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Länderreport | Beitrag vom 29.11.2018

Schüler-Aktion in Rheinland-PfalzWeihnachtspäckchen mit Teddys und Puzzles für Osteuropa

Von Anke Petermann

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Nele (links) und Alison schauen in Päckchen, denen die Altersangabe fehlt, verpacken sie und schreiben drauf, für wen sich das Geschenk eignet. (Anke Petermann)
Nele (links) und Alison schauen in Päckchen, denen die Altersangabe fehlt, verpacken sie und notieren, für wen sich das Geschenk eignet. (Anke Petermann)

Sammeln, umpacken, abtransportieren: Hunderttausende Weihnachtspäckchen werden in diesen Tagen Richtung Osteuropa verschickt. Und damit die Geschenke auch rechtzeitig ankommen, arbeiten die freiwilligen Helfer hierzulande auf Hochtouren.

Vor den Viertklässlern der Mainzer Dr.-Martin-Luther-King-Grundschule türmt sich ein Berg von rund 80 Päckchen in buntem Geschenkpapier auf. Aufkleber kennzeichnen, für welche Altersklasse die Weihnachtsgeschenke gedacht sind, ob sie für Jungen oder Mädchen bestimmt oder neutral sind. Die vierte Klasse ist die schulweite Sammelstelle. Viele der Zehn-, Elfjährigen haben selbst ein Päckchen gepackt:

"Ich hab' Schulsachen und Zahnpasta und Shampoo."

"Ich hab' Kleidungen, die mir zu klein sind, und Zahnbürsten und Zahnpasta und noch Handschuhe."

"Ich hab' einen riesengroßen Transformer, das kennt wahrscheinlich niemand. Das ist ein großer Wagen, das ist ein Riesenpaket."

Ramon verschickt seinen Transformer

Eine Mischung aus Auto und Actionfigur, sagt Ramon strahlend.

"Der kann sich in zwei Stück verwandeln, da kann man auch ein bisschen kämpfen und so. Den hab' ich schon, seit ich sechs bin. Der ist schon vier Jahre alt, aber klappt immer noch super, keine Gelenke kaputt, nix. Der wird sich freuen."

Der Junge irgendwo in Osteuropa, der seinen Transformer bekommt - da ist sich Ramon sicher. Gleich hilft der Elfjährige, die Päckchen auf den Anhänger des Wiesbadeners Daniel Klein zu laden. Doch vorher sitzt Ramon mit seinen Klassenkameraden rund um den Geschenkeberg und hört dem jungen Ehrenamtler zu, der mit im Stuhlkreis sitzt.

"Ich bin ja vom Verein Round Table, und wir engagieren uns ja für die Abholung der Päckchen. Das heißt, wir bringen die Päckchen von euch zu den Kindern in Rumänien, in Moldawien, in der Ukraine und Ungarn. Und wir haben 2001 angefangen, Päckchen zu sammeln, das waren 11.300, und im letzten Jahr waren es 132.000 Päckchen, die wir gesammelt haben, dank euch."

Viermal fuhr Daniel Klein, dessen Mutter aus Rumänien stammt, selbst mit einem zwei Kilometer langen Weihnachtspäckchen-Konvoi aus 40-Tonnern dorthin. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen verteilte er Geschenke an Schulen, Kindergärten und Familien, die Round Table auf Empfehlung von Partnerorganisationen vor Ort auswählt. Der Unternehmensberater erlebte mit, wie ein kleines Mädchen sein Päckchen ganz zögerlich auspackte und einen rosa Plüschhasen hervorzog.

"Es gibt den Kindern so viel Hoffnung"

"Und dann passiert Folgendes."

Klein schaut in die Runde und drückt den imaginären Plüschhasen ganz fest an sich.

Was das Mädchen damit sagen wollte:

"'Das ist meiner, den geb' ich nicht mehr her. Da war ich auch kurz vor den Tränen, weil ich gesehen habe, das ist ein Päckchen, das kommt wirklich an, es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es gibt den Kindern so viel Hoffnung."

Geschenkeberg in der Dr.-Martin-Luther-King Grundschule in Mainz (Anke Petermann)In der Dr.-Martin-Luther-King Grundschule in Mainz hat sich ein richtiger Geschenkeberg aufgetürmt. (Anke Petermann)
Humanitäre Nothilfe im eigentlichen Sinn sind Weihnachtspäckchen nicht, das weiß Daniel Klein. Ob Geschenkaktionen wie diese als "Türöffner" die Spendenbereitschaft für nachhaltige Entwicklung mobilisieren oder eher Mittel abziehen, darüber streiten sich Eltern in Internetforen. Um zwei Euro bitten die Round-Tabler für ihren Weihnachtskonvoi. Ein großer Logistik-Unternehmer hilft außerdem, den Transport zu finanzieren.

Von Mainz nach Koblenz: Im Industriegebiet Kesselheim liegen viele Hallen schon im Dunkeln. Aber in einer Spedition herrscht Hochbetrieb, dem Zentrallager für den Konvoi der Round-Tabler. Ein Dutzend Männer und Frauen in neongelben Westen entladen Weihnachtspäckchen aus vorgefahrenen 20-Tonnern in Gitterkörbe. In einer Halle packen sie die Päckchen in große Kartons, stapeln diese auf Paletten und fahren sie mit Gabelstaplern in die Nachbarhalle. Von dort werden sie kurz vorm Start Richtung Osten auf die großen Sattelzüge verladen.

"Ein wahnsinnig tolles Projekt"

"Und der Konvoi fährt dann am 1.12., also Samstag, ab."

Sagt Zentrallagerchefin Julia Stürmer, Mitglied im Ladies' Circle. In diesen Tagen pendelt die Marketing-Mitarbeiterin eines hessischen Chemie-Konzerns abends und am Wochenende zwischen Hanau und Koblenz. Auf Freizeit verzichtet sie gern,

"… weil ich es einfach ein wahnsinnig tolles Projekt finde, es ist unbeschreiblich, wenn man sieht, wie ein Kind das erste Mal in seinen Leben in einen Schoko-Nikolaus beißt oder Päckchen auspackt und hat Haarspangen drin, die direkt in die Haare geklemmt werden. Es sind einfach ganz, ganz tolle Momente, die den Aufwand wirklich rechtfertigen."

Alexa Bartens lässt ein Paket neben ein anderes in den Karton gleiten wie im Computerpuzzle.

"Wir spielen so auf die Art Tetris, damit man so viele wie möglich in einen Karton bekommt."

Bartens' achtjähriger Sohn Finn ist in eine Gitterbox geklettert und reicht anderen die Pakete an. Sein Vater ist Round-Tabler, mit allen drei Kindern hilft die Familie in der Sammelphase seit Mitte November regelmäßig.

"Wir gucken immer, wann es passt, berufsbedingt, auch mit den Kindern, wie heute Abend, ein Freitag, da kann man auch mal was länger machen, denn da haben wir ja schon 20 Uhr. Eben hat der Kollege gefragt, ob die nicht schon im Bett sein müssten, aber die sind da immer sehr engagiert. Die haben auch im Kindergarten und in der Schule gesammelt, und die sind auch immer ganz aktiv."

"...weil die keine Geschenke bekommen und wir schon"

Auch die elfjährige Nele. Soeben packt sie gemeinsam mit der gleichaltrigen Alison Kartons ohne Altersangaben aus, "… weil manche Leute haben leider vergessen, das drauf zu schreiben. Darum müssen wir reingucken. Und zum Beispiel hier so ein Teddy, da müssen wir halt einschätzen, für welche Altersklasse das ist."

Nele zieht den Arzt-Teddy mit rotem Kreuz auf blütenweißem Kittel hervor. Darunter liegt noch ein Puzzle mit großen Holzteilen.

"Ich würde sagen, so Kindergartenalter und Junge."

Nele schließt den Kartondeckel sorgfältig, und schreibt das drauf. Ihr macht es Spaß mitzuhelfen - mit Blick auf die Kinder in den Zielländern.

"… weil die keine Geschenke bekommen, und wir schon. Und das ist ein schöner Anlass, denen auch was zu geben. Weil deren Eltern können sich das nicht leisten und unsere schon."

Manche Päckchen bringen Nele und Alison zum Schwärmen.

"Cool." "Das ist wirklich süß, so ein Kuscheleinhorn."

In rosa, daneben ein Mäppchen in violett.

"Das ist auch sehr schön, da ist eine Schere drin, ein Paar Stifte."

"Die tauschen auch untereinander"

Qualitätsstifte und Kleber – perfekt für eine Grundschülerin. Andere Kartons wirken kurios: ein riesiger roter enthält nur zwei winzige gebrauchte Spielzeugautos sowie Bleistift und Anspitzer in einer Ramsch-Verpackung, vermutlich keine langlebigen Produkte. In einem anderen: Unmengen von Süßigkeiten.

Die schokoüberzogenen Kekse wirken nicht mehr taufrisch, daneben grell-gelber Plüsch.

"Das ist so von Aldi, so ein Kuscheltier."

Konstatiert Nele. Ob sie selbst sich über so etwas freuen würde?

"Ja …"

Klingt etwas zögerlich. Wer nichts hat, wird sich über alles freuen - ist das die Annahme? Was aber, wenn das Traumkleidchen aus Deutschland dem rumänischen Mädchen nicht passt und die Billigstift-Mine dem ukrainischen Jungen nach dem Anspitzen sofort wieder abbricht?

"Also, mein Schwager ist letztes Jahr sogar mitgefahren mit dem Konvoi", erzählt Alexa Bartens, "und die haben gesagt, die tauschen auch untereinander, die Kinder vor Ort, wenn die dann sehen, das Kind neben dran hat nur zwei Sachen im Päckchen und das Mädchen oder der Junge, der daneben sitzt, hat dann so 20 Teile in dem Paket, dann sind die schon so, dass die sagen, 'hier, du kriegst noch ab'."

Die Helferin versenkt ein weiteres Päckchen im Umkarton. Noch eine halbe Stunde, dann haben die Bartens Feierabend – für heute.

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