ADHS-Diagnosen ist in den letzten Jahren um 40 Prozent gestiegen ist. Verabreicht wird oft das "Medikament" Ritalin, überwiegend an Jungs.

Ruhe im Karton. Brave Jungen kommen in den Himmel. Brav ist pflegeleicht. Dabei gilt: In einer optimalen Schulstunde sollten sich Kinder mindestens viermal bewegen, dreimal laut lachen und es müsse auch einmal Chaos herrschen.

Das Leben ist nicht Reih und Glied. Ob Jungen oder Mädchen, Widerspruch, Aufbegehren und Anderssein sollten nicht bestraft, Unterschiedlichkeit im Verhalten nicht zugunsten des einen oder anderen Geschlechts bewertet werden. Gleichberechtigung beginnt im Kindesalter und geschlechtsspezifisches Verhalten ist nicht per se schlecht. Braucht sich nur noch das Bildungssystem zu ändern.

Susanne Schädlich, Schriftstellerin, geboren 1965 in Jena, verließ zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester 1977 die DDR. 1987 ging sie in die USA, wo sie mit literarischen Übersetzungen begann. Ab 1993 arbeitete sie u. a. am Max Kade Institute in Los Angeles. 1996 erhielt sie ein Stipendium der University of Southern California und schloss 1999 das Studium der Neueren Deutschen Philologie ab. Danach kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie mit ihren beiden Söhnen lebt. Gerade ist ihr Roman "Herr Hübner und die sibirische Nachtigall" bei Droemer Knaur erschienen.

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