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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.10.2009

Schuld als ambivalente Größe

David Peace: "Tokio im Jahr Null", Liebeskind, München 2009, 415 Seiten

Panorama der Verwirrung und Zerstörung  (Stock.XCHNG / Pat-swan)
Panorama der Verwirrung und Zerstörung (Stock.XCHNG / Pat-swan)

Ein Inspektor soll im Kriminalroman "Tokio im Jahr Null" eine Reihe von Frauenmorden aufklären, doch der Ermittler wird selbst zum Fall. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter sind bei dem britischen Schriftsteller David Peace fließend.

Der Kriminalroman gilt als eskapistisches Genre, als blutige Form des Entertainments, die Lesern jene wohligen Schauer bereitet, die aus zwei Haltungen entstehen. Die eine bedeutet Distanz: Wir sind Zaungäste in einem Reich des Schreckens; behütet in unserer bürgerlichen Welt genießen wir den Blick in soziale, psychologische Abgründe. Die andere verspricht Identifikation: Ungestraft können wir mit einem Killer auf Jagd gehen, mit Räubern coole Coups aushecken - das gesellschaftliche Andere wird in einer bekömmlichen Art erfahrbar.

David Peace macht dieser gelernten Rezeptionsweise einen Strich durch die Rechnung: Fürs selbstsichere Gruseln ist sein Werk zu spröde, der Duktus zu realistisch. Für die lustvolle Komplizenschaft ist das Böse nicht glamourös genug. Tatsächlich zeigt sich das Verbrechen in seinen Büchern als moralischer und politischer Strukturzusammenhang, in den alle - Gesetzeshüter wie Kriminelle - unerbittlich eingespannt sind.

"Serienmörder interessieren mich nicht", sagte der Autor einmal im Interview. "Was mich interessiert ist, wie sich ihre Verbrechen auf ihre Zeit und auf die Gesellschaft auswirken können." Diese Wirkkräfte der Gewalt erforscht Peace in seinem neuen Roman nun im Tokio des Jahres 1946. Die Stadt ist nach der Kapitulation ein Trümmerfeld, eine Hölle der Gier und Korruption, bevölkert von einer gedemütigten Gesellschaft, die in den Wirren des Wiederaufbaus auch ihre kulturelle Identität wiederherstellen muss.

Ein Inspektor soll eine Reihe von Frauenmorden aufklären, doch der Ermittler wird selbst zum Fall: Welche Schuld aus seiner Zeit als Soldat schleppt er mit sich herum? Wie sind seine Kollegen in die Morde verstrickt? Welche Rolle spielt ein mächtiger Bandenboss bei den Verbrechen und warum hat er solche Macht über den Kommissar?

Ähnlich wie bei Krimistar James Ellroy, mit dem Peace oft verglichen wird, sind auch hier die Grenzen zwischen Opfern und Tätern fließend. Schuld ist keine simple Größe im moralischen Koordinatensystem einer Gesellschaft, sondern eine diffuse Energie, die alles durchwirkt und antreibt: Fortschritt und Reaktion, Erneuerung und Verfall.

Anders als bei seinem amerikanischen Kollegen mutet Peace dem Leser jedoch eine Sprache zu, die die Illusionskraft des Erzählens einerseits erhöht, andererseits aushöhlt. Denn der Text ist durchsetzt von Liedschnipseln, Propagandatexten, politischen Statements und immer wieder den Erinnerungsfetzen des Helden. Im Fortgang des Buchs setzen sie sich zu einem Panorama der Verwirrung und Zerstörung zusammen. Dieser Kommissar Minami ist eine buchstäblich zersplitterte Figur, und durch ihre Risse hindurch lässt Peace das Böse als gesellschaftliche Konstante aufglühen.

In seinem legendären Rotkäppchen-Quartett - vier Romanen über die Ripper-Morde der 70er- und frühen 80er-Jahre im englischen Yorkshire - fächerte David Peace die Schrecken der beginnenden Thatcher-Ära auf. Nun seziert er einen einstmals expansionistischen Staat, der seine Kapitulation verkraften muss. Letztlich aber schreibt Peace über die moderne Gesellschaft, die ihre Traumata an den Schwachen und Schwächsten abarbeitet.

David Peace schreibt, so schrecklich es ist, über uns.

Besprochen von Daniel Haas

David Peace: "Tokio im Jahr Null"
Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, 415 Seiten, 22 Euro

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