Immer schwieriger

Raus aus der Schuldenfalle

12:55 Minuten
Illustration: Drei schwarze Krähen sitzen auf einem Sparschwein.
Hilfe vorhanden: Deutschlandweit gibt es mehr als 1400 anerkannte Schuldnerberatungsstellen, die kostenfrei arbeiten. © imago / Ikon Images / Otto Dettmer
Von Anke Petermann · 22.03.2022
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Uwe Meier kennt seine Ausgaben - auf den Cent genau. Er war stark überschuldet und führt bis heute Haushaltsbuch. Vor allem für Einkommensschwache steigt die Gefahr, sich zu verschulden. Die Coronakrise und explodierende Preise verschärfen das Problem.
Uwe Meier hat einen Alkohol- und Kokain-Entzug gemacht und unter Aufsicht eines Insolvenzberaters einen Teil seiner Schulden abgetragen. Die restlichen Schulden wurden ihm auf Antrag erlassen, in einem fünf Jahre währenden Verfahren. Der Mittfünfziger, der eigentlich anders heißt, hat heute einen festen Job, eine gepflegte Wohnung und genauen Überblick über seine Finanzen. Die Stimme haben wir auf seinen Wunsch hin verfremdet.
„Ich führe heute noch Haushaltsbuch, und zwar über jeden Cent. Also ich kann Ihnen, nachdem ich mein Girokonto gecheckt habe, innerhalb von zwei Minuten sagen, wo ich heute mit meinem Gehaltseingang stehe und was ich an Rücklagen davon wegnehmen kann und am Ende des Monats habe – Cent-genau. Und das mache ich jeden Tag. Ich gehe jeden Tag ins Onlinebanking und schaue auf mein Konto. Und wenn etwas abgeht, trage ich es in mein Haushaltsbuch ein.“

Selbstverantwortung zurückgewinnen

In der Schuldnerberatung der Caritas Mainz tauchte der Küchenmeister gar nicht besonders häufig auf, erzählt sein Berater. Meier reichten die Impulse weniger Gespräche, erinnert sich Claudius Hotz. Nach dem Drogenentzug erlangte dieser Klient schnell die Selbstverantwortung für sein Leben zurück, auch für sein Finanzgebaren.
„Manche checken das, und dann sind sie fast noch besser organisiert als der Durchschnittsmensch, weil der Durchschnittsmensch legt sich nicht für jeden Monat einen Haushaltsplan an und schaut, was kriege ich diesen Monat, und welche Ausgaben habe ich diesen Monat.“

Deutschlandweit gibt es mehr als 1400 anerkannte Schuldnerberatungsstellen, die kostenfrei arbeiten. Träger der Einrichtungen sind meist gemeinnützige Organisationen wie Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Diakonie oder Deutsches Rotes Kreuz. Auch die Verbraucherzentralen und kommunale Stellen bieten Schuldnerberatungen an. Mit dem Schuldnerberatungsatlas des Statistischen Bundesamts lassen sich Beratungsstellen in der Nähe finden.

Mit dem schnellen Überblick hat Uwe Meier es leicht. Denn seine monatlichen Fixkosten hat er auf wenige Posten reduziert.
„Ich habe für mich persönlich vielleicht sechs, sieben Posten, die von meinem Konto abgehen, die man nicht abwerfen kann als Ballast, das sind so Sachen wie Strom, Gas, Miete, Nebenkosten, Telefon, Internet – ohne geht es nicht. Und alles andere, was ich habe, ist von heute auf morgen abwerfbar, ohne Kündigungsfrist - von heute auf morgen.“

Alltagskostenfallen identifizieren

Das heißt allerdings: Statt eines teuren Handyvertrags kauft Uwe Meier eine Prepaid-Karte im Discounter. Sport treibt er selbst organisiert, statt ins Fitnessstudio zu gehen. Seine Versicherungen hat er auf das Nötigste abgespeckt. Meier arbeitet für ein Catering-Unternehmen. Sich für unter vier Euro am Tag schmackhaft zu verpflegen - kein Problem für den Küchenmeister. Weil er die Alltagskostenfallen klar identifiziert hat. Unter anderem: Essen gehen und bestellen, Fleisch und Markenprodukte kaufen.
Oder: „Ich geh‘ in den Supermarkt und kauf‘ mir fertig gezupften und gewaschenen Salat. Klar kostet so ein Beutel – verzehrfertig – das Doppelte von einem ganzen Kopf. Von dem ganzen Kopf krieg ich mit ein paar Radieschen, Tomaten, Gurken drin den ganzen Tisch satt, mit den Erwachsenen. Kinder essen gern auch mal Nudeln mit Tomatensause, da machen sich die Eltern halt noch ein paar Muscheln drunter, dann ist es ein Essen für 1,20 Euro im Einkauf – wenn überhaupt. Und die Kinder sind happy und satt. Man muss ja keine Puddings kaufen. Frisches Obst holen, Quark selbst machen. Da würde ich ansetzen, wenn ich Familienvater wäre, und meine Kinder würden noch bei mir leben.“

Unvorhersehbare Kostensteigerungen

Dass die Preise von Sonnenblumenöl und Mehl explodieren, bekommt Uwe Meier beim Einkauf fürs Catering aus nächster Nähe mit. Und dass sich Nebenkosten unverschuldet mehr als verdoppeln können, obwohl man die Raumtemperatur nach unten regelt, hat er selbst schmerzhalft gespürt.
„In einer 150-Quadratmeter-Wohnung hatte ich 120 Euro Gaskosten bis letztes Jahr, habe jetzt den Versorger wieder gewechselt. Der ist dann pleitegegangen. Da musste ich mir den Grundversorger suchen und habe statt 120 Euro jetzt 270 Euro pro Monat.“

Noch sieht man es nicht an der Überschuldungsquote, aber vor allem Kleinstselbstständige wurden massiv durch die Pandemie getroffen. Gemeinnützige Beratungsstellen erhalten mittlerweile deutlich mehr Anfragen. „Je früher man zur Beratung geht, desto besser“, sagt die Juristin Susanne Fairlie-Schade, die für eine Berliner Schuldnerberatung arbeitet. Reporterin Magdalena Neubig hat u.a. mit ihr über die Überschuldungssituation in der Coronakrise gesprochen .

Solche unvorhersehbaren Kostensteigerungen können in die Schuldenfalle führen. Doch Uwe Meier hat seit Ende seines eigenen Insolvenzverfahrens gespart und Reserven aufgebaut. Andere können das nicht.

Nur 10 bis 15 Prozent lassen sich beraten

Christiane Sieben leitet das Caritas-Zentrum St. Elisabeth in Bingen und beobachtet, „dass im Moment in die Beratungsstellen oft Menschen und Familien kommen mit ein, zwei Kindern, die im Niedriglohnbereich arbeiten, das heißt 1400, 1500 Euro im Monat haben. Und da ist nach Abzug von Miete, Lebenshaltung und sonstigen Kosten das ganze Geld im Monat auch aufgebraucht. Dadurch ist eine finanzielle Knappheit gegeben, die sicher langfristig Auswirkungen in den Familien haben werden.“
Bis Jahresende macht sich Christiane Sieben auf größeren Zulauf für die Schuldnerberatungsstelle im Caritas-Zentrum Bingen gefasst. Menschen, die sich hier helfen lassen, gehören allerdings zu einer Minderheit. Tatsache sei, „dass 10 bis 15 Prozent der verschuldeten Haushalte in eine Schuldnerberatungsstelle kommen. In eine Schuldnerberatungsstelle, die kostenfrei arbeitet. Es gibt in Deutschland 1400 Beratungsstellen bei großen Trägern, Rotem Kreuz, Caritas, Diakonie oder auch bei den Kommunen.“
Diese werden oft erst aufgesucht, wenn Betroffene nach planlosen Abzahlungsversuchen und schlaflosen Nächten keinen Ausweg aus einer Überschuldung mehr sehen.

Immer schwieriger, Auswege zu finden

Doch Auswege zu finden, wird immer schwieriger. Geplanter einzukaufen und zu tanken, Freizeitaktivitäten selbst zu organisieren, statt irgendwo zu buchen, rät Christiane Sieben, weiß aber, dass Familien mit knappem Einkommen angesichts der Preissteigerungen an Grenzen stoßen.
„Da bleibt bei diesen Kosten und der Inflation, die noch zu erwarten ist, nicht mehr viel übrig.“
Aus dem sogenannten Paket für Bildung und Teilhabe können einkommensarme Familien Schulmaterialien und Vereinsbeiträge zahlen. Aber, so die Leiterin des Caritas-Zentrums Bingen: „Wir hatten gerade einen aktuellen Fall, dass es hieß: ‚Im Rahmen von Bildung und Teilhabe wird Nachhilfe mit 10 Euro die Stunde bezahlt.‘ Aber weder Nachhilfe-Institut noch privat bekomme ich für 10 Euro. Also, es wird auch mit Sätzen gearbeitet, die es auf dem Markt gar nicht mehr gibt.“
Und da sei die Politik gefragt, Familien mit geringem Einkommen stärker zu entlasten.

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